(Predigt Johannes 5, 39-47)


Move 1 Auf der Suche nach Leben

„Entdecke die Möglichkeiten“ – mit diesem Werbeslogan wirbt ein schwedisches Möbelhaus um Kunden. Es gilt, die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten kennenzulernen und genau das Passende für die eigenen vier Wände auszusuchen. „Entdecke die Möglichkeiten.“ Für die einen mag das verlockend klingen, genau das Richtige aus Hunderten von Möglichkeiten auszuwählen. Für die anderen ist es eher die Qual der Wahl. Es verunsichert viele, wenn scheinbar alles möglich und machbar scheint und der Wunsch nach klaren Abgrenzungen und Regeln ist bei vielen groß.

Immer wieder treffe ich auf Menschen, denen es zu viele Möglichkeiten sind, zwischen denen sie zu wählen haben. Das geht natürlich weit über den Möbelkauf hinaus.  

Täglich muss man eine Vielzahl von kleinen und großen Entscheidungen treffen. Kaufe ich hier ein oder dort? Welche Schule möchte ich besuchen? Was studieren und wo will ich künftig leben und arbeiten? Was mache ich im Alter? Soll ich umziehen und bei welcher Gemeinde möchte ich dazugehören? Das Angebot an religiösen und spirituellen Gruppierungen, denen man sich anschließen kann, ist fast unbegrenzt.

Von der Wahl des Supermarktes, über den Lebensentwurf bis hin zur religiösen Heimat - an Möglichkeiten, an Auswahl fehlt es uns nicht.

Und gerade was die religiöse Heimat angeht, sind viele Menschen auf der Suche: nach dem Leben, dem gelingenden, guten, glücklichen Leben: Lebenshungrige, Sinnsuchende, Fragende.

Auch Jesus ist damals Menschen begegnet, die auf der Suche nach dem Leben waren. Jüdische Glaubensgeschwister waren es, die die Heiligen Schriften eifrig studierten und in ihnen das Leben suchten. Sie wollten alles richtig machen, hielten sich buchstabengetreu an das Gesetz des Mose. Und Jesus sagt ihnen sehr deutlich: So, wie sie jetzt suchen, sind sie auf dem Holzweg. Die Möglichkeit, die sie gewählt haben, ist die falsche. So werden sie das Leben nicht finden. Wie lässt es sich aber dann finden, das gute, glückliche, gelingende Leben, das Leben in Fülle?

Hört, was Jesus seinen jüdischen Glaubensgeschwistern sagt – bzw. zumutet:

Johannes 5, 39-47

39 Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie sind's, die von mir zeugen;

40 aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.

41 Ich nehme nicht Ehre von Menschen an;

42 aber ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt.

43 Ich bin gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen.

44 Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?

45 Meint nicht, dass ich euch vor dem Vater verklagen werde; der euch verklagt, ist Mose, auf den ihr hofft.

46 Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben.

47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?

Move 2 Sola scriptura

Liebe Gemeinde, ich bleibe beim ersten Satz hängen „Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin.“

Ich meinte doch, dass das ein guter Startpunkt sei. Sola scriptura.

Vielen von uns dient ein Bibelwort oder mehr als tägliche Losung, in den Hauskreisen diskutieren wir über Bibeltexte, in unseren Gottesdiensten lesen wir reichlich aus der Bibel vor, Psalmen, Texte aus dem Alten Testament, Briefe, Evangelien fast immer. Im Normalfall, was Anzahl, Länge und Menge der Texte angeht, sogar wesentlich mehr als irgendein Mensch so schnell hören und verstehen, geschweige denn sich merken kann.

In der Hl. Schrift finden wir Gottes Wort. Wir wollen dem Leben, dem ewigen Leben auf die Spur kommen, dem Vater, dem Sohn und dem Hl. Geist näher kommen.

Kaum jemand würde doch der Behauptung widersprechen, dass die Bibel die Grundlage des Christentums ist.

„Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin.“ Wer das denkt, ist also nach Jesu Worten tatsächlich auf dem Holzweg. Man merkt es ja schon am Namen unserer Religion: Wir nennen uns nicht Biblisten, sondern Christen.

Move 3 Solus Christus

Es geht um Christus. Und den können Buchstaben nicht fassen. Sie sind ein guter Anlaufpunkt, „Jesus Christus, wie er in der Heiligen Schrift bezeugt ist“, aber Jesus ist viel mehr, als ein Buch fassen könnte. Dem Leben, dem ewigen Leben auf die Spur zu kommen, dazu braucht es also mehr. Nämlich das Verständnis dafür, dass die Schrift auf Jesus Christus hin gedeutet wird.

