(Predigt zu 1. Petrus 2,2-10)


1 Wenn Steine sprechen könnten…

Wenn die Steine unserer Johanneskirche sprechen würden, liebe Gemeinde, könnten wir folgendes hören… 

Alt und grau bin ich mittlerweile…nun ja, ich bin zwar erst seit etwas mehr als 25 Jahren hier, aber ich habe auch schon davor eine lange Zeit erlebt. …Aber stark bin ich immer noch. Nahezu unverwüstlich.

Ich habe meinen Platz gefunden.

Jünger und unverbrauchter war ich damals, als sie mich für den Bau der Kirche ausgesucht und eingesetzt haben. Ich sollte es sein. Und so bin ich – durch Menschenhand – geformt und gebrannt worden.

Mein Platz im Mauerwerk gefällt mir gut und zusammen mit den anderen Steinen gebe ich doch ein schönes Bild ab. Aus uns ist eine Kirche geworden. Dieses Glück hat nicht jeder Stein…

Ich habe hier schon viel miterlebt: Mal abgesehen von Regen und Sonnenschein… Ich könnte Euch einige Geschichten erzählen…

Ich habe schon viele Menschen kommen und gehen sehen. Aber – das könnt Ihr mir glauben - ich vergesse kein Gesicht.

Viele sehen mich aus der Nähe und auch aus der Ferne bin ich zu sehen. Einigen bin ich auch egal. Aber viele schauen mich länger an. Weit ist unsere Kirche zu sehen und unser Glocken kann man hören.  

Am besten gefällt es mir jedoch, wenn ich Euch hier alle erblicke. Wenn sich die Kirche Sonntag für Sonntag mit Leben füllt. Wenn miteinander gesungen und Gottesdienst gefeiert wird.

Es kommen auch Menschen unter der Woche: Große und Kleine, Alte und Junge. Hier geht es oft sehr musikalisch zu. Ich liebe diese Vielfalt.   

Es tut gut, zu wissen, dass ich eine Bestimmung habe. Ich bin unentbehrlich für diese Kirche. Würde ich fehlen, gäbe es eine große Lücke. Im schlimmsten Fall könnte eine Wand zusammen stürzen. Doch ich kann mich darauf verlassen: die anderen Steine tragen mich und ich trage sie.

Ich hätte niemals gedacht, dass gerade ich einmal so wichtig werden könnte. Was wäre wohl sonst aus mir geworden?

Zusammen bieten wir vielen Menschen einen Ort der Gemeinschaft, einen Ort zum Verweilen.

Mein Leben hat einen Sinn. Ich fühle mich sehr lebendig.

2 Und Steine können doch sprechen…

Liebe Gemeinde,

so oder so ähnlich würde vielleicht der ein oder andere Stein unserer Kirche reden, wenn er von all seinen Erfahrungen im Laufe der Zeit berichten könnte. Ich bin mir sicher, es kämen spannende Geschichten zu Tage.

Nun gibt es aber keine Steine, die lebendig sind. Oder etwa doch?

Ich lese im 1. Petrusbrief: (2,2-10)

Liebe Gemeinde,

also gibt es sie doch, die lebendigen Steine: Jesus Christus und mit ihm auch wir.

Und Jesus, der lebendige Stein, hatte viel zu erzählen. Nicht jedem gefiel es. Er passte sich nicht an und blieb steinhart in seiner Botschaft. Unverwüstlich hielt er daran fest. Nicht jedermann bequem wirkte er den einen wie ein Stein im Schuh und legte sich den anderen auch in den Weg. Einigen jedoch fiel in seiner Gegenwart ein Stein vom Herzen.

In seinem Leben selbst ist Jesus nicht den geraden, sondern den steilen und steinigen Weg gegangen.

Dem Teufel musste er widerstehen und er hat keine Steine zu Brot verwandelt…

Wir kennen auch die Worte, die Jesus im Zusammenhang mit der Ehebrecherin an die Schriftgelehrten und Pharisäer gerichtet hat: „Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie.“ Kein einziger blieb selbstgerecht. Alle gingen davon. Einer nach dem andern. Jesus blieb allein mit der Frau zurück und sprach barmherzig: „auch ich verurteile dich nicht; geh, sündige von jetzt an nicht mehr.“

So etwas lässt aufhorchen.

