(Predigt zu Johannes 23b-28.33)


Move 1 Erfahrungen mit dem Beten

Die Hände, die sich falten, ruhn von der Sorge aus. Wer in die Stille eintritt, kommt von weither nach Haus. So heißt es in einem Lied, das in meiner Jugendzeit im Jugendkreis oft gesungen wurde. Und es beschreibt für mich immer noch sehr treffend, wie sich beten anfühlt. Nämlich wie nach Hause kommen. Vom Alltag Abstand nehmen, mit Gott reden. So sein können, wie ich bin. Frieden finden. Kraft schöpfen.

 

Es gibt viele Erlebnisse, die ich mit dem Beten verbinde. Eine meiner eindrücklichsten und persönlichsten Erfahrung möchte ich mit Euch teilen.

 

Mein Vater war Anfang 50, als er mit einer schweren Erkrankung ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Meine Mutter und ich brachten ihn hin und als wir ihn versorgt wussten und unsicher, voller Sorgen vor dem Krankenhaus standen, fassten wir uns an die Hände und beteten. Das fühlte sich in dem Moment am Richtigsten an. Und wir fühlten uns miteinander und mit Gott verbunden und es erfüllte uns mit Frieden. Das war eine tiefe spirituelle Erfahrung in so einer Ausnahmesituation. Nicht zu wissen, wie es weitergeht, aber das Gefühl haben, getragen zu sein.

 

Bei der KV Rüste schauten wir abends den Film über Dietrich Bonhoeffer, „Die letzte Stufe“ und diejenigen unter euch, die den Film gesehen haben, erinnern sich sicher an die eine Szene, wo Bonhoeffer durch die Wand hindurch mit einem Mithäftling in der Nachbarszelle betet, weil dieser Tag und Nacht weint angesichts der aussichtslosen Lage.

 

Er spricht: Herr, in mir ist es finster, aber bei dir ist das Licht. Ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht. Ich bin kleinmütig, aber bei dir ist Hilfe. Ich bin unruhig, aber bei dir ist der Friede. Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den Weg für mich.

 

Bonhoeffer erfährt vom Gefängniswärter, der Nachbar sei am anderen Tag hingerichtet worden und habe dabei sehr in sich ruhend gewirkt.

 

In sich ruhend, so wirkt Jesus in vielen biblischen Erzählungen. Auch, als er von seinen Jüngern Abschied nehmen muss.

 

Ich lese aus dem Johannesevangelium den Predigttext für heute vor. Johannes 16,23b-28.33

Move 2 In der Welt habt ihr Angst… Zu Recht!

In der Welt habt ihr Angst. Wie wahr ist dieser Satz. Jesus sagt ihn und nun ist er in der Welt. Er steht da und ist eigentlich nur ein halber Satz und doch beschreibt er die ganze Wahrheit.

 

Ehrlich gesagt, ich bin froh, dass Jesus diesen Satz gesagt hat. Denn ich habe Angst vor so vielen Dingen im Leben. So viel steht fest. Und ich glaube, ich bin damit nicht allein. Ich glaube, es ist völlig egal, ob man ein Mann oder eine Frau ist. Die Angst lässt sich auch nur bedingt verleugnen, auch wenn es einige versuchen. Es ist egal, ob man jung ist oder alt. Es ist harte Arbeit, die Angst aufzulösen, denn sie ist da.

 

Zu Recht. Denn die Welt erscheint oft als Gott ferner Ort.

 

Ich bin mir sicher, es gibt viele Menschen, die allein oder gemeinsam um Vernunft, Einsicht und Frieden in der Welt beten. In unseren Taize Andachten spielt die Bitte um den Frieden eine zentrale Rolle. Denn er ist so wichtig. Die Welt braucht das Gebet, so wie ich die Luft zum Atmen brauche, um leben zu können.

 

Doch wofür, fragen Menschen. Bringt es am Ende überhaupt etwas?

 

Mache ich vielleicht etwas falsch, wenn das nicht eintrifft, was ich mir erhoffe?

Move 3 Beten ist keine Zauberei und nicht jeder Wunsch wird erfüllt – das ist hart aber wahr

Ich war in Deutschland bei einem Gottesdienst der Freikirche, weil die Leute von weit her sonntags zu diesem Event pilgern und wir uns im Hauskreis wunderten und ich es mir mal zusammen mit einer Freundin anschauen wollte. Es muss kurz nach der Wahl Trumps zum US Präsidenten gewesen sein. Mir blieb mehrmals vor Schock der Atem weg. Einmal war es, gleich zu Beginn, als einer mit erhobenem Zeigefinger von einem Seminar sprach, zu dem man bitteschön hingehen solle. Dort würde man noch einmal üben, wie man richtig betete, denn die Wahl Trumps zeige eindeutig, dass etwas beim Beten schief gelaufen sei.

 

Aha? Es müsste sich doch eigentlich herumgesprochen haben, dass Beten kein Zauberspruch ist. Es kommt doch nicht auf die richtige Formel an, die man lernen muss, bis man sein Ziel bei Gott erreicht.

