(Predigt zu Matthäus 9,35-10,1.5-10)


Die Gnade unseres Herrn und die Liebe Jesu Christi und die Gemeinschaft des Hl. Geistes sei mit euch allen.

Liebe Gemeinde, warum seid ihr hier?

In Südafrika?

In der Kirche und im Gottesdienst?

Warum?

Nun, jede und jeder hat seine eigene Antwort darauf.

Könnte man sagen, ihr seid hier, weil viele Eurer Vorfahren ausgezogen sind, einst, aus ihrer Comfort zone in Deutschland oder Schweden oder einem anderen Land. Oder vielleicht auch, weil sie ein besseres Leben für sich und ihre Nachkommen wollten. Weil sie das Neue, das Abenteuer nicht schreckte. Weil sie sich von Gott dazu beauftragt fühlten. Gemeinden vielleicht selbst gründeten oder leiteten. Oder vielleicht auch, weil ihr selbst aus Eurer Heimat weggegangen seid des Berufes, der Liebe oder der Schönheit des Landes wegen. Für immer oder auch nur für einige Jahre.

Ihr seid hier, weil es vor mehr als 25 Jahren Menschen gab, die den Beschluss fassten, eine neue Kirche in Pretoria zu bauen und diesen Beschluss in die Tat umsetzten. Ihr seid hier, weil ihr heute Morgen früh aufgestanden und her gekommen seid.

Alle Antworten haben eines gemeinsam: mit Bewegung fing es an. Die von innen kam oder die von außen an einen herangetragen worden ist.

Heute  Morgen haben wir es mit einem biblischen Text zu tun, in dem es auch um die Beweglichkeit im Leben geht. Der Evangelist Matthäus erzählt in seinem Evangelium im 9 und10. Kapitel Folgendes:


9, 35 Und Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen.

36 Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.

37 Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter.

38 Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.

10, 1 Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen.

5 Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht nicht in eine Stadt der Samariter,

6 sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel.

7 Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

8 Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr's empfangen, umsonst gebt es auch.

9 Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben,

10 auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.


Liebe Gemeinde, Gott braucht Menschen. Er sendet Abraham, auszuziehen. Jesus beruft Menschen in seinen Dienst und macht sie zu Menschenfischern.

Und er schickt seine Jünger nun auf eine Dienstreise könnte man sagen. Diese wir anstrengend werden und ihnen alles abverlangen. Die entsprechende Anweisung macht dies unmissverständlich klar. Da jagt ein Imperativ den nächsten: Geht! Predigt! Macht gesund! Weckt auf! Macht rein! Treibt aus! Auf die Jünger wartet keine Spaßveranstaltung, sondern harte Arbeit. Und der Lohn? Den gibt es nicht. „Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch!“ Die Jünger wissen somit, was von ihnen verlangt wird. Sie sollen exakt das tun, was auch ihr Herr und Meister tut, ohne dabei auf persönlichen Gewinn zu schielen. Sie sollen nicht mehr länger nur ihm nachfolgen und zuschauen, sondern selbst ehrenamtlich tätig werden. Denn „die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter.“

Alle Jünger werden für diese Aufgabe gebraucht… alle. Darüber  stutze ich kurz. Schauen  wir uns einige von ihnen doch einmal genauer an! Da ist Simon Petrus, der Sprecher der Gruppe; er ist oft impulsiv, vorlaut, schwankend in seinen Stimmungen und in seinem Mut. Da sind Jakobus und Johannes, die „Donnersöhne“, wie Jesus sie nennt; sie sind ehrgeizig, mit der Neigung zum Jähzorn. Da ist Matthäus, der Zöllner mit dem schlechten Ruf. Da ist Thomas, der notorische Skeptiker. Da ist Simon Kananäus, der Zelot, der immer eine Hand am Messer hat. Und da ist schließlich ja auch noch Judas Iskariot, der Kassenwart der Gruppe, der um ein paar lumpiger Silbergroschen willen an Jesus zum Verräter werden wird. Keine sehr angesehene Schar, um es einmal vorsichtig zu formulieren. Mit ihnen möchte Jesus das Gottesreich auf Erden bauen. Hätte er nicht geeignetere Leute finden können?

Ja, vielleicht hätte er. Aber er hat sich genau diese zwölf ausgesucht. Wie seltsam und zugleich – wie tröstlich! Denn wenn Jesus solche Leute brauchen konnte, dann kann er wohl auch uns brauchen, dich und mich. Trotz unserer Fehler und Schwächen. Trotz unseres kleinen Glaubens.

In der Gemeinde Jesu ist niemand zu schwach und zu unvollkommen, als dass er nicht gebraucht würde. Wirklich jede und jeder kann nach seinen Möglichkeiten und seiner Art dazu beitragen, dass das Reich Gottes wächst und die Gemeinde lebt – von der Mitarbeit in den vielen unterschiedlichen Gruppen und Kreisen, bei den einzelnen Aktionen, im Kirchenvorstand, der Kirchenmusik, in der Küche, dem Besuchsdienst und und und. 