Und das ist auch das Kriterium für jede Lebensweisheit , jede spirituelle Gruppierung, jede geistliche Bewegung.

„Was Christum treibet“, hat Martin Luther dieses Schriftprinzip genannt und es zum „Kanon im Kanon“ erhoben, d.h. zur verbindlichen Richtschnur. Es dient also keineswegs dem Leben, irgendeinen Bibelvers herauszugreifen und eine Theologie oder geistliche Bewegung darauf aufzubauen, wenn sie dem Leben und Wirken Jesu Christi widersprechen würde.

Insofern möchte Luther sein laut gerufenes „sola scriptura“ nie isoliert verstanden wissen, sondern immer gebunden an das noch wichtigere „solus Christus“.

Move 4 Christus zeigt uns den Weg

Und Jesus tut Gottes Willen und Gott bekennt sich zu seinem Sohn immer wieder, durchgängig.

Gott ist die Liebe. Und die Liebe wurde Mensch in seinem Sohn Jesus Christus.

In meiner Philosophieprüfung entschied ich mich für ein Buch von Martin Buber. Er gehörte zu den prominentesten Teilnehmern am christlich-jüdischen Religionsgespräch und lebte von 1878 bis 1965. „Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch“, sagte er. Alles wirkliche Leben war für Martin Buber Begegnung. Erst durch die Beziehung zu einem Gegenüber, zu einem Du wird der Mensch zu einem Ich. Und jede Ich-Du-Beziehung verweist auf ein ewiges Du. Gott, der anredbar und anredend ist.

Mensch gewordene Liebe Gottes in Jesus Christus. In seinen Worten und Taten. Wir hören es immer wieder. Die Evangelien sind voll davon, wie Jesus sich in die Beziehung zu Menschen begab, sich ihnen zuwandte, mit ihnen sprach und dadurch eine neue Wirklichkeit geschaffen wurde – für den einzelnen Menschen. Ich-Du-Beziehungen in ihrer reinsten Form begegnen uns da. Das konnte Jesus.

Und immer noch.

Worte, die die Welt verändern, für viele Menschen, die sich von Jesus finden lassen, ihm folgen und sich verändern lassen. Sichtbare Zeichen geschehen.

Aber man muss sie sehen wollen und deuten können. Damals wie heute.

Wenn Menschen sich dem Leben öffnen, weil sie frei werden von den Zukunftsängsten, wenn sie neue Wege für sich entdecken, wenn Menschen erkennen, dass das Leben schön ist und sie in allen Lebenslagen einen Ansprechpartner haben in Jesus Christus.

Wenn Menschen nicht krampfhaft an Althergebrachtem oder an menschengemachten Gesetzlichkeiten festhalten, weil sie spüren, dass Jesus Christus einen frei macht und man mit ihm nur das Leben gewinnen kann. Dann spürt man, wer Jesus ist.  

Move 5 Entdecke die Möglichkeit

„Entdecke die Möglichkeiten“ wird dann zu: „Entdecke die Möglichkeit!“ – nämlich in Jesus Christus den Weg zum Leben zu finden. Er hat von sich selbst gesagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“

Und daran lässt er die teilhaben, die an ihn glauben. So heißt es im Johannesevangelium an anderer Stelle: „Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben.“ Jesus wirbt um uns. Er wirbt darum, dass wir uns einlassen auf ihn, genauso wie er es damals getan hat im Gespräch mit seinen jüdischen Mitmenschen. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als dass der Funke überspringt zu denen, die ihm zuhören.

Ich werde euch nicht verklagen, spricht Jesus. Er spricht ihnen, er spricht uns das Evangelium zu. Er hat eine gute Nachricht für uns. Krampft euch nicht fest an lieblos verstandene Gesetze. Ihr könnt sie nicht erfüllen. Gesetze verklagen euch und sprechen euch niemals frei. Im Gegenteil, sie verführen euch dazu, immer noch besser dastehen zu wollen vor anderen, aber ihr sollt frei sein. Bindet euch nicht an ihr Urteil, an Ruhm und Ansehen. Macht euch nicht abhängig. Gott allein ist es, dessen Ehre ihr suchen sollt.

Ihr seid verunsichert? Ihr zweifelt? Ihr steht gegen mich? Ich stehe zu euch. Komme, was da wolle.

Liebe Gemeinde, diese Worte möchte ich hören. Auf Jesu Stimme möchte ich achten. Ihm möchte ich folgen. Hin zum ewigen Leben. Amen