Predigt zu Johannes 10,11–16

 

Der Friede Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen

Wenn ich durch die Supermärkte gehe, die Einkaufsmalls besuche, in den Geschäften stöbere, dann sehe ich es leider einigen in den Gesichtern an: Innere Kündigungen. Der Job ist ihnen lästig, der Kunde auch. Es wird nur das Nötigste gemacht, und manchmal nicht einmal das.

Wenn Ihr in eine Behörde oder in ein Büro geht, wo der Einzige, der gut aufgelegt ist, der Telefonhörer ist, dann wäre es eigentlich besser schnell das Weite zu suchen. Wenn man nicht so unheimlich darauf angewiesen, davon abhängig sein müsste. Mit so einer Haltung zum Beruf kann eigentlich nichts dabei herauskommen. Vielleicht liegt deshalb vielerorts vieles im Argen.

Zur falschen Zeit im falschen Job. Manchmal liegt es an den Angestellten, die inkompetent und überfordert sind, oder, noch schlimmer, unterfordert. Häufig liegt es sicher auch an den Arbeitgebern, die nicht halten, was sie versprochen haben. Die Bezahlung ist schlecht, Weiterqualifizierung wird nicht gefördert, Familie und Privatleben ist schwer zu vereinbaren, das Arbeitsklima schlecht.

Kein Wunder, wenn jemand innerlich kündigt. Aber dann ist es auch das Problem für den Arbeitgeber, der so einen Menschen, der innerlich gekündigt hat, beschäftigt.

In Deutschland liegen in Kneipen häufig Gratispostkartenaus. Auf einer habe ich einmal folgenden Spruch gefunden: „Immer wieder diese Momente im Job, in denen du denkst, Alpaka-Hirte in Peru wäre doch die bessere Berufswahl gewesen.“

Das hört sich so an, als wäre das ein entspanntes Leben.

Aber ich glaube, das meint Jesus nicht, wenn er vom Hirten spricht. Ich glaube nicht, dass er an ein solches Leben denkt. Der Hirte mit Grashalm im Mund und ins Gesicht gezogenem Schlapphut – in der Sonne liegend – die Herde aus einem Augenwinkel heraus beobachtend. Über das Leben philosophieren und träumen.

Jesus redet doch eher von dem Hirten, der unbequeme Wege gehen muss, der nachts bei bitterer Kälte – nur mit Holzknüppel bewaffnet – Wölfe fernhalten soll.

Ich lese noch einmal den Predigttext aus dem 10. Kapitel des Johannesevangeliums:

Jesus Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie –, denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt; und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.

Liebe Gemeinde, Stimmenfang mal anders. Es stehen in dieser Woche Wahlen an. Es wird um Stimmen geworben. Beim guten Hirten ist es umgekehrt: Er wirbt mit seiner Stimme. Bei Schafen heißt das: Sie erkennen ihre Bezugsperson an der Stimme. Sie wissen, da kommt der, der für Futter sorgt, für medizinische Versorgung, der Geburtshelfer und der, der zwischen uns und den Wölfen steht.

Das wären durchaus Ansprüche, die wir an Politiker auch hätten. Die Sehnsucht nach guten weltlichen Hirten ist groß. Da ist es einerseits sicher gut, dass es so eine große Auswahl gibt und sich knapp 27 Millionen Menschen zwischen verschiedenen Parteien entscheiden können.  Wenn ich richtig gelesen habe, sind es 48 Parteien an der Zahl, vielleicht sind das wiederum schon fast zu viele. Jede und jeder fragt sich: Wer kann meine eigenen Ansprüche am besten umsetzen? Wodurch unterscheiden sich die Parteien? Wer will was in der Zukunft erreichen und umsetzen? Unterschiedliche Programme stehen zur Wahl mit unterschiedlichen Gesichtern. Wir sind auf den Ausgang gespannt.

Nur eines steht bei solchen Wahlen eigentlich immer fest: Enttäuschung ist vorprogrammiert. Politik ist ja die Kunst des Möglichen. Es können nicht alle Versprechen umgesetzt werden. Mit etwas Pech tut die gewählte Person sogar das genaue Gegenteil von dem, was sie versprach. Oder aber es steht zu befürchten, sie tut genau das, was sie auch verspricht. Ein Dilemma.

Das war bei den Politikern zu biblischen Zeiten nicht anders. Die Könige z.B. beanspruchten ebenfalls, gute Hirten zu sein. Das klappte selten. Wenn ein neuer kam, kam auch neue Sehnsucht, Erwartung und Hoffnung. Und danach dann oft genug neue Enttäuschung und Ernüchterung.

Man könnte also meinen, schon damals war das Bild Jesu vom guten Hirten ein ungeschicktes Bild. Eines, das für Widerstand sorgt. Vielleicht dachten die Leute damals: Die Hirten, die wir kennen, reichen uns eigentlich schon. Da brauchen wir nicht noch so einen. Ich glaube, viele Leute denken heute auch: Ich will kein Schaf sein und kein Teil einer Herde, geschweige denn Nutzvieh.

