(Predigt zu 1 König 8,22-24.26-28)


Der Friede Gottes, die Liebe Jesu Christi und die Gemeinschaft des Hl. Geistes sei mit euch allen. Amen

 

Vielleicht geht es Euch so wie mir, wenn ich im Flugzeug sitze und dann, ganz oben, nach draußen schaue. Es hat ein bisschen was mit dem zu tun, was der Liedermacher Reinhard Mey besingt (Bild vom Himmel mit Wolken) „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein, alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen, und dann, würde was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.“

 

Es ist der alte Traum der Menschen, sich vom Boden abzuheben, in die Höhe zu steigen, schwerelos. Von oben sieht alles ganz anders aus. Vieles, was uns hier unten weit und auseinanderliegend erscheint, rückt ganz eng zusammen, vieles, was groß und mächtig aussieht, wird klein, und, was wichtig ist, wird nichtig. Als Kind habe ich so manche Nacht vom Fliegen geträumt und Justus, mein Sohn, sagt mir das auch so manches Mal. Wäre man dann doch nur ein Vogel und könnte alle Erdenschwere loswerden und dem Himmel nahe kommen. Von oben gesehen, sieht die Erde anders aus.  (Bild der Erde von oben)

 

Darum ist es besonders beeindruckend, Bilder aus dem Weltall zu sehen. Da haben wir heute einen Blick auf die Erde, wie ihn noch keine Generation vor uns hatte. Längst ist der Himmel ein nach „oben“ vollkommen offener Raum und riesig geworden. Der Himmel, wissenschaftlich betrachtet ist unendlich, leer, eisig kalt und unvorstellbar lebensfeindlich, von geradezu vernichtender Kraft und grundständiger Schwärze – und genau darin wie ein funkelndes Juwel.

 

Der blaue Planet, von dem wir erst seit rund 80 Jahren wissen, dass er so blau im Universum leuchtet.

 

Doch das ist alles Technik. Wir haben diesen Blick auf die Erde nur, weil wir Maschinen bauen können, die uns vor dem vernichtenden Vakuum schützen und uns mit enormem Energieaufwand in die Lüfte heben. Wir machen uns etwas vor, wenn wir mit Reinhard Mey echte Freiheit vermuten. Es ist nur gemachte Freiheit, es ist nur eine Ahnung von Freiheit, und jeder Höhenflug dieser Art wird wieder auf der Erde enden.

 

Darum ist der Himmel, den wir über uns sehen, nicht der Himmel, von dem der Himmelfahrtstag spricht. Lukas, als Einziger, berichtet uns vom Erlebnis der Jünger. Und, ihr habt es in der Lesung gehört. Raketen gibt es da keine.  (Bild vom Himmel mit der Leiter)

 

Der Himmel ist hier ein Bild für die Erlösung und die Zukunft, beides ist für den Glauben eins. Christlicher Glaube bedeutet nämlich: der Himmel kommt auf die Erde, Erde und Himmel kommen miteinander in Berührung. Der Himmlische wird irdisch, der Irdische wird himmlisch.

 

Der Mensch Jesus von Nazareth, Bote der Liebe Gottes, stirbt einen schrecklichen, ganz und gar irdischen Tod. Er scheitert an der menschlichen Dummheit und Gottlosigkeit, die nur Ausgrenzung und Gewalt kennt, die sich von Angst und Kleinglauben leiten lässt. Irdischer geht es nicht, weiter kann man nicht herunterkommen als Jesus von Nazareth, der unschuldig sterben muss und im Grab endet. „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“, heißt das in unserem Glaubensbekenntnis.

 

Kann man weiter vom Himmel entfernt sein?

 

Und dann am Ostermorgen sind alle verunsichert und erschrocken, als drei Frauen erzählen, Jesus sei ihnen begegnet.

 

Nach und nach treffen auch andere auf Jesus, es sind bewegende Geschichten davon, wie der Glaube an die große Tat Gottes, an die Auferweckung des Gekreuzigten, langsam wächst, wie er allmählich die Menschen verändert und sie aus der Trauer zurück in die Freude holt.

 

Vierzig Tage gibt Gott den Menschen Zeit zu begreifen, was geschehen ist: Der Tote lebt auf eine besondere Art und Weise, Paulus wird später als Erster ein Wort dafür finden: Der Auferstandene hat den „Leib der Herrlichkeit“, einen „Himmelskörper“.

 

Es ist auffallend, wie unterschiedlich diese Begegnungen ausfallen, wie unterschiedlich sie erzählt werden. Er begegnet Einzelnen völlig überraschend auf dem Weg, er trifft auf eine Gruppe am See Genezareth, er besucht die Jünger in einem Haus. Immer ist es eine Begegnung, die Menschen, nachdem sie zuerst zögern und ungläubig sind, verändert. Sie können nämlich wieder hoffen, sie haben wieder ihren Glauben gefunden, sie haben wieder Kontakt zum Himmel.

 

(Bild vom Himmel und der Sonne)  Und dann, am vierzigsten Tag, versammelt er alle Jünger und Jüngerinnen um sich herum und wird, wie Lukas sehr anschaulich erzählt, in den Himmel aufgenommen. Das ist die endgültige Bestätigung, dass etwas Außergewöhnliches geschehen ist, etwas, das alles verändert. Aber was?

