(Predigt Johannes 14,15-19.23b-27)


Es scheint irgendwie schwer zu sein, Pfingsten zu feiern!

 

Dabei ist es doch ein ähnlich wichtiges Fest wie Weihnachten oder Ostern. Aber es haben sich einfach nicht so bunte und fröhliche Bräuche entwickelt, die uns beim Feiern helfen. Weihnachten mit dem Adventskranz, den bunten Kugeln und den Düften nach Zimt und Marzipan und den Plätzchen, den Krippenspielen und all den festlichen Liedern und Klängen. Ostern als Fest für den Durchbruch des Lebens, mit dem Ostermarkt, den Hasen und der Eiersuche ist auch kein Problem.

 

Aber wie feiert man Pfingsten? Wenn Ostern noch nicht so lange her ist, aber leider trotzdem schon vorbei? Und vor allem – wie feiert man bloß den Heiligen Geist?

 

Natürlich, es gibt die Erzählung aus der Apostelgeschichte, die wir in der Lesung gehört haben. Gottes Geist kommt zu den Jüngern nach Jerusalem. Ein feuriger Geist, der stark macht und die Apostel ermächtigt, das Evangelium von Jesus Christus in allen Sprachen zu verkünden. Auf einmal sind sie Prediger für die ganze Welt. Sie sind begabt – die Begabten schlechthin! Die Geistbegabten, Begeisterten. Es ist der Geburtstag der Kirche!

 

Aber trotz dieser bildhaften Geschichte bleibt der Heilige Geist abstrakt. Gott der Heilige Geist ist nicht so menschlich und niedlich wie der neugeborene Jesus. Er ist nicht so beeindruckend und Respekt einflößend wie der sterbende und der auferstandene Christus.

 

Man kann den Heiligen Geist nicht sehen oder anfassen. Dabei würde es das Leben so viel einfacher machen!

 

Man könnte dann Gott fragen, was er zu diesem oder jenem Problem meint. Man könnte auf Gott zeigen, wenn jemand an ihm zweifelt und viele Fragen stellt. Man könnte sich zu Gott flüchten, wenn man in Situationen gerät, die einem Angst machen.

 

Bei Jesus funktionierte all das. Glauben muss leicht gewesen sein! Damals. Jedenfalls meistens.

 

Aber…auch die, die mit Jesus zusammen lebten, hatten es schwer. „Bist du es wirklich?“, fragten sie. „Bist du der, der da kommen soll? Oder sollen wir auf einen anderen warten?“

 

Aber für die, die Jesus nahe waren, muss es wie Ferien von der Wirklichkeit gewesen sein. Sie sind Jesus nachgefolgt. Alles war möglich. Es war fast schon so, wie man sich das Reich Gottes vorgestellt hatte: „Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt.“

 

Wenn es nach den Jüngern gegangen wäre, hätte das ewig so weitergehen können. Man hätte fest glauben und gemeinsam warten können, bis das Reich Gottes vollständig da ist – und die Welt verwandelt und schön.

 

Aber die Zeit, in der Gottes Sohn durch das Land gezogen war, predigte und Wunder tat, waren nur wenige Jahre.

 

Eine Episode, die die Weltgeschichte veränderte zwar, die aber nicht von Dauer sein konnte. Als Jesus das Ende dieser Zeit gekommen sieht, so schreibt der Evangelist Johannes, sagt Jesus zu seinen Jüngern Folgendes:

Lesen des Textes

Jesus weiß, dass er seinen Jüngern Mut machen muss. Es wird für sie nämlich nicht leicht werden, ihren Glauben am Leben zu halten,  wenn andere an den Kreuzen der Welt vorbeigehen und zynisch fragen: „Na, wo ist denn jetzt dein Gott? Guck dir doch die Welt an. Hilft Gott etwa?“ Jesus weiß, dass seine Jünger bald nicht mehr auf ihn zeigen können und sagen: „Siehst du, da ist Gott. Siehst du, was er tut? Siehst du, was er kann? Siehst du, wie er bei mir ist und mich beschützt und mit mir spricht?“

 

Deswegen spricht Jesus vom Heiligen Geist. Und stirbt bald darauf.

 

Dann ist auch Ostern vorbei. Und Himmelfahrt auch.

 

Erst nach der Auferstehung hatte auch noch der letzte Zweifler unter den Jüngern begriffen, wer Jesus wirklich gewesen war. Dass es tatsächlich Gottes Sohn war, den sie da gesehen und angefasst hatten. Erst jetzt, nach Ostern, glauben sie ganz fest, dass das, was Jesus ihnen von Gott erzählt hat, die Wahrheit ist. Aber jetzt ist er weg.

 

Plötzlich müssen die Jünger damit leben, dass es immer noch Hunger, Krankheit, Armut und Gewalt gibt. Und dass der, von dem man sich so viel erhofft hat, einen zurückgelassen hat in dieser Wirklichkeit, die ihnen ohne ihren Herrn so trostlos erscheint. Wäre er für immer bei ihnen geblieben, wären sie wie kleine Kinder an der Hand ihrer Eltern gewesen. Aber jetzt müssen die Jünger feststellen: Gott hält uns nicht wie kleine Kinder die ganze Zeit an der Hand.

 

Gott bleibt nicht immer in Sichtweite – allerdings immer in Hörweite. Er lässt uns selbstständig laufen.

 

Mit dem Heiligen Geist kann und muss der Glaube erwachsen werden.