Und trotzdem – das Bild funktioniert – immer noch. Es verspricht Hoffnungen und strahlt Geborgenheit aus. Psalm 23 ist für viele Menschen ein Lieblingspsalm: Der Herr ist mein Hirte.

Was an unserem Bibeltext stark ist. Jesus sagt nicht: Ich bin ein guter Hirte. Er sagt: Ich bin der gute Hirte. Und ja: Die Unterschiede sind groß. Zwei greife ich einmal heraus.

Erstens: Während normale Hirten immer wieder auch einmal mit Zwang arbeiten, um die Herde zusammenzuhalten oder Schaden von ihr abzuwenden, ist das bei Jesus anders. Der hat nie irgendjemanden zu irgendetwas gezwungen. Er war alles, aber bestimmt nicht autoritär. Das macht es einem leichter, das Bild vom Hirten zu mögen.

Zweitens: Jesus ist nicht der Angestellte Gottes. Wir müssen keine Angst davor haben, dass er innerlich kündigt.  Niemand wird uns aus seiner Hand reißen. Er bleibt, komme, was da wolle. Anders als angeheuerte Aushilfskräfte sucht er nicht das Weite, wenn Wölfe kommen. Das ist gut, denn er hat es nicht einfach mit Wölfen zu tun, sondern mit dem Wolf. Dem Tod persönlich. Den hat er an Ostern besiegt und wird ihn immer besiegen. Jesus hat das Leben und ist das Leben. Und damit auch wir, die wir an ihn glauben.

So betrachtet ist der Predigttext doch recht gemütlich. Also doch der Hirte mit Grashalm und Schlapphut? Wir könnten das ganze jetzt auf eine Leinwand drucken, in einen Goldrahmen packen und übers Bett hängen.

Können wir. Jesus ist der gute Hirte. Aber ich möchte noch auf einen anderen Aspekt des Textes eingehen. Es ist von einer Herde die Rede: „Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.“

Da sind wir noch lange nicht. Es gibt rund 42000 kirchliche Gemeinschaften. Vielleicht noch mehr. Auf jeden Fall mehr als im Johannesevangelium vorgesehen.

Wünsche ich mir jetzt eine Einheitskirche? Nein. Nach meinem Verständnis braucht es das nicht. Ich mag die Ökumene, die Zusammenarbeit unter den Konfessionen, die sich dafür öffnen.

Das sich öffnen ist wichtig. Damit man sich nicht nur mit sich selbst beschäftigt und sich selbst genügt. Und Absolutheitsansprüche erhebt.

In Europa sind in diesem Mai auch Wahlen und da sehe ich durchaus auch ein Vergleich. Sich nicht selbst genügen, sondern miteinander ins Gespräch kommen, Probleme diskutieren und gemeinsam angehen. Und Herausforderungen und Probleme gibt es leider mehr als genug.

Dass sich Italiener, Franzosen und Deutsche darüber in die Wolle kriegen, statt sich den Krieg zu erklären, ist eine große Errungenschaft. Europäische Einheit bedeutet ja nicht einen Einheitsstaat. Ein Europa der Regionen, die jeweils ihren Charakter und ihre Besonderheiten behalten, ist das Ziel. Die Gemeinsamkeit und das Einheitsstiftende wären dann Werte und Respekt.

Das wünsche ich mir auch für die Kirche. Eine Herde mit religiösen Regionen. Es gibt so viele unterschiedliche Möglichkeiten, seinen Glauben zu leben. Es gibt keinen Grund, das zu ändern. Das einzige Wichtige ist, dass klar ist, wer der Hirte ist. Da gibt es nur einen. Wenn das klar ist, besteht kein Grund für Konkurrenz untereinander.

Hier passt das biblische Hirte- und Herde-Bild wieder. Ein Schaf hat keine Wahl. Ein Schaf braucht keine Wahl. Es legt da gar keinen Wert drauf. Es ist in die Herde hineingeboren. Es wird die Herde nicht verlassen und will es auch gar nicht. Es ist zufrieden, wo es ist. Für ein Schaf gibt es nur eine Herde, einen Hirten. Was es da draußen noch so gibt? Uninteressant. Andere Säugetiere verlassen, wenn sie erwachsen werden, ihr Revier, beziehen und gründen ein eigenes. Ein Schaf nicht. Ein Schaf hat keine Wahl.

Ihr habt die Wahl, wir haben die Wahl. Wir machen unser Kreuz bei dem weltlichen Hirten, von dem wir meinen, dass er uns am besten vertritt. Bei der Religion müssen wir kein Kreuz machen. Das hat Jesus schon für uns getan, denn er spricht: „Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt; und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.“ Zum Frieden für uns und die ganze Welt.

Amen