Jesus teilt seinen Jüngern gleich mehrere Aufgaben zu. Predigen sollen sie, aber auch heilen. Redenallein, das reicht also nicht.  Die gute Botschaft von Jesus Christus hat den ganzen Menschen im Blick, mit seinem Körper, seinem Geist und seiner Seele.

Es genügt eben nicht, von der Liebe nur zu reden. Jesus zufolge gehören Reden und Tun untrennbar zusammen. Denn das Reich Gottes kann nur dann wirklich den Menschen nahekommen, wenn sie davon nicht nur hören, sondern es auch sehen, spüren und schmecken. Am vergangen Mittwoch haben wir den wunderbaren Film „Babettes Fest“ angeschaut. Welch eine große Bedeutung es hat, das Wort Gottes nicht nur zu hören, sondern die Güte Gottes schmecken zu können und wie das Menschen verändern kann, weil sie völlig erfüllt waren von Liebe und Barmherzigkeit, davon handelte dieser Film und brachte uns alle zu einem angeregten Gespräch darüber. Ich kann den Film jedem wärmstens empfehlen. 

Jesu Jünger sollen es so halten wie der Meister selbst. Reden und handeln. Aber das ist noch nicht alles. Sie sollen ihre Arbeit ohne Absicherung tun. Konkret heißt das: Kein Geld mitnehmen für die Wanderschaft durch die jüdischen Städte und Dörfer. Keinen Reiseproviant. Keine Schuhe für die staubigen, ungepflasterten Wege Galiläas. Nicht mal ein Hemd zum Wechseln. So ungeschützt schickt Jesus die Seinen los. Mit der Begründung: „Ein Arbeiter ist seiner Speise wert.“

Wäre ich dazu bereit? Ich denke, das ist doch ein Zeichen unserer Zeit, dass wir auf Nummer Sicher gehen. Wer liebt schon solch ein großes Risiko. Völlig angewiesen zu sein auf das Wohlwollen anderer Menschen, die einem unterwegs begegnen. Schutzlos ist man dann.

Ich glaube aber durchaus, es hilft, optimistisch und zuversichtlich ans Werk zu gehen, anstatt sich ständig und zu sorgen und zu grübeln.

Genau darauf will Jesus hinaus. Weniger Angst, dafür mehr Zuversicht und Vertrauen. Ein Rat, der heute noch genauso aktuell ist wie zu seiner Zeit.  Nicht immer nur Sorgen machen: wegen der Kinder, wegen der Zukunft, wegen der Klimaerwärmung, wegen der Arbeit, wegen der mangelnden Gerechtigkeit im Land, wegen der Kriege in der Welt. Manche wachen morgens auf und statt eines Dankes für die guten Dinge im Leben, sehen sie nur die Sorgen und Probleme. .

Das zieht einen runter. Ich möchte all die Probleme in Südafrika und der Welt nicht kleinreden. Besorgnis ist dann und wann wirklich angebracht.

Auch derjenige, dessen Arbeitsplatz gefährdet ist oder der sich vor Arbeit kaum retten kann, diejenige, die bedrohlich erkrankt ist oder die nicht weiß, wie sie die täglichen Ausgaben aufbringen soll, macht sich zu Recht ihre Gedanken.

Aber gerade für jene gilt das alte chinesische Sprichwort: „Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupte fliegen, kannst du nicht ändern. Aber du kannst verhindern, dass sie Nester in deinem Haar bauen.“

Ich kenne Menschen, denen das gelingt. Die sich trotz aller Probleme ihre zuversichtliche und positive Einstellung bewahrt haben. Die nicht resigniert die Hände in den Schoß legen, sondern die Zukunft als Chance begreifen. Als Chance für Veränderungen. Und die sich deshalb gerne engagieren. In der Kirche oder anderswo. Bei Amnesty International zum Beispiel. Bei Greenpeace. Beim Tierschutz. Aber auch und gerade in der Weise, dass sie einmal in der Woche für ihre alte gehbehinderte Nachbarin die Einkäufe erledigen. Oder Menschen ohne Angehörige begleiten.

 „Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.“

Es gab in der Tat viel zu tun für die Jünger, damals in Galiläa. Und es gibt auch heute noch viel zu tun. Die Arbeit ist nicht weniger geworden. Auch heute werden Arbeiter gesucht, die sich – wie einst Jesus – von der Not der Welt anrühren lassen. Arbeiter, denen die Last und das Leid der Menschen nicht gleichgültig sind und die deshalb bereitwillig mit anpacken.

Der Philosoph Arthur Schopenhauer (1788–1860) hat einmal das Mitleid die Quelle der Menschenliebe genannt. Und hinzugefügt: „Wer davon erfüllt ist, wird keinen verletzen, keinen beeinträchtigen, keinem wehtun, vielmehr mit jedem Nachsicht haben, jedem helfen, so viel er vermag.“

Es wäre schön, wenn es mehr Menschen geben würde, die sich in Bewegung bringen lassen. Lasst uns Gott darum bitten. Und lasst uns darum bitten, dass auch wir solche Menschen sind und immer mehr werden – zum Lobe Gottes und zum Heil für diese Welt. Amen