(Predigt über Johannes 19,16-30 am Karfreitag 2019 Pretoria)


Move 1 Deutung einer Lebensgeschichte

Wer war dieser Mensch? So fragen wir bei jeder Beerdigung. Am Ende des Lebens, da kann auf diese Frage erst eine endgültige Antwort gegeben werden.

Solange ein Mensch lebt, sind die Antworten auf diese Frage immer nur vorläufig möglich. Jeder Tag, jeder Moment kann dem Leben eine unerwartete Wendung geben. Traurige Erlebnisse, Glücksfälle, Sackgassen, Umwege, Irrwege und Abbrüche passieren.  

Solange man lebt, kann keiner sagen, ob eine Niederlage nicht doch ein Sieg, ein Glück nicht doch ein Verlust ist. Klarheit gibt es erst am Ende, wenn ein Mensch vollständig ist in seiner ganzen Gestalt.

Manches Leben endet viel zu früh, viel zu plötzlich. Einige von uns mussten das schon bei geliebten Menschen miterleben. Möglichkeiten sind offen geblieben, Träume unerfüllt. Dennoch möchte ich sagen: am Ende ist die Gestalt eines Lebens vollständig. Am Ende lässt sich Bilanz ziehen, ist eine Deutung möglich. Warum hat er oder sie so gehandelt, warum konnte sie nicht anders? Was für ein Mensch fehlt nun in meinem Leben?

Wie sich die Frage für jedes Menschenleben stellt, so auch bei Jesus.

„Seht, welch ein Mensch“, das sind die Worte von Pilatus, nachdem er bemerkt hat, dass er dem Volk einen Unschuldigen ausliefert, um ihn ans Kreuz nageln zu lassen. „Seht, welch ein Mensch“, der sich widerstandslos einen Purpurmantel umlegen und eine Dornenkrone aufsetzen lässt. Der sich foltern und geißeln lässt. Wortlos alles hinnimmt.

Move 2 Es ist vollbracht

Jesus trägt sein Kreuz bis nach Golgatha. Und dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten. Jesus aber in der Mitte.

Wir haben das Evangelium des Johannes gehört. Der Tod Jesu am Kreuz ist uns heute schmerzlich präsent.

Das Ende vor Augen sind es 4 Dinge, die Jesus auf dem Herzen liegen, bevor er stirbt. Seine letzten Worte:

  • An seine Mutter gewendet: Siehe, das ist dein Sohn
  • An seinen Jünger gewendet, den er lieb hatte: Siehe, das ist deine Mutter

Jesus wendet sich also im Sterben seinen Nächsten zu. Kümmert euch umeinander. Das, was er ihnen mit auf den Weg gibt. Gebt aufeinander acht. Er kann es nicht mehr tun.

  • Mich dürstet, zum letzten Mal ein elementar körperliches Verlangen und nachdem der Durst gelindert ist.
  • Es ist vollbracht. Es ist zu Ende gebracht.

Der Tod ist der Schlusspunkt hinter seiner erfüllten Pflicht, die Aufgabe ist erledigt. „Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“ betet Jesus im Garten Gethsemane, als er darum bittet, dieser Kelch möge an ihm vorüber gehen.

Mit einem Seufzer, aber auch befriedigt, beendet Jesus sein Leben am Kreuz.

Es ist vollbracht.

Was ist da vollbracht? Was ist mit dem Sterben Jesu zu Ende gebracht?

Eine Geschichte soll es verdeutlichen:

Es war einmal ein Land an einem großen Fluss. Immer wieder gab es Überschwemmungen dort, unter denen die Bevölkerung schwer zu leiden hatte. Allein das Schloss des Königs lag auf einem Berg über dem Fluss.

Eines Tages gab es wieder eine schwere Überschwemmung. Städte und Dörfer drohten in den Fluten zu versinken. Da schickte der König seinen Sohn hinunter in die Städte und Dörfer. Er sollte den Menschen Mut zusprechen und ihnen zusichern: der König hilft euch und lässt euch nicht im Stich. Außerdem sollte er von den großen Dämmen und Auffangbecken erzählen, die der König am Oberlauf des Flusses bauen ließ, um die Hochwasser unter Kontrolle zu bringen. Dafür würde der König seinen ganzen Reichtum ausgeben.

Der Königssohn zog also los und die Menschen freuten sich, wenn er zu ihnen sprach. Aber doch dachten sie in ihren Herzen: "der Königssohn hat gut reden. Wenn es ganz schlimm kommt, dann geht er zurück in sein Schloss und ist dort in Sicherheit. Und ob das stimmt, dass der König seinen ganzen Reichtum ausgeben wird, um uns vor dem Hochwasser zu retten? Er wohnt doch sicher. Was macht es ihm denn aus, dass ab und zu einige von uns in den Fluten umkommen?"

Der Königssohn zog durch das ganze Land. Schließlich kam er in die Nähe eines Dorfes, das ganz besonders von der Überschwemmung bedroht war. Es lag auf einer Insel. Und wenn das Wasser weiter steigen und die Strömung des Flusses immer reißender werden würde, dann könnte bald niemand mehr das Dorf verlassen. Nur wenige Menschen harrten noch im Dorf aus. Sie bauten Dämme und versuchten, die Häuser gegen die Fluten zu schützen. Der Königssohn nahm seinen ganzen Mut zusammen, setzte über den reißenden Strom hinüber und ging zu diesen Dorfbewohnern, um auch ihnen Mut zuzusprechen.

