Predigt zum Lied EG 302 „Du meine Seele singe“

Kantate. Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. (Psalm 98,1) Halleluja, lobe den Herrn meine Seele.

Das Singen und die Musik prägen den 4. Sonntag nach Ostern. Und wie herrlich, dass wir das heute so erleben dürfen. Musik in all ihrer Vielfalt. Lieder in mehreren Sprachen.

Und in der Lesung haben wir es vernommen, wie Jesus darüber denkt: Er verbietet es den Jüngerinnen und Jüngern nicht, mit lauter Stimme Gott zu loben, auch wenn das einige der Umstehenden fordern.

Loben und Singen, das gefällt Gott.

„Du meine Seele singe“ schreibt Paul Gerhardt in seinem gleichnamigen Lied. Und wenn die Seele singt, liebe Gemeinde, dann merkt das auch der Körper. Singen ist ein leibliches Geschehen, das uns emotional bewegt. Gefühle und Stimmungen werden durch das Singen intensiviert.

In der eigenen Stimme erklingt etwas von dem, was die eigene Person ausmacht. Und verbunden in einem Chor ist die eigene Stimme mit anderen verbunden. Im Gesang teilen wir eigene Erfahrungen und haben Anteil an Erfahrungen anderer.

Wenn ich als Kind in den Keller gehen musste, 2 Stockwerke runter, dann tat ich das sehr ungern, weil ich Angst hatte. Gewirkt hat zumeist ein Lied, das ich dann gesungen habe, weil es mir Mut machte und ich nicht mehr an die Angst gedacht habe. Lieder und Melodien prägen sich uns ein, gehen uns nicht mehr aus dem Kopf, wenn sie sich einmal bei uns eingestimmt haben.

„Du meine Seele singe“ ist solch ein Lied.

Paul Gerhardt ist bekannt für seine jubelnden Lieder. „Geh aus mein Herz“ ist wohl das bekannteste Lied von ihm. Und doch ist das erstaunlich. Denn Paul Gerhardt hat viel Leid in seinem Leben erfahren. Er lebte 1607-1676 im heutigen Deutschland und hat den 30 jährigen Krieg mitbekommen. Seine Eltern verlor er früh. Bis auf eines starben alle seine Kinder vor ihm und auch seine Frau. Und schließlich hatte er immer wieder Ärger mit dem Kurfürsten, dessen Handeln er als willkürlich erlebt hat.

Und trotzdem schreibt Paul Gerhardt diese Texte zu diesen tröstlichen und fröhlichen Liedern. Wenn man genau hinblickt, dann sieht man, dass diese Lieder nie einfach so „Happy-go-lucky-Lieder“ sind. Dass es da auch immer die dunklen Seiten gibt, den Kontrast.

Paul Gerhardt zeichnet in seinem Lied ziemlich genau den Bogen nach, den auch der Psalm146 nimmt, den wir zu Beginn miteinander gebetet haben.

Paul Gerhards Lied bringt den Psalm zum Klingen.
(1) Halleluja! Lobe den Herrn, meine Seele!
(2) Ich will den Herrn loben, solange ich lebe,
und meinem Gott lobsingen, solange ich bin.

Mein ganzes Leben soll ein Loblied sein! Das sagt einer, der Sterben, Tod, Verlust, Mord und Totschlag, Raub und Brandschatzung erlebt hat, der den Brandgeruch des Krieges gerochen hat und jeden Tag seines Lebens, besser: jeden Tag, an dem er überlebte, als besonderes Geschenk empfand.
Und der im Nachempfinden und Nachsprechen dieser Psalmverse seine eigene Lebensspur suchte und fand:
Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist,
der seine Hoffnung setzt auf den Herrn, seinen Gott,

Wir brauchen die richtige Orientierung im Leben. Den Halt im Leben. Das Höchste und Beste und Schönste: der Gott Abrahams und Sarahs ist es, der Gott Isaaks und Jakobs - alles andere ist zweitrangig.

Lied Strophe 1 und 2

Paul Gerhardt sind wunderbare sprachliche Figuren gelungen. Die Kraft seiner Sprachbilder trägt Menschen in guten und schweren Zeiten. Nicht, weil sie nur rein ästhetisch wären, sondern, weil sie das Wirken unseres Schöpfers und unseren Lebensweg eng zusammenfügen. Gott lässt uns Menschen wieder Boden unter den Füssen und Zutrauen zum Leben gewinnen.