 

In der Geschichte aus dem Johannesevangelium sind die Jünger nicht begabt, sondern bedürftig. Sie brauchen Trost, Zuspruch, Liebe und Frieden. Der Heilige Geist ist derjenige, der ihnen in ihrer Schwäche helfen soll. Keine Begabung, sondern Seelsorger. Und offenbar auch ein Lehrer, der immer wieder neu an das Wort Gottes erinnert, damit wir uns fragen, ob wir dem eigentlich gerecht werden.

 

Wie es scheint, hat der Heilige Geist also mehrere Aufgaben. Kompliziert also – wie das echte Leben. Wenn Gottes Geist alltagstauglich sein soll, kann er nicht weniger kompliziert sein als unser Leben. Wir haben keine Ferien von der Wirklichkeit. Bis zum Reich Gottes ist es noch ein Stück hin.

 

Deswegen brauchen wir Begeisterung und Trost und einen moralischen Kompass – und die Einsicht, dass wir gerade auch als Kirche selbst beides sind: begabt und zugleich bedürftig.

 

Wir Christen müssen nicht immer stark und missionarisch und wortgewandt sein. Wir dürfen auch traurig sein über die unfertige Welt, den Mangel an Frieden, die Unwahrheiten der Welt. Wir dürfen an der Welt leiden und uns trösten lassen. Wir dürfen zweifeln und Fragen stellen, denn es ist besser, den richtigen Weg noch zu suchen, als unkritisch auf dem falschen unterwegs zu sein.

 

Wir sind die Gemeinschaft derer, die in unseren unterschiedlichen Möglichkeiten und Bedürfnissen, mit all unserer Schwäche auch, vom Geist Gottes zusammengehalten werden.

 

Darin liegt auch eine große Gefahr, keine Frage. Denn das Zusammenleben von unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Gaben war noch nie einfach. Und wehe, wenn jeder von ihnen sich darauf beruft, als einziger mit Gottes Geist unterwegs zu sein, zumal Jesus ihn auch „den Geist der Wahrheit“ nennt!

 

Habe ich den Geist oder hast du ihn, wenn wir beide unterschiedlicher Meinung sind? Woran kann ich erkennen, welche Wahrheit vom Geist Gottes kommt? An dem, was in der Bibel steht? Aber darin liegt ja die nächste Herausforderung. Denn gewöhnlich nehmen wir die Bibel nicht in allen Teilen wörtlich. Die Bibel wurde von Menschen geschrieben in ihren Zeiten, in ihrer Gesellschaft. Gottes Wort ist in Menschenworte verpackt. Und Menschenworte spiegeln eben viel von den Zeiten wider, in denen sie niedergeschrieben wurden.

 

Wenn es um Strafen geht, zum Beispiel. Oder um Geschlechterbeziehungen. Aus diesem Grund muss man Gotteswort und Menschenwort auseinanderhalten.

 

Es ist nicht einfach, die Bibel auszulegen. Es gibt Menschen, die Gottes Wahrheit und Geist für sich in Anspruch nehmen und dabei nur persönliche Interessen verfolgen. Oder falsch recherchierten Quellen glauben oder auf Fakenews hereinfallen.

 

Woher soll ich wissen, was die Wahrheit ist? Das ist heute, glaube ich, mit all der Informationsflut viel schwieriger als damals.

 

Was ist die Wahrheit?

 

Ich kann es nicht wissen. Wie damals die Zeitgenossen Jesu fragten: „Bist du der, der da kommen soll?“, muss auch ich fragen: „Ist das die Wahrheit Gottes, die mir da verkündet wird? Oder ist das was anderes?“ Dann muss ich abwägen, ob ich es glaube oder nicht. Ich muss wach sein und kritisch. Verständig wie eine Erwachsene und vertrauensvoll wie ein Kind.

 

Ja, es wäre schön, die Wahrheit Gottes immer zweifelsfrei um sich zu haben. Glauben wäre leichter. Man könnte sagen: Siehst du, da ist Gott. So ist Gott. Man könnte den Heiligen Geist leichter feiern, wenn man ihn sehen und anfassen könnte und genau wüsste, was seine Wahrheit ist und was nicht.

 

Aber ganz ohne Zweifel zu sein, das hat Gott offenbar nicht für uns geplant. Wir feiern den Geburtstag der Kirche und stellen fest: Es gibt viele christliche Kirchen. Alle versuchen, Gottes Willen und Gottes Wort richtig zu verstehen. Alle möchten gern „die Wahrheit“ kennen und vielleicht auch für sich beanspruchen. Alle möchten wissen, wo Gottes Geist weht und wo nicht.

 

Deswegen erinnert uns der Geist vor allem daran, dass die Suche nach Wahrheit weitergehen muss. Bei allen Christen. Bei allen Menschen. Der Geist erinnert daran, dass ehrliches Suchen besser ist als über andere und deren angebliche Irrtümer zu lästern.

 

Wir müssen nicht einer Meinung sein, man darf einander auch widersprechen, solange man nicht vergisst, dass Glauben etwas anderes ist als Wissen. Und dass der Geist der Wahrheit der ist, der Frieden stiftet. „Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.“ Am Frieden, dem inneren und dem äußeren, kann man ihn erkennen.

 

Und wie feiert man das? Vielleicht, indem man Bräuche erfindet, bei denen Menschen ins Gespräch finden, statt zu sagen, „mit dem kann man ja nicht reden“. Essen und Geschenke tun Festen immer gut. Man könnte sich gegenseitig zum Braai einladen und dem anderen Zeit und Aufermerksamkeit schenken, um einander besser zu verstehen. Vielleicht fällt uns dann gemeinsam auf, dass eigentlich wir Menschen es sind, die mit dem, was wir tun, den Geist Gottes in der Welt sichtbar machen sollen, sodass andere sagen können: Siehst du? Da war Gott. So ist Gott! Ich habe ihn gespürt.


Amen