(Predigt zu Jesaja 2,1-5)


Thema der Predigt: Wandeln im Licht Gottes


Vision vom Frieden

Letztes Wochenende waren wir im Konfi-Camp zusammen mit der Konfi-Gruppe aus der Thomasgemeinde in Johannesburg. Alle waren begeistert, es war eine herrliche Gemeinschaft, die Jugendlichen haben gleich Kontakte geknüpft.

Wir beschäftigten uns mit dem Thema „Schöpfung – Ordnung und Chaos“. Ordnung ist gut. Chaos aber dann und wann auch. Ohne Chaos gäbe es auch keine Ordnung, so die Meinung der Jugendlichen.

Aber leider ist es so, dass es viel zu oft der Mensch ist, der Chaos in Gottes Ordnung hineinbringt.

Und dass die Welt viel zu oft außer Rand und Band ist, das muss ich euch nicht sagen: das Klima verändert sich drastisch, Waldbrände zerstören weite Teile Sibiriens, die Wasserknappheit ist nicht nur in Indien und Afrika spürbar, auch in Europa hat die Landwirtschaft mit Wassermangel zu kämpfen. Es stand sogar die Frage im Raum, ob die Welt ohne uns Menschen nicht besser dran wäre…

Kriege und Krisengebiete rund um die Welt. Bei der Frage nach Krieg und Frieden wird deutlich, wie wir Menschen ticken. Wie Geografie, Ressourcen, eigene Ideologien, das Streben nach Macht und die Angst vor dem anderen oder vor Veränderung ineinandergreifen und im Ergebnis die Realität dieser Welt offenbaren. Die Mechanismen sind seit Jahrtausenden dieselben, und angesichts der Schwerter und Lanzen und angesichts der Frage, wo das alles hinführen soll, hat sich schon vor über 2.500 Jahren der Prophet Jesaja Gedanken gemacht. Er sieht die Geschichte nicht ins Chaos, sondern auf eine Wende oder ein Ziel zusteuern. Er umreißt eine Vision. Er sieht die Zukunft. Und die Zukunft ist Frieden:

Hört die Worte, die durch die Jahrtausende zu mir, zu uns heute kommen:

Das Wort, das Jesaja, Sohn des Amoz, über Juda und Jerusalem schaute. Es wird geschehen am Ende der Tage: fest stehen wird der Berg des Hauses Gottes als Gipfel der Berge und sich erheben über die Hügel, und zu ihm werden alle fremden Völker strömen. Und viele Völker werden aufbrechen und sagen: „Auf, lasst uns hinaufziehen zum Berg Gottes, zum Haus der Gottheit Jakobs, damit sie uns lehre ihre Wege und wir gehen auf ihren Pfaden, denn von Zion wird Weisung ausgehen und das Wort Gottes von Jerusalem.“ Und Gott wird Recht sprechen zwischen den fremden Völkern und richten zwischen vielen Völkern. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugschafen und ihre Lanzen zu Winzermessern umschmieden, kein fremdes Volk wird mehr gegen ein anderes sein Schwert erheben, und niemand wird mehr Kriegshandwerk lernen.

Haus Jakobs: auf und lasst uns im Licht Gottes gehen!

Groß und mächtig, voller Kraft klingen mir die Worte des Propheten Jesaja im Ohr. Was für ein großartiger Traum vom Frieden. Alle Völker strömen zusammen an einem Ort.  

Gott selbst wird Recht sprechen. Alles, was dem Krieg diente, wird dem Frieden nützlich gemacht. Schwerter werden zu Pflugscharen, Wenn es so kommt, ist töten quasi unmöglich. Es herrscht himmlischer Friede.

Dass Jesaja den Ort des Friedens in Jerusalem auf dem Zion verortet, ist nicht verwunderlich. Schon in biblischer Zeit ist Jerusalem, ist Zion mehr als einfach nur eine Stadt. Wenn es einen Ort gibt, der die Gegenwart Gottes repräsentiert und verbürgt, dann ist es von alters her Jerusalem. Wenn es eine Stadt gibt, die den Anspruch auf Heiligkeit erheben kann, dann ist es Jerusalem. Und wenn es eine Stadt gibt, die am Ende für Frieden, Gerechtigkeit und Freude steht und in der niemand den anderen über die Klinge springen lässt, sondern die Waffen streckt – „Schwerter zu Pflugscharen!“ –, dann ist es Jerusalem.