Eine besondere Fügung war es, dass dieser Sprachkünstler auf zwei ungemein begabte Kirchenmusiker traf: Johann Crüger und Johann Georg Ebeling, Kantoren an der Berliner Nikolaikirche. Die drei haben in einer geglückten Einheit von Sprache und Musik zusammengewirkt.

Paul Gerhardt hat seine Musik ganz bewusst für die Verkündigung und Seelsorge eingesetzt. Im ‚Jammertal‘ sich befindend, erfahren wir, wie das Gotteslicht plötzlich durch den verhangenen Himmel unserer Tränen brechen kann. Dann öffnet sich etwas in uns - und wie von unsichtbarer Hand werden wir zu neuen Gedanken geführt. Es gibt es, dieses Verstehen, das über eine Sprachebene hinausführt. Die Melodiebögen in unserem Lied führen immer wieder hinauf in neue Höhen.

Um im Kummer seines Lebens nicht unterzugehen, hält Paul Gerhardt an Gottes Güte, seiner Liebe und Zuwendung fest. Er hofft, wider alle Hoffnung.

Reichtum, Ansehen, vertraute Mitmenschen: alles kann man verlieren, aber Gott bleibt uns treu. ‚Hier sind die starken Kräfte, die unerschöpfte Macht… Vielleicht würden wir heute sagen, die ungeschaffene Macht. Die Macht, die aus sich selbst ist. Gott war vor aller Zeit, ist, und bleibt in Ewigkeit.

In einem Moment tiefster Verzweiflung, den der Lieddichter erlebt – und davon gab es bekanntermaßen viele in seinem Leben – erinnert er sich daran, dass Gott auch die Macht hat, die Stürme unseres Lebens zu stillen. Wie groß muss doch dieser Gott sein, der die Natur geschaffen hat? Naturgewalten, Wasser, Felsen, Luft… Welche Macht muss dieser Gott haben, der in Jesus Christus den Sturm auf dem See Genezareth gestillt hat?

So kann er weiter in Anlehnung an Ps. 146 schreiben, was wir mit seinen Worten gleich singen. Verlasst euch nicht auf Fürsten, sie sind Menschen; die können doch nicht helfen. Wohl dem, der seine Hoffnung setzt auf den Herrn, seinen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, das Meer und alles, was darinnen ist, der Treue hält ewiglich, der Recht schafft denen, die Gewalt leiden.

Wer Gott vertraut, ist der Enge der Sorgen und Nöte nicht grenzenlos ausgeliefert, der wird zu neuer Hoffnung geführt. Die brachliegenden Lebenskräfte werden wachsen.

Liedstrophen 3 und 4

Liebe Gemeinde, Lieder wie diese graben sich in unsere Lebensmusik ein. Sie bleiben präsent und sie trösten wirklich, wenn sie trösten sollen.
Gott hält sein Wort mit Freuden und er handelt. Nämlich: „Er weiß viel tausend Weisen zu retten aus dem Tod.“ Da klingt sie an, die Not, und da wird dieser Gegensatz aufgemacht: Zwischen der Not in der Welt und dem Heil in Gottes Nähe.

Und die Not, liebe Gemeinde, ist zum Greifen nah in der Zeit des 30 jährigen Krieges. Hunger und Gefangenschaft in Europa.

Diese Erfahrungen prägen sich in das kollektive Gedächtnis ein. Ebenso prägen sich die Überlebensgeschichten und Rettungserfahrungen ins eigene biografische Gedächtnis ein. Dies nimmt die Strophe 5 auf und ist damit aktueller denn je, wenn wir über Hunger und Verfolgung hören und sehen, ich denke an all die Flüchtlinge, die hier Zuflucht suchen, die übers Meer nach Europa wollen, die von Mexiko in die USA wollen, an all die Hungernden in den Kriegsgebieten, in Venezuela, wo die Unterernährung zum Greifen nah ist. Leier könnte ich noch viele Orte aufzählen.

Das Elend der Menschen in Liedern eingefangen, das haben die Psalmen. In Psalm 146 haben wir gesprochen von denen, die Gewalt leiden, von den Gefangenen.