Und so ist es verständlich, dass Jesus im Neuen Testament wegen seiner aufrüttelnden Botschaft wie folgt bezeichnet wird: Lebendiger Stein, Eckstein und Stein des Anstoßes.

Im Psalm 118 steht geschrieben: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.“ Ausgerechnet der achtlos weggeworfene Stein wurde später zum tragenden Stein.

Zu uns nun wird gesagt: „Lasset euch selbst als lebendige Steine aufbauen als ein geistliches Haus.“

Der Herr rechnet mit uns.

3 Steinige Geschichten…

Unverkennbar und einmalig wie wir hier sind. Kostbare – ja Edelsteine. Vom Leben geschliffen, vielleicht auch behauen – verletzt, ausgehöhlt und gar verworfen. Das Leben hat seine Spuren hinterlassen. Jeder von uns trägt seine eigene steinige Geschichte mit sich. Und ich muss gestehen: nicht immer fühle ich mich so lebendig.

Gute und schlechte Erfahrungen haben sich bei mir eingebrannt. 

4 …werden zu lebendigen Geschichten

„Der Stein, den die Bauleute verworfen haben…“

Verworfen und als unbrauchbar erklärt – sei es von der Familie, von Freunden, vom Chef, vielleicht gar von mir selbst.

Von Gott nicht.

Keiner kann seine Geschichten abschütteln. Wir tragen sie mit uns wie einen voll beladenen Rucksack, manchmal wiegt er leichter, manchmal unerträglich schwer.

Geschichten, in denen ich schuldig geworden bin oder mir jemand etwas schuldig geblieben ist. Geschichten, die mich prägen und die ich nicht vergessen kann. Sie kleben an mir wie eine zweite Haut.

Gute und schlechte Erfahrungen gehören zum Leben dazu und so manch schlechte Erfahrung wurde vielleicht aber auch zu einer neuen Chance im Leben – im Nachhinein. Nicht jede Geschichte endet gut. Doch es tut mir gut zu wissen, dass Gott mich auch mit diesen Geschichten annimmt.

In der Taufe bekomme ich die Zusage, dass ich Gottes Kind bin. Er will, dass ich mutig durch mein Leben gehe;

denn wie es beim Propheten Jesaja heißt: So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Die Taufe ist einmalig, aber dieses Trostwort begleitet mich mein Leben lang.

In allen Höhen und Tiefen. Mit allen meinen Erfolgen und Niederlagen. Doch ich muss an den Niederlagen nicht zerbrechen.

Bei Jesus Christus, dem Eckstein, kann ich Ballast loswerden. Ich kann, so wie ich bin, zu ihm kommen und mit ihm reden, um zu mir selbst zu finden, um neuen Atem zu schöpfen, Kraft zu sammeln und neue Schritte zu wagen. Gott will, dass ich lebendig bin, um das Leben nicht nur zu ertragen, sondern um es zu gestalten. Um eine Geschichte zu beginnen…immer wieder aufs Neue.

5 Lebendige Steine erzählen und verändern Geschichte

Geschichten wollen erzählt werden. Sie wollen lebendig werden, indem ich mich daran erinnere und sie anderen mit auf den Weg gebe. In der Gemeinschaft aus lebendigen Steinen sind sie gut aufgehoben und finden ihren Platz. 

Denn erst viele einzelne lebendige Steine ergeben Kirche und damit meine ich mehr als nur das Gemäuer aus Steinen, das uns hier zusammen hält. Der Herr rechnet mit uns. Er ermutigt uns, lebendige Steine zu sein, weil er uns lebendig macht.

Dieses Leben soll sich darin zeigen, dass wir eine schützende Wand bilden für Menschen, die unterdrückt und ungerecht behandelt werden. Überall, wo wir uns aufhalten und bewegen.

Als lebendige Steine ist es uns möglich, einen Ort zu gestalten, wo Fremde und Freunde sich wohl fühlen, weil wir sie einladen und so willkommen heißen wie sie sind. Sei es in der Schule, bei den Pfadfindern, am Arbeitsplatz, im Freundeskreis oder in der Familie.

Als lebendige Steine sollen wir uns anderen gern auch einmal unbequem in den Weg legen, wenn Menschen dadurch einsehen, dass sie Fehler gemacht haben.

Der Anfang ist gemacht, der Eckstein ist gelegt, der Bau ist in vollem Gange – der Herr rechnet mit uns… Amen