 

Jesus lässt eine ratlose Gemeinde zurück, das ist deutlich zu spüren,. Was genau ist hier geschehen? Was bedeutet das alles? Zehn Tage später sollen sie es erfahren, an dem Fest, das wir Pfingsten nennen: Gott hat sich an Himmelfahrt nicht von den Menschen verabschiedet, er hat sich nur davon verabschiedet, in einer Art menschlichen Gestalt unter ihnen zu sein. Er kommt zurück, er kommt wieder, er kommt als machtvoller Geist, der die Menschen mitreißt und in ihnen ein Feuer des Glaubens weckt, dessen Flammen uns heute zum Glück noch erreichen. Er kommt wieder als Heiliger Geist, und er wohnt unter uns Menschen immer dort, wo wir uns in seinem Geist, in seinem Namen versammeln. Da wohnt Gott. Da kommen Himmel und Erde zusammen.

 

Das ist die Antwort auf die Frage des Königs Salomo, der nach der alttestamentlichen Überlieferung bei der Einweihung seines Tempels ein langes Gebet sprach, das uns heute als Predigttext gegeben ist.

22 Und Salomo trat vor den Altar des Herrn angesichts der ganzen Gemeinde Israel und breitete seine Hände aus gen Himmel

23 und sprach: Herr, Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich, der du hältst den Bund und die Barmherzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von ganzem Herzen;

24 der du gehalten hast deinem Knecht, meinem Vater David, was du ihm zugesagt hast. Mit deinem Mund hast du es geredet, und mit deiner Hand hast du es erfüllt, wie es offenbar ist an diesem Tage.

26 Nun, Gott Israels, lass dein Wort wahr werden, das du deinem Knecht, meinem Vater David, zugesagt hast.

27 Denn sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?

28 Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, Herr, mein Gott, auf dass du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir:

 

Wie sieht Gott aus? Wo wohnt er? Das sind Fragen, die es sich schon lohnt, mit kleinen Kindern zu diskutieren. Manche meinen ja, Gott wohne im Himmel, wieder andere in der Natur und wieder andere sagen, er wohne in jedem Menschen.

 

Salomo möchte wissen, ob Gott (Bild vom Tempel) im neu gebauten Tempel wohnt. Er fragt:

„Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?“

 

Salomo ahnt es also schon: Kein Tempel kann Gott fassen, kein Haus kann das Gefäß Gottes sein – wer das meint, spielt mit einem gefährlichen Gedanken sogar.

 

Gefährlich, weil dann der Eindruck entsteht, Gott würde an einem Ort wohnen und an einem anderen nicht. Gefährlich, weil die Meinung entsteht, der Ort, an dem er wohnt, sei nun besonders gesegnet, besonders heilig. Und noch gefährlicher, wenn man dann denkt, es wäre nur dieser Ort, nur dieser eine Ort, und alle andren wären es nicht. Denn so wird aus dem Glauben, der doch die Menschen zusammenführen soll, ein Glaube der sie trennt.

 

Wie verhängnisvoll der Gedanke ist, dass es besondere heilige Ort gibt, die heiliger sind als andere, weil in ihnen, nur in ihnen Gott wirklich wohnt, erleben wir immer wieder.  

 

In einer Zeit, in der an vielen Orten Menschen der Meinung sind, Religion und Glauben würden keine Rolle mehr spielen, toben andernorts Kriege um Heilige Orte, werden Heilige Staaten ausgerufen, ziehen Gotteskrieger umher. Und das gilt nicht nur für den Islam. Jede Religion trägt den Keim dieses Denkens in sich. „Gods own country“, nennen US-Amerikaner oft stolz ihr Land, und auch in Deutschland gibt es zunehmend Menschen, die meinen, das Abendland sei christlich und das sei eine Auszeichnung. Selbst der als so friedlich angesehene Buddhismus kann hier eine ganz hässliche Fratze zeigen, wie wir in Thailand oder Myanmar sehen können.

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Christlich gesehen – von Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten her denkend– gibt es keine heiligen Orte und Zeiten, sondern nur heilige Menschen. Und die sind nicht heilig, weil sie etwas Besonderes tun, sagen oder denken, sondern sie sind heilig, weil Gott sich ihnen zuwendet. Nicht Menschen heiligen sich, Gott heiligt die Menschen mit seiner Liebe. Wo Menschen zusammenkommen und sich gefallen lassen, dass Gott sie liebt, öffnet sich über ihnen der Himmel (Bild vom Himmel) und wird Geist über sie ausgegossen, wie damals so heute.

 

Kirche ist dort, so das große Bekenntnis der Reformation, wo sich Menschen um das Wort Gottes und die Zeichen seiner Liebe, Taufe und Abendmahl versammeln. Der Himmel ist, wo Menschen als Menschen vor Gott und nebeneinander stehen. Der Himmel ist, wo sie, wie Salomo, in den Himmel hinein beten, über alle Mauern und Fesseln hinaus.

 

Der Himmel ist nicht über den Wolken. Christen stehen nicht mit ausgerenktem Hals und starren in den leeren Himmel, sie stehen auch nicht mit gesenktem Blick und unterwerfen sich einer finsteren himmlischen Macht, die über sie herrscht. Christen stehen, wie Salomo, mit ausgebreiteten Händen vor Gott und bitten: Um das tägliche Brot, die Vergebung der Schuld, die Gabe des Geistes. Der Gott, von dem wir reden, wohnt nicht in Gebäuden aus Stein: Er wohnt in uns selbst, wenn wir uns als Gemeinde versammeln. Es sind wir, in denen er wohnen will, der Himmel auf Erden: unten. Wer glaubt, kann singen: „Unter dem Himmel wird die Freiheit wohl grenzenlos sein“.


Amen