(Predigt zu Lk 6,36-42)


Umgang mit dem Nächsten

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

38 Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.

39 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?

40 Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister.

41 Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr?

42 Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.


Move 1 vom Bau des Lebenshauses

Der Friede Gottes, die Liebe Jesu Christi und die Gemeinschaft des Hl. Geistes sei mit euch allen. Amen

Im Urlaub habe ich meine beiden Nichten getroffen. Sie sind jetzt in dem Alter, wo man beginnt, sein Leben selbst zu planen. Endlich volljährig. Endlich fertig mit der Schule.

Wohin solls im Urlaub gehen? Was möchte ich für einen Beruf, wo will ich studieren, welcher Partner soll es sein…im Gespräch mit den beiden, da dachte ich irgendwie: ich werde alt. Etwas mehr als 20 Jahre ist es her, dass ich in dieser Phase steckte, wo ich zum ersten Mal dachte: alles ist möglich. Irgendwie fühlt man sich doch so, als sei man das Zentrum, es ginge nur um mich, um mein Leben. Herrlich.

Damals hab ich noch weniger als heute daran gedacht, mir ein eigenes Haus zu bauen. Den Wunsch hatte ich noch nie. Habe mich auch nicht mit Baukonstruktionen und handwerklichen Gegebenheiten auseinandergesetzt, aber eines ist selbst mir klar, wer baut, sollte ein gutes Fundament haben. Nicht auf Sand bauen, sondern auf festen Grund.

Das gilt natürlich auch im übertragenen Sinn für mein gesamtes Lebenshaus. Jeder unter uns hat, das hoffe ich zumindest, Wünsche und Träume. Nicht nur damals, auch heute, immer wieder und das endet hoffentlich auch nicht eher, als dass ich meinen letzten Atemzug mache. Hilfreich ist es, keine Frage, wenn die Träume gut durchdacht und mit der Realität irgendwie vereinbar sind und nicht beim nächsten Gegenwind in sich zusammen brechen. Für Jesus ist das auch ein wichtiges Thema. Und er gibt uns heute dafür Bauhilfen mit an die Hand. Wir haben den Predigttext bereits gehört. Er steht in einem größeren Zusammenhang.

Move 2 Zusammenhänge im Leben

Inmitten der Feldrede im Lukasevangelium. Jesus spricht zu einer großen Schar seiner Jünger und einer großen Menge des Volkes aus dem ganzen jüdischen Land und Jerusalem und dem Küstenland von Tyros und Sidon. Alle waren gekommen, ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden. Nur ihm zuhören. Nur ihn berühren, Gesund werden an Leib und Seele.

 „Der Stärkere gewinnt“, „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, „wer am lautesten schreit, hat Recht“

Wer diese Sätze oft genug im Leben spürt und hört oder nach diesen Maximen lebt, dessen Lebenshaus steht auf wackeligem Fundament.

Ich kann ja denken, ich sei das Zentrum der Welt, es ginge nur um mich, aber so funktioniert das Leben nicht. Ich bin nicht allein im Universum und das ist auch gut so. Ich stehe in Zusammenhängen, lebe mit anderen zusammen, bin von Umständen abhängig, die nicht immer eindeutig gut oder böse, schwarz oder weiß sind. So einfach, wie ich mir das manchmal in meinem Kopf zurecht bastle, ist die Wirklichkeit leider nicht. Die Welt und die Menschen in ihr sind bunt, facettenreich und so schade ich das auch finden mag. Ich habe nicht immer Recht.

Move 3 Unbarmherzigkeit zerstört Gemeinschaft

Urlaubszeit ist ja eine gute Gelegenheit, zu sich zu kommen und sich selbst infrage stellen zu lassen. Mit ein wenig Abstand erscheinen Dinge oft in einem anderen Licht.

Die zu Jesus kommen, waren alle unterwegs. Hatten Abstand von ihrem gewohnten Umfeld. Die meisten suchten sich selbst inmitten ihrer Welt. Und hörten von Jesus:  

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

 37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

38 Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.

Liebe Gemeinde,

Sätze wie diese könnten auf Kalenderblättern, die man Tag für Tag abreißt, sie für gut befindet und in den wegwirft. Man hält kurz inne und wird sich bewusst: ja natürlich soll ich barmherzig sein und ich bin nicht besser als mein Bruder und meine Schwester. Das weiß ich doch. Das wissen wir doch alle!

Die Frage ist also: Warum sind wir es so selten? Weder in Worten noch Taten?

Wenn es um unser kleines feines gebasteltes Lebenshaus geht, sind wir – Hand aufs Herz - oft sehr unbarmherzig. Wer sich im Unrecht sieht, poltert los. Hauptsache, ich bekomme Recht. Da spielt es schließlich keine Rolle, wie es meinem Gegenüber dabei geht. Noch schlimmer geht es in ach so sozialen Netzwerken zu. Jeder bläst seine Meinung respektlos in das world wide web.