Was für eine große Vision, denke ich, ach, wäre es nur so … Doch schon schieben sich andere Bilder, andere Erinnerungen und Gedanken vor dieses Bild in meinem Kopf.

Frieden – ein unerfüllbarer Traum? Viele sind auf dem Weg

Frieden, was für ein schöner Traum, aber ist er auch realisierbar? Alle müssten ihn wollen und suchen und ihm nachjagen. Aber:

Überall streiten sich Menschen, sind neidisch und eifersüchtig, hauen sich wegen Kleinigkeiten die Köpfe ein. Schon in der eigenen Familie wird wegen den kleinsten Dingen heftig gestritten. Frieden - ist das möglich? Und falls ein friedliches Miteinander nicht möglich ist, ist es dann nicht besser, wenn man gar nicht erst davon träumt.“

Es wird geschehen am Ende der Tage: fest stehen wird der Berg des Hauses Gottes als Gipfel der Berge und sich erheben über die Hügel, und zu ihm werden alle fremden Völker strömen. Und viele Völker werden aufbrechen…

Aktuelle Bilder drängen sich in meinem Kopf. Fremde Völker strömen herbei … wie viele Menschen haben sich in den vergangenen Jahren auf den Weg gemacht, sind geströmt von Afrika, Syrien, dem Irak… nach Europa und immer noch. Und Menschen aus anderen afrikanischen Ländern, aus Simbabwe, Burundi, Äthiopien, aus dem Kongo kommen hierher. Weil sie Frieden suchen, Schutz vor dem Krieg in ihren Heimatländern. Weil sie überleben wollen, ein gutes Leben, eine Perspektive für sich und ihre Familien. Frauen und Männer, Alte und Junge, viele Kinder. Sie machen sich auf den Weg. Ohne zu wissen, wie der Weg wird oder was sie am Ende der Reise erwarten wird. Viele begeben sich in Lebensgefahr, weil das, was sie zu Hause erwartet, anscheinend keine bessere Alternative darstellt. Wenigstens diese kleine Chance nutzen. Schlimmer kann es nicht werden.

Viele Völker werden aufbrechen … Ich denke an die letzten Hundert Jahre zurück. Vor meinem inneren Auge sehe ich Soldaten, die marschieren: in Europa, in Afrika, in Asien. Tausende, Millionen. Sie marschieren gegeneinander, und sterben. Ich sehe Flugzeuge, die ihre Bomben abwerfen. Feuer über Dresden, eine Pilzwolke über Hiroshima, Soldaten im südafrikanischen Grenzkrieg, Aufstände und Tote und Terror und Anschläge an vielen Orten der Welt. Ich sehe Menschen aus ihrer Heimat flüchten, von Osten nach Westen, von Westen nach Osten. Von Norden nach Süden. Von Süden nach Norden. Menschen, die aufbrechen, um sich und ihre Kinder zu retten. Schon damals Flüchtlingsströme, so viele Menschen auf dem Weg. Und das wird in Zukunft vermutlich nicht weniger werden, solange die Ursachen für die Flucht da sind. Eine Aufgabe für die Welt. Doch es sind nicht nur diese globalen Herausforderungen, die uns so oft erschrecken. Die Massaker in El Paso und Dayton Anfang der Woche zeugen von sinnloser Gewalt, von Hass und Rassismus.  

Jesajas Traum in der Wirklichkeit

All das habe ich im Kopf, wenn ich die Worte des Jesaja höre. Und ich frage mich, ich frage ihn: Woher hatte er die Kraft für seine Vision? Woher eigentlich kam ihm dieser großartige Traum vom Frieden?

Jesaja, Sohn des Amoz, Bürger von Jerusalem.

Lese ich im Buch Jesaja, was er den Menschen zu sagen hatte, lese ich im Buch der Könige etwas über seine Geschichte, dann entsteht ein Bild vor meinen Augen – unscharf, zerrissen. Ich erkenne einen Mann, der beides in sich trug: Licht und Dunkel, Heil und Unheil.

Er hat es sich in seinem Leben nicht leicht gemacht. Den Mund aufgemacht, sich eingemischt in das Leben seiner Stadt Jerusalem, in das Leben seines Landes Juda.

Er erlebte mit, wie sich der Bruderstaat Israel, gemeinsam mit dem syrischen König, gegen Juda und Jerusalem wandte. Und er warb um Vertrauen auf Gott, der seine Menschen nicht im Stich lassen werde.