 

Nun, es ist nicht so, dass Gott einfach Wünsche erfüllt, so berechtigt man sie auch finden mag. Oft scheint er auch zu schweigen, manchmal erkenne ich seine Zeichen nicht, weil ich zu sehr auf meine warte.

 

Und in der Bibel können wir es nachlesen: Jesus wurde der größte Wunsch nicht erfüllt, der Kelch ging nicht an ihm vorüber. Dennoch betete er, er ließ nicht nach, die Welt und sein Empfinden zu ordnen. Weil ihm wohl eines klar war: wer überwinden will, was ihn bedrängt, braucht Halt am ewigen Gott. Dem wirft sich Jesus in die Arme. Das gibt ihm Kraft, alles durchzustehen.

Move 5 Jesus ist spürbar weg

Und so kann er auch Abschied nehmen von seinen Jüngerinnen und Jüngern. Er kann sie darauf vorbereiten, wie sie mit seinem Weggang umgehen können. Ja, Jesus ist weg. Das spüren wir heute auch, Tag für Tag. Die Angst ist nämlich da. Spürbar. Im Seelsorgegespräch, im Krankenhaus, schon im Taufgespräch, wenn Eltern von Bewahrungsgeschichten erzählen und auch im Traugespräch, wenn die jungen Paare die Traufragen besprechen „bis dass der Tod euch scheidet“. Plötzlich ist da mitten im schönen Leben die Endlichkeit im Raum. In der Welt habt ihr Angst.

 

Jesus weiß das. Mit ihm an der Seite war es gut auszuhalten. Jetzt ist er weg. Und den Jüngerinnen und Jüngern wird das Herz schwer. Angst, Not und Bedrängnis wird nicht weichen. Den dieser halbe Satz: in der Welt habt ihr Angst, steht in der Abschiedsrede. Die übrigens von Herzen kommt. Es ist, als ob ein Freund sich von seinen Freunden verabschiedet. Vielleicht ein bisschen so, als ob er in eine andere Stadt, in ein anderes Land, auf einen anderen Kontinent zieht. Er ist weg und somit nicht mehr unmittelbar greifbar. All den Trost, all die Hoffnung hat er eingepackt. So kommt es den Jüngern vor, die seine Worte hören. Deprimiert und orientierungslos bleibt die Welt zurück und die Angst in ihr. Und die Frage bleibt: wie geht es jetzt weiter?

Move 5 Beten soll die Welt

Die Welt soll beten. Dazu macht Jesus ihr Mut.

 

Gewissheiten und Garantien gibt es nicht. Die Welt soll beten. Für die Welt, für die Menschen in ihr und all die Nöte, die zum Greifen nah sind und spürbar, wo Jesus in der Welt fehlt.

 

Bittet, sagt Jesus: wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird ers euch geben.

 

Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei.

 

Gebete werden erhört und Bitten werden erfüllt. Von Zeiten und Menschlicher Geduld ist hier nicht die Rede. Gottes Zeit ist anders als unsere.

 

In der Welt habt ihr Angst. Das ist wahr. Die Angst gehört zum Leben dazu. Aber Angst haben ist nicht Ausdruck von Schwäche oder von schwachem Glauben. Wie sollte es auch anders sein? Die Welt ist unübersichtlich geworden oder vielleicht war sie das nie.

 

Es gibt keine einfachen Wahrheiten, die mir die Zusammenhänge in ihr plausibel und allumfassend erklären können. Es gibt nicht nur schwarz und weiß, gut und böse, es gibt so vieles dazwischen. Auch wenn ich mir vielleicht gern meine eigene kleine Welt im Kopf zurecht bastle.

 

Ich überblicke das große Ganze nicht. Ich sehe immer nur einen kleinen Teil und um den kümmere ich mich so gut es geht. Welche Folgen und Auswirkungen das auf andere hat, das kann ich meist nur erahnen. In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Gott sei Dank: Jesus lässt uns nicht allein.

 

Und ja, er weiß, wovon er spricht. Er hat diese Welt erlebt, ganz und komplett, mit allem, was dazu gehört. Er hat aus dem bitteren Kelch getrunken, hat geweint, als er erfuhr, dass sein Freund Lazarus tot war. Er kennt alle Abgründe, die Schmerzen, er weiß, was es heißt, Abschied zu nehmen. Er hat all den Hass gespürt, der in der Welt ist. Aber er hat all das überwunden und wir mit ihm. In der Taufe haben wir Anteil an seinem Sieg und am Heil, das uns am Ende der Zeiten erwartet.

 

Nein, ich lasse mich vom Beten nicht abbringen. Ich werde beten, immer und immer wieder. Nach Hause kommen. Einatmen und Ausatmen und mit Gott sprechen. Und mich trösten und verändern lassen. Mich ihm anvertrauen, ihm vertrauen, komme, was da wolle.

 

Mein Vater hat übrigens die schwere Erkrankung überlebt und lebt immer noch glücklich und zufrieden ohne Nachwirkungen. Aber er hat nach diesem Ereignis sein Leben geändert und u.a. seine Arbeit reduziert. Aber das nur nebenbei.

 

Also, wenn auch ihr Angst habt in der Welt, seid getrost, spricht uns Jesus zu: ich habe all das überwunden. Fürchtet euch nicht!

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.


Amen