Vielleicht kommen euch Sätze wie diese ja auch bekannt vor:

„Wie sieht die denn aus? Der verhält sich ja unmöglich. Die passen nicht in unsere Gemeinde. Schau sie dir an. Sowas tut man doch einfach nicht. Das hat sie verdient.“

Andere verurteilen und verachten, man meint, der Gemeinschaft zu dienen, indem man solche Sätze in die Runde wirft.

In Wirklichkeit macht mein Richten mehr kaputt als es hilft. Zuerst verliere ich selbst den Zugang zu diesem Menschen, dann ziehe ich auch noch andere mit hinein und verunsichere und störe ihr Verhältnis zueinander.

Jetzt könnte man einwenden: natürlich habe ich mich über den, über den ich herziehe, geärgert. Soll ich mich nicht wehren? Ich diene nur der Gemeinschaft, solche vertrauensunwürdige Menschen und Nichtskönner darf man nicht hochkommen lassen.

Gefalle ich mir in dieser Rolle als Richter? Ich gebe doch eine eher peinliche Figur ab.  

Ganz ehrlich: Gott fragt mich, wie ich bin und ich antworte nur: dass der andere schlechter ist.

Move 4 Das alles, weil Gott hinter, neben, über, vor uns steht

41 Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr?

42 Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.

So ist es doch oder etwa nicht? Bei dem anderen sehe ich immer sehr scharf, wo der Fehler ist. Der Splitter im Auge entgeht mir nicht. Aber meinen Balken im Auge nehme ich nicht wahr. Ich will dem anderen sogar noch behilflich sein beim Entfernen des Splitters. Wie großzügig von mir. Und das fühlt sich so gut an. So überlegen.

Wie wir miteinander umgehen, mit größter Akribie einander die Irrungen, Schwachheiten und Versäumnisse vorrechnend, in scheinbar unbestechlicher Rechtlichkeit den anderen zur Verantwortung ziehend, ihn nach Strich und Faden unbarmherzig analysierend, das ist nur möglich, solange wir noch gar nicht gemerkt haben, was wir für einen Gott über uns, hinter uns, neben uns und vor uns haben: nämlich einen, der gütig ist. Zu allen.

Was mein Nächster und ich auch gegeneinander haben mögen, wir leben von der Güte Gottes.

Solange es um fromme Leistung, auf Können und Erfolg, auf Untadeligkeit und öffentliches Ansehen ankommt, stehen wir miteinander in Konkurrenz. Vor Gott zählt das alles nicht.

Seid barmherzig, wie auch unser Vater barmherzig ist.

Gegen die ich so viel einzuwenden habe, die würdigt Gott mit seiner Liebe. Zu ihnen gehört der Mitmensch, der mir so auf die Nerven geht. Ich übrigens auch. Das ist die Plattform, auf der wir beide uns treffen. Es kann nichts geben, das uns fester aneinander binden könnte als dies.

Move 5 sind alle hilfsbedürftig

39 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?

40 Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister.

Im Leben gehts nicht ohne Meister, wer sein Lebenshaus bauen will, der braucht Menschen, die ihm helfen, zeigen wie es geht, immer wieder gerade rücken, was schief zu werden droht. Wir brauchen diese gegenseitige „Entsplitterungshilfe“ im Sinne Jesu. Dieses gütige und barmherzige Sehen der blinden Flecken und das Heraushelfen aus den Fehlern – ohne Rechthaberei und Profilierung vor dem anderen Die Fähigkeit, fehlerfreundlicher zu werden und Unterschiedlichkeit zu tolerieren. Die Fähigkeit zu beurteilen, was dem Guten dient, und die Fähigkeit zu ertragen, wenn ich nicht auf mein Recht poche und meinen eigenen Vorteil bekomme. So wenig, wie wir uns jedes Wort gefallen lassen müssen, müssen wir aber auch nicht auf jedes Wort kontern oder noch gepfefferter zurückschießen. Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Barmherzig sollen wir sein und die Last des Nächsten mittragen. Uns vom Mitleid leiten lassen, gerade gegenüber den Schwachen und Bedürftigen. Geben, wie Gott gibt. Lieben, wie er liebt.

Mit solchem Bemühen kommen wir nie zu Ende. Dafür sind wir nie zu alt. Es will jeden Tag aufs Neue eingeübt werden. Aber auf diese Weise können wir zum Segen werden für die Welt, in der wir leben – so wie Gott ein Segen für uns ist, jetzt und in Ewigkeit.


Amen