Immer wieder trat Jesaja an den König in Jerusalem heran, forderte, mahnte. Immer wieder kritisierte er die Menschen seiner Zeit. Im Namen Gottes. Mit deutlichen Worten griff er soziale Missstände auf, prangerte Korruption an und Rechtsbruch. Er warnte vor Unheil und dem leidenschaftlichen Gericht Gottes.

Und zugleich, überraschend, tief berührend, stehen neben diesen scharfen Worten des Jesaja seine wunderbaren großen Visionen vom umfassenden Heil, von Frieden und Gerechtigkeit.

Davon, dass einer kommen wird, der den Frieden Gottes und seine Gerechtigkeit hier in dieser Welt, bei uns, wahr machen wird. Davon, dass alle Völker, alle Menschen, ohne Unterschied, ihre Heimat bei Gott finden. Davon, dass Gottes Güte größer ist als alle Not. Davon, dass Frieden sein wird.

Hoffnung hilft

Ich glaube, seine Visionen helfen ihm.

Jesaja glaubt und vertraut auf Gott, dass er ihn durch sein stürmisches Leben trägt. Glauben, „aman“, wie es im Hebräischen heißt, hat etwas zu tun mit: Sich festmachen, sich auf sicheren Grund stellen, vertrauen, sich einlassen. Jesaja hat sich auf Gott eingelassen. Mitten im Unheil seiner Zeit hat er sich daran festgehalten, dass dieses Unheil nicht das Letzte ist. Mitten in den Krisen seiner Zeit hat er weiter gehofft.

Er hat sich daran festgemacht, dass es am Ende nicht um Tod geht, sondern um Leben. Dass am Ende der Tage Gott es sein wird, zu dem alle Völker gemeinsam kommen werden. Dass es Frieden geben wird und Gerechtigkeit.

Auf dieses Sich-einlassen, auf dieses Sich-festmachen kommt es an. Das können wir von Jesaja lernen. Ja, in unserer Welt sieht es oft anders aus. Ja, unsere Welt wird von uns Menschen an vielen Stellen zerstört und wir machen das Leben zeitweise sehr schwer. Und ja, Schreckensbilder und Schreckenserinnerungen gibt es zur Genüge. Viel mehr noch als ich sie aufzählen könnte. Niemals darf man das Leid von Menschen einfach wegwischen oder schön reden. Es ist wichtig und notwendig, schlimme Dinge, die passieren, nicht zu verschweigen.

Aber Jesaja zeigt mir, dass man sich nicht in der Hoffnungslosigkeit verlieren soll. Wenn ich immer nur in die Abgründe der Menschen, auch in meine eigenen schaue, dann geht meine Hoffnung verloren.

Wandeln im Licht Gottes

Viel mehr will ich mich von Jesaja anstecken lassen und von seiner Vision.  Auch wenn es anders scheinen mag, will ich mit Jesaja auf Gott vertrauen, aus dem alles Leben seinen Ursprung hat, zu dem alles Leben wieder zurückkehrt. Ich will mich anstecken lassen von seinem Glauben, von seinem Vertrauen. Durch dieses Vertrauen wird Frieden möglich. Im Kleinen und im Großen. Daran glaube ich.

Kommt nun, los gehts heißt es am Ende seiner Vision, 5 Haus Jakobs: auf und lasst uns im Licht Gottes gehen!

Im Licht Gottes gehen, heißt hier für mich, möglichst mit den Augen Gottes zu sehen. Zunächst mich selbst. Ich kann in Gottes Gnade und mit seiner Kraft viel mehr, als ich mir oft zutraue. Ich kann der Mensch sein, von dem ich glaube, dass es sich Gott wünscht, dass ich so bin: friedlich, bescheiden, mutig, einfallsreich.

Und ich schaue auf den anderen mit Gottes Augen. Gerade auf den, mit dem ich im Konflikt bin. Und sehe dann vielleicht einen Menschen mit den gleichen Ängsten, Sorgen, Zweifeln und Wünschen, wie ich bin. Ich versuche, die Auseinandersetzung mit den Augen des anderen zu betrachten – vielleicht entstehen so Verständnis, und Lösungswege zeigen sich auf.

Ja liebe Johannesgemeinde, lasst uns das tun. Das tut uns nämlich gut. 

Der Friede Gottes, der größer ist als alles, was wir uns vorstellen können, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.