Am folgenden Tag stieg das Wasser, und das ganze Dorf wurde von den Fluten mitgerissen. Einige konnten sich noch aus den Fluten retten. Der Königssohn aber ertrank.

Die Überlebenden sagten zueinander: "Jetzt glauben wir: der König lässt uns nicht im Stich. In der großen Gefahr ist sein eigener Sohn nicht von unserer Seite gewichen. Er hat sich nicht in sein sicheres Schloss zurück gezogen. Er hat sich der Flut entgegen gestellt wie wir. Er ist untergegangen wie unseres gleichen. Jetzt glauben wir auch, der König wird nicht zulassen, dass diese Fluten immer wieder kommen. Jetzt glauben wir, dass wir uns auf den König verlassen können."

Move 3 Es gibt keine größere Liebe …

Liebe Gemeinde, "Es gibt keine größere Leibe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde dahin gibt" sagt Jesus an einer Stelle im Johannesevangelium (Joh 15,13).

In dieser gerade gehörten Geschichte steht der Königssohn ein für die Liebe des Königs zu seinem Volk. Er steht dafür ein: der König lässt sein Volk nicht im Stich.

Er hätte sich leicht in Sicherheit bringen, vor der drohenden Gefahr zurückziehen können. Doch dann hätte man seinen Worten nicht geglaubt.

Weil er sich eben nicht zurückzieht, sondern dasselbe erleidet wie die anderen Menschen, weil er mit ihnen Seite an Seite steht und zu ihnen hält bis in den Tod, darum werden seine Worte und die Liebe zu ihnen glaubwürdig.

Wie der Königssohn, so stand Jesus mit seinem Leben für die Liebe Gottes ein, zu allen Menschen. Nicht nur zu einigen Auserwählten. Jesus sprach davon, dass Gott uns befreien wird von allem, was unser Leben bedroht, dass er uns nicht auf ewig den Mächten des Todes überlassen würde.

Hätten wir das Jesus abgenommen, wäre er damals aus Jerusalem geflüchtet? Hätten wir Jesus abnehmen können, dass Gottes Liebe stärker ist als der Tod, wenn er vor seinen Gegnern davon gelaufen wäre?

 Move 4 Gott ist stärker als der Tod

Jesus wusste, dass er bereit sein musste zu sterben, um zu zeigen: Gott ist stärker als der Tod.

Das ist der Weg, den er vor sich sieht, als er sich am Abend des Passamahls, mit der Einsetzung des Abendmahls von seinen Jüngern verabschiedet. Er hätte fliehen können. Aber nur, wenn er sich selbst und Gott aufgegeben hätte.

Nein, Jesus geht seinen Weg und erleidet, was auch andere  Menschen schon immer und immer noch durchzustehen haben: Einsamkeit, Verlassenheit, Beleidigungen, Ohnmacht, Folter, Angst und Schmerzen. Er steht es durch, um zu zeigen: in all dieser Not … Gottes Liebe bleibt stärker. Ich bleibe… ich laufe nicht weg. Ich durchleide, was ihr durchleiden müsst.

Das, liebe Gemeinde, ist auch das Opfer, das Jesus bringt. Er gibt sein Leben hin. Aber nicht - wie es seit dem Mittelalter oft missverstanden wird - um einen Gott zu besänftigen, der auf die Menschen zornig ist, um sozusagen für das Versagen und die Schuld der Menschen eine Ersatzleistung zu bringen. Jesus opfert sich nicht, um GOTT umzustimmen.

Move 5 Jesus opfert sich, um UNS umzustimmen

Jesus opfert sich, um UNS umzustimmen. Er opfert sich, um uns von unserem Misstrauen gegen Gott abzubringen. Um für die Wahrheit einzustehen, die alle Angst und Not wendet. Gott ist die Liebe, die stärker ist als der Tod.

Jesu Tod ist darum eine Garantie. Wie in der Geschichte der Tod des Königssohns für die geplagten Bewohner dieses Landes eine Garantie ist, dass ihr König es gut und ehrlich mit ihnen meint.

Das am Kreuz vergossene Blut Jesu ist die Garantie dafür, dass Gott zu uns steht. Darum heißt es auch in den Einsetzungsworten zum Abendmahl: dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.

Das Blut Jesu besiegelt die Zusage Gottes: meine Liebe zu euch ist stärker als der Tod. Das Blut Christi, das für den Tod Jesu steht, sagt uns: Gott hat sich mit uns verbunden und nichts wird uns von der Liebe Gottes scheiden. "Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch eine andere Kreatur. Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist."

Wer war dieser Jesus? So fragen wir.
An seinem Ende am Kreuz bekommen wir die Antwort.

Jesus erfüllt seine Bestimmung bis zum Schluss, nämlich für uns, Gottes Liebe zu bezeugen.

Es ist vollbracht.


Amen