(Predigt zu 1. Mose 28,10-22)


Er verlangsamt seinen Schritt. Bleibt stehen – schaut sich um. Und er fragt sich „War es das wirklich wert?“ Weit ist er noch nicht gekommen. In der Ferne sind die Zelte noch zu sehen. Dort war sein Zuhause. Seine Mutter, sein Vater und sein Bruder. Die Felder, die Tiere. Sein Leben. Jakobs Leben. Bis gestern fand es dort statt.

„Ich bin ja selbst schuld“, denkt er und setzt wieder einen Fuß vor den anