(Predigt Mk 12,28-34)


Doppelgebot der Liebe


 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen. Geistes sei mit uns allen. Amen 

Ich bin dankbar für jedes Gespräch, liebe Gemeinde, das auf Augenhöhe stattfindet.

Menschen treffen sich z.B. im Hauskreis und stellen Themen in den Raum, die einen beschäftigen und umtreiben, man tauscht sich aus über die Fragen des Lebens. Wie schön, wenn jeder mitbringt, was er oder sie hat, wenn andere versuchen, sich in die eigene Lebenswelt hinein zu versetzen, ohne voreilig kluge Ratschläge zu geben und man schauen kann, ob und wie einen der Austausch verändert.

Gespräche sind sinnvoll. Gerade im Zeitalter von social Media wird mir das an so manchen Stellen immer deutlicher. So schön und nützlich es ist, schnell eine whatsapp zu schicken, eine Mail zu schreiben. Ein Gespräch ersetzt das nicht. Miteinander reden, noch viel wichtiger zuhören, auf Nuancen achten, nonverbale Kommunikation deuten, etwas gerade rücken, nachdenken… Das ist nur von Angesicht zu Angesicht möglich. Schön, wenn in einem Gespräch nicht einer von vornherein recht zu meinen hat, wo die Gesprächspartner offen dafür sind, dass der oder die andere mir etwas Wegweisendes sagen könnte.

Es ist ein Tag im Jerusalemer Tempel – geschäftig herumlaufende Menschen. Hier versammeln sich Gläubige zum Gebet, dort werden Geschäfte gemacht. Man trifft sich, redet miteinander, hört die neuesten Nachrichten, die Pilger von ihren Reisen mitbringen. Unterschiedliche Gruppen von Pharisäern, Sadduzäern, Schriftgelehrten und anderen treffen im Tempelvorhof aufeinander.

Dazwischen immer wieder Einzelne oder kleine Gruppen, die dem Treiben zusehen. Auch Jesus und seine Jünger sind in Jerusalem angekommen. Als fromme Juden besuchen sie den Tempel. Hier macht sich Jesus mit seiner Tempelreinigungsaktion wenig Freunde, werden doch im Tempelvorhof seit langem Gelder gewechselt und Opfertiere verkauft. Jesus besucht den Tempel weiterhin, wird in Streitgespräche verwickelt und Menschen wollen mehr von seiner Lehre hören. Pharisäer und Anhänger des Herodes verwickeln Jesus in eine Debatte um die Rechtmäßigkeit der Steuer für den Kaiser und sind verblüfft, wie elegant Jesus sie mit ihren eigenen Mitteln schlägt. Sadduzäer wollen Jesus prüfen, indem sie mit ihm über die Frage, ob es eine leibliche Auferstehung gäbe, diskutieren. Alle möglichen Fragen schwirren umher, mal freundlich, mal scharf im Ton.

Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten gehören dazu, wenn man die Schrift auslegt. Das ist heute so, das war auch damals so.  Aber was die Schriftgelehrten damals weitergegeben haben, passte oft sogar, gut zu dem was Jesus gelehrt und wie er gehandelt hat. 

Ich denke, mit aus diesem Grund war es ein Schriftgelehrter, der auf Jesus zu ging. Ohne Vorbehalte ist er an Jesu Meinung interessiert, er erhofft sich vielleicht auch Wegweisung von ihm. Jedenfalls, die beiden Gelehrten begegnen sich auf Augenhöhe und es entsteht ein freundliches Gespräch. Markus ist der einzige Evangelist, der dieses vorurteilslose Gespräch überliefert.

Der Schriftgelehrte möchte wissen, was für Jesus das wichtigste Gebot sei. Immerhin kennt die Thora, die jüdische heilige Schrift, 613 Satzungen, unterteilt in 248 Gebote und 365 Verbote.

Jesus muss nicht lange überlegen, er antwortet dem Schriftgelehrten mit dem Sch’ma Israel. Von jedem frommen Juden morgens und abends gebetet, in jedem Synagogengottesdienst rezitiert, gilt es bis zum heutigen Tag.

„Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft. Das andre ist dies: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.“

Jesu Antwort ist von einer bestechenden Einfachheit. Die Dinge, die unser Leben ausmachen – Gott, den Nächsten, ich selbst – zusammengefasst unter dem Band der Liebe.

Das ist nicht neu, da bewegt Jesus sich innerhalb der Schriften – Gottesliebe und Nächstenliebe kennt man.

Der Schriftgelehrte nickt, bestätigt Jesu Aussage und erläutert sie sogar: „Ja, Meister, du hast recht geredet!“ Dann wiederholt er das Zitat mit anderen Worten und fügt noch hinzu: „das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer“.

Heute könnte man vielleicht sagen: es ist mehr als sonntags das feinste Kostüm den Anzug zu tragen und die nötige Ernsthaftigkeit beim Kirchgang auszustrahlen.

Dann ist wieder Jesus mit der Antwort dran und er bescheinigt dem Schriftgelehrten: ja, wie recht du hast. „Du bist nicht fern vom Reich Gottes.“

Im Reich Gottes, so stell ich mir das vor, da ist die Liebe vollkommen. Von Mensch zu Gott, Mensch zu Mensch, Mensch zu sich. Da wird das, was Jesus als das höchste Gebot formuliert, endlich 100% machbar und möglich sein.

Aber bevor das so weit ist, scheint es noch ein langer Weg zu sein. Im Hier und Jetzt, Hand aufs Herz, ist das mit dem höchsten Gebot leicht gesagt, aber oft schwer umgesetzt.

Gott lieben von ganzem Herzen – ja, natürlich. Das tun wir alle, dafür sind wir ja Christen und jetzt am Sonntag auch hier. Aber irgendwie verliere ich ihn doch auch schnell aus dem Blick, diesen Gott, der größer ist als alles andere. Im Alltag wirkt er dann manchmal gar nicht mehr so groß. Sondern eher wie eine Nebensache, gefangen zwischen zwei Buchdeckeln mit Texten drin, die ziemlich schwierig zu verstehen sind. Und wo auch gar nicht mehr so klar ist, warum ich mich mit ihm intensiv beschäftigen soll. Läuft ja auch irgendwie so ganz gut.

Sich selbst lieben – gar nicht einfach. Was magst du an dir? Diese Frage zu beantworten, fällt schon Kindern schwer. Ja, was mag ich an mir? Ich bin nicht hübsch, als Familienvater habe ich zu viel zu tun, im Job fühle ich mich nicht wohl, alle wollen immer was von mir, da bleibt oft was auf der Strecke, ich bin zu ungeduldig, zu viel beschäftigt, renne von einem Termin zum nächsten, ich habe keine Zeit für mich selbst, ich bin zu schnell gereizt. Für die schönen Dinge im Leben fehlt mir die Gelegenheit. Ich krieg das alles irgendwie nicht so gut hin. Und ich esse das falsche und mache zu wenig Sport. Im Vergleich mit anderen bin ich langweilig. Ich sehe zu alt aus und fühle mich auch so. Die anderen sind alle gesünder als ich. Und und und was es nicht alles gibt an Dingen, die man nicht an sich mag.

Und die Sache mit dem Nächsten… ja, das ist wohl der noch schwierigere Teil. Es gibt nun mal Menschen, die kann ich einfach nicht leiden. Aus welchen Gründen auch immer. Die will ich weder in meiner Nähe haben, noch möchte ich von ihnen angerufen werden oder auf irgendeine andere Weise mit ihnen kommunizieren müssen. Die natürlich auch von Gott geliebt werden, sein Ebenbild sind – was ich niemals bestreiten würde. Aber das reicht doch dann auch. Da muss ich mich doch nicht kümmern. Reicht doch, wenn Gott da dran ist.

Liebe kann nicht angeordnet werden. Ich denke, da sind wir uns einig. Man kann niemanden zur Liebe zwingen. Liebe sucht sich ihren Weg von ganz alleine. Sofern man sie denn lässt. Und wahrnimmt und entdeckt, wo sie entstehen könnte.

Vielleicht beginnt das, was Jesus das höchste Gebot nennt, deshalb mit der Aufforderung: „Höre!“ Öffne deine Ohren, damit du nicht verpasst, was jetzt Wichtiges kommt. Hören – das ist die Aufforderung schlechthin. Hören, zuhören, einander ins Gesicht dabei schauen. Den anderen wahrnehmen.

Oft sind wir so abgelenkt. Das Smartphone am Ohr oder in der Hand zum nächsten Termin hechten, mit halbem Ohr nur zuhörend, zwischen Tür und Angel noch schnell die wichtigsten Absprachen treffen. Vorbeihören, weil zu vieles auf einen eindringt – beim Einkaufen, im Restaurant, beim Bowlen, überall Hintergrundgedudel. Der Geräuschpegel von Autos, wenn ich das Fenster öffne. Die Vögel kann ich nur hören, wenn ich mich darauf konzentriere.

Wo ein permantenter Geräuschpegel herrscht, ist es schwer, etwas hören zu können.

Dann hör ich halt auch den Nächsten nicht.

Oder meine innere Stimme nicht.

Oder Gott.

Deshalb denke ich, ist es umso wichtiger, sich die Zeit für Gespräche ganz bewusst zu nehmen. Gespräche mit Gott. In der stillen Zeit. Die Hände falten und sich von Gottes Liebe füllen lassen.

Gespräche mit anderen Menschen.

Ein Treffen vereinbaren, einander wahrnehmen und gemeinsam den Fragen des Lebens auf den Grund gehen. Auf Augenhöhe.

Jesus lebt es uns vor. Dann ist das Reich Gottes nämlich gar nicht so weit von uns entfernt. Dann können wir es bereits hier erleben.

Und der Friede Gottes, der größer ist als alles, was wir uns vorstellen können, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen