(Predigt zu Apostelgeschichte 3,1-10)


Stellen wir uns einmal vor, wie es wäre, vor unserer Kirchentür säße jemand und hielte uns mit hoch erhobenen Armen seinen Plastikbecher entgegen. Sein Blick auf den Boden gerichtet.

Sonntag für Sonntag säße der Mensch dort und unser Weg in die Kirche führte an ihm unweigerlich vorbei.

Ich mag es mir gar nicht vorstellen, ich bin schon unangenehm konfrontiert mit den Bettlern an den Straßenkreuzungen. Dabei helfe ich gern. Und das muss ich doch auch als Christin. Wer in die Kirche geht, ist nur glaubwürdig, wenn er etwas von dem, was er hat, abgibt.

Ist es richtig, den Bettlern Geld zu geben? Manch einer wirkt so, als würde alles in Alkohol und andere Drogen investiert werden. Hilft man ihm, wenn man ihm Geld gibt? Oder bräuchte er nicht vielleicht eine ganz andere Unterstützung?

Ganz ehrlich, liebe Schwestern und Brüder,… ich bin mir ein wenig unsicher, was wir mit dem Bettler vor der Kirchentür machen würden… ob es nicht welche gäbe, die ihn da nicht haben wollten. Ein Bettler vor der Kirchentür stört. Aber was stört er eigentlich?

Lesen des Textes

Liebe Gemeinde,

Petrus und Johannes gehen also zum Hauptgebet in den Tempel. Und es ist offensichtlich: Der gelähmte Mann ist hierher gebracht worden und er kann nichts anderes, als Almosen zu erbitten. Er kann sich seinen Lebensunterhalt nämlich nicht auf andere Weise erarbeiten. In einer Zeit ohne Orthopädie und Rehabilitation, ohne Krankenversicherung ist es ein elendes Leben. Obendrein werden in seiner Umgebung kranke und körperbehinderte Menschen als von Gott Gestrafte angesehen. 

Er ist völlig auf Menschen angewiesen, die ihn vor die Tempeltür tragen, denn das kann er auch nicht von allein. Ganz und gar abhängig. Er schaut die beiden wohl nicht direkt an, als er um Almosen bittet. Schämt er sich? Glaubt er selbst nicht an die Barmherzigkeit der Vorbeigehenden?

Ich weiß selbst, es ist leicht, vorbeizugehen, vorbeizufahren, vielleicht noch eine Münze in die geöffnete Hand zu legen. Das Fenster nicht weiter aufmachen als man muss.

Silber und Gold erwartet der Mann vor der Tempeltür sicher nicht. Die beiden Jünger machen es sich nicht leicht. Bleiben stehen, sehen den Sitzenden an. Fordern ihn auf: „Sieh uns an“.

Es ist etwas Besonderes, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, denen man Geld gibt, denen man etwas spendet. Das können mir sicher viele von euch bestätigen, die mitmachen bei der Überlebenskette oder die in Mamelodi unterwegs sind, in Hammanskraal, Winterfeld oder bei anderen Projekten, wo Menschen Hilfe brauchen. Sei es bei meiner seelsorglichen Arbeit oder damals mit Obdachlosen bei PCM, heute TLF oder auch bei der ehrenamtlichen Arbeit in Deutschland mit Flüchtlingen. Letztens haben wir einige Sätze mit einem Mann an der Kreuzung gesprochen. Die Menschen sind dankbar, wenn man sie sie sieht und mit ihnen spricht. Hinter jeder Gestalt steckt nämlich eine Geschichte, meist eine sehr traurige. Die will erzählt werden. Wie geht es dir? Wie bist du in diese Lage geraten? Wenn dann jemand da ist, der keine Berührungsängste hat und zuhört, dann ist das fast schon wie ein Geschenk des Himmels.

Die Würde ist vielen abhandengekommen. Menschenwürde. Wo bleibt sie, wenn so offensichtlich das Leben entglitten ist? Wer stehen bleibt und den Menschen wahrnimmt, gibt Würde zurück, wo die Selbstachtung klein geworden ist. So will ich Obdachlosen oder Bettlern begegnen können. Auch wenn ich kein Geld geben kann oder will, doch den Menschen sehen und wenigstens mit ihm ein paar Worte sprechen.

Der Gelähmte bittet um Almosen. Ganz interessant hierbei, dass das griechische Wort für „Almosen“ mit dem Wort „Erbarmen“ zusammenhängt. Der Gelähmte bittet um Zuwendung. Und Petrus gibt dem Gelähmten, was er geben kann. „Silber und Gold habe ich nicht. Was ich habe, gebe ich dir. Im Namen Jesu steh auf und geh umher.“

Und Petrus reicht ihm die Hand, damit er aufstehen kann. Es ist sicherlich eine große Herausforderung für ihn, denn er hat bisher noch nie jemandem so aufgeholfen. Ja, er war dabei, wenn Jesus Menschen an die Hand nahm, sie angesprochen und berührt hat. Jesus hat sie angerührt auch im Innern. Er hat vergeben, wem zu vergeben war. Hat an die Hand genommen und wieder in die Gemeinschaft der Menschen geführt und in die Gemeinschaft mit Gott. Was Petrus hier macht, ist mutig, wenn er „im Namen Jesu“ diesem Mann aufhilft. Fortführt, was er bei Jesus erlebt hat. Im Namen Jesu – so wie Jesus – mit seiner Hilfe. Also durch Jesus ermutigt und ermächtigt, diesem Mann aufzuhelfen. Fast wie eine Kettenreaktion. Es scheint fast so, als übertrage sich die Zuversicht und Kraft des Petrus durch Hände, die er ihm reicht, auf den Mann. Die gereichte Hand richtet auf und die Knöchel und Füße werden fest.

Unerwartet, weil ungebeten kann der stehen. Ja sogar gehen, laufen, springen. Wir ahnen, was hier in zwei Sätzen erzählt wird, kann viel langsamer vor sich gehen. Braucht Zeit.

Es braucht Zutrauen zu dem, der die Hand reicht. Kann ich mich auf ihn verlassen, auf ihn stützen, wenn die eigene Kraft doch noch nicht reicht? Werde ich gehalten? Jesus hat oft gefragt: Willst du geheilt werden? Wunder geschehen auf vielfältige Weise. Doch nur dann, wenn auch Hilfe gewollt ist.

Ich begegne immer wieder Menschen, die nur ungern oder gar nicht Hilfe annehmen wollen. „Hilfe ist Schwäche! Und Schwäche ist Versagen!“ Zahlreiche Männer und auch Frauen sind damit groß geworden, dass man stark sein und es alleine schaffen muss. Manche fanden auch in schweren Zeiten kein Gehör, keine Unterstützung und mussten schreckliche Erlebnisse alleine bewältigen. Diese Erfahrung prägt ihre Haltung zur Hilfe. Alles auf sich selbst gestellt zu schaffen, ist für sie so selbstverständlich geworden, dass sie Hilfe ablehnen, auch wenn sie angeboten wird. Unterstützung annehmen kann zur Bedrohung werden. Erst wenn sie erfahren können, dass Hilfe wirkt, sehen sie, dass es eine Stärke ist, sie anzunehmen.

Der jüdische Philosoph Franz Rosenzweig schreibt darüber an die Schwester seiner Frau:

Meine liebe kleine Schwester, ich danke dir für deine lieben Worte. Weißt du, dass es dir gar nicht leid zu tun braucht, dass du nicht selbst die Kraft hattest, dir „die Wahrheit mal richtig zu sagen, dir zu helfen“? Denn kein Mensch hat diese Kraft. Kein Mensch kann sich selber helfen. Die Welt ist zwar voller Leute, die sich das einreden, aber es gelingt ihnen allen so wenig, wie Münchhausen getan, sich an seinem eigenen Schopfe aus dem Sumpfe zu ziehen. Jeder kann immer nur den andern, der ihm gerade zunächst im Sumpfe steckt, beim Schopfe fassen. Dies ist der „Nächste“, von dem die Bibel redet. Und das Wunderbare dabei ist nur, dass jeder selber im Sumpf steckt und trotzdem kann er den Nächsten herausziehen oder vielmehr vor dem Versinken bewahren. Boden unter den Füßen hat keiner, jeder wird nur gehalten von andern „nächsten“ Händen, die ihn beim Schopf packen, und so hält einer den andern und oft, ja meist ganz natürlich (denn die sind ja gegenseitig sich „Nächste) beide sich gegenseitig. Diese ganze mechanisch unmögliche gegenseitige Halterei ist dann freilich erst möglich dadurch, dass die große Hand von oben alle diese haltenden Menschenhände selber bei den Handgelenken hält. Von ihr her und nicht von irgendeinem gar nicht vorhandenen „Boden unter den Füßen“ kommt allen diesen Mensch die Kraft, zu halten und zu helfen. Es gibt kein Stehen, nur die Kraft, zu halten und zu helfen. Es gibt kein Stehen, nur ein Getragen werden. „Wie der Adler seine Brut.“

Und so lesen wir in der Apostelgeschichte weiter: „Er sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben.“

Was für ein Wunder. Ein neuer Mensch. Aufrecht. Aktiv bei sich selbst. Mitten zwischen den anderen. Mitten im Tempel mit Gott im Gespräch. Sein Leben lang war er als Behinderter aus der Gemeinschaft der Menschen und dem Gebet zu Gott ausgeschlossen. Auch das ist eine wiederkehrende Erfahrung, dass Gott in der Lähmung als fern, ja fremd erlebt wird. Mancher denkt gar nicht mehr an diese Möglichkeit seiner Hilfe. Und dann, fast wie im Vorübergehen geschieht das Wunder Gottes.

Ich höre Rosenzweigs Worte: „Weißt du, dass es dir gar nicht leid zu tun braucht, dass du nicht selbst die Kraft hattest, dir „die Wahrheit mal richtig zu sagen, dir zu helfen“? Als Christen wissen wir, dass Gott Liebe ist. Dass ER das geknickte Rohr nicht zerbrechen wird, und den glimmenden Docht nicht auslöschen wird. In schweren Zeiten braucht es dennoch den Zuspruch von außen. Das Wort, das aufrichtet und die Geste, die aufhilft. Denn Glaube ist ja nichts Starres, er ist eng verbunden mit unserem Leben, dem Auf- und Ab unserer Erfahrungen.

Die Hand des Petrus zieht den Lahmen nach oben. Im Namen Jesu „Gott rettet“. Wir erfahren nicht, wie oft der Mann schon um Heilung gebeten hatte. Ob er noch Hoffnung hatte.

Wir nehmen teil an dem Augenblick, in dem es geschieht, ungebeten, unerwartet. Wir erleben, wie seine Füße und Knöchel fest werden und wie seine Freude ihn bewegt. Läuft, springt wie ein Kind. Wirft die Arme vor Freude in die Luft, Jubelt, Lobt Gott, schreit Gott sei Dank hinaus in die Welt. Er erlebt sein Glück.

Und wir? Unsere Lebensgeschichten sind andere. Auch uns sieht Gott. Dich und mich. In seinem Namen kommen Hände und Worte auf uns zu. Ich wünsche jedem von uns im rechten Augenblick das offene Ohr, den weiten Blick und die gereichte Hand.

Gott sieht dich und stärkt dich und macht dir Mut. Amen

Amen


Lied im Gottesdienst:

Grant us new beginnings

(Mel: Harre meine Seele)

Grant us new beginnings, O Lord, we pray
We all wait with patience, for your saving way.
You’ll end the pain, give us life again,
Fields so dry and dusty will soak up the rain.

When all seems hopeless, we look to you
lead us to the water and help us through.

Grant us new beginnings, we know you will.
Great may be our troubles, you are greater still.

So much we fear, yet you’re always near,
from the earth so barren new shoots will appear;
springs in the desert, dry rivers flow.
Grant us new beginnings and help life grow.

Grant us new beginnings, Lord, send us out,
spreading hope and comfort in a world of doubt.

We know it’s true: you make all things new,
let us share the promise we receive from you.
We wait with longing, we seek your face,
grant us faith and courage, o Lord of grace.

(Gertrud Tönsing)