Das jüdische Volk hat die Psalmen gelernt und in ihr Glaubenswissen eingebracht. Denn sie zeugen von der immer wieder stärkeren Tröstung, die Gott schenkt. Die Choräle bieten der Christenheit zusätzliche Worte und Melodien, um sich dieselben Erfahrungen mit Gott in einer griffigen Sprache zu erschließen. Sie haben überdauert und sind deshalb kein billiger Trost, sondern höchst wirksam für die, denen er gegolten hat und immer wieder gilt.

Psalm 146 stellt jedoch eine gute Zukunft in den Raum und Paul Gerhardt greift darauf zurück in seinem Lied
(8) Der Herr macht die Blinden sehend.
Der Herr richtet auf, die niedergeschlagen sind.

Der Herr liebt die Gerechten. Also die, die nicht nur dem Elend zuschauen, sondern in Gottes Willen handeln. Den Hilfebedürftigen zur Seite stehen.

(9) Der Herr behütet die Fremdlinge und erhält Waisen und Witwen; aber die Gottlosen führt er in die Irre.

Ausgestochene Augen als furchtbare Strafaktion furchtbarer Sieger, die im Krieg die Maßstäbe des Menschlichen verloren haben - Blind gemachte gab es genügend zusätzlich zu den blind Geborenen. Die Schwachheit der Unterlegenen und die Schwachheit derer, die keinen Schritt mehr weiter wissen im Leben, die sind real erfahrbar. Die Vertriebenen auf der Flucht, die vater- und mutterlos Gemachten, die zum Freiwild gewordenen Witwen - das konnte man erleben - so wie es heute immer noch in vielen Gegenden der Welt erlebt werden kann. Erlebt werden muss. Weil Menschen immer wieder gewalttätig sind und das Leben anderer geringachten.

Ja, und dann gibt es auch die Genugtuung der Schwachen, wenn die Bösen, die unmenschlich Gewordenen, ihre Stärke verlieren, selbst nicht mehr weiter wissen.

Die Hoffnung für die Vielen durfte um Gottes Willen nicht sterben neben der alltäglichen zerstörerischen Gewalterfahrung! Um Gottes Willen und mit Gottes Kraft!

Dafür dichtet der um mehrere Kinder trauernde Vater und dann auch Witwer Paul Gerhardt die folgenden Strophen.

Liedstrophen 5-8

Fast immer fangen die Lieder Paul Gerhardts im Diesseits an - oft bei der verzagten Seele, dem schwermütigen Herzen oder dem beschädigten Gewissen - und gehen dann einen Weg, der immer weiter hinaus in Gottes Diesseits und schließlich ins Jenseits führt.

Der Lieddichter Paul erinnert uns damit an eine Dimension, die wir heute vielfach ausblenden.

Das ist letztlich der Grund seines ganzen Singens. „Das was mich singen machet, ist was im Himmel ist.“, wie es in einem Vers in einem seiner anderen Lieder heißt. (EG 351)

"Du...meine Seele...singe", das könnte dann heißen: Ich spüre dem Klang nach, der in mir ist, ja, der schon immer in mir war.
In mir klingt es, klingt ein ewiger Lebenston, genau dort wo Gott ihn angestimmt hat. In meiner Seele, an dem Ort, wo außer Gott und mir niemand hinkommt. Es ist beruhigend zu wissen, dass dieser Ton nie verklingt. Auch wenn mein Lied einmal verstummen wird.

Die Seele - die nur mit mir zusammen singen kann - nimmt den Ton auf den Gott in mir angestimmt hat.
Und so wird nicht nur dieses Lied zu einem Ausdruck meiner Beziehung zu Gott. Deshalb ist die Kirchenmusik so wichtig! 

Und dennoch, ist sie klein – wie wir Menschen eine welke Blum. Egal, wie sie sich geändert hat, über die Jahrtausende, egal, wie sie sich ändern wird: Sie ist vergänglich. So wie das Leben der Menschen. Aber, weil wir im ‚Zelt Gottes‘ auf ewig zuhause sein dürfen, wird auch das keine Rolle spielen. Es ist nur ein äußerliches Ding.

Der Herr allein ist König. Das ist die entscheidende Wahrheit über unser Leben. Weil wir von dieser Wahrheit leben, bleibt die Himmelssehnsucht in uns wach, die den Menschen die Freiheit und ihren Seelen die Luft zum Singen und Atmen schenkt. Immer wieder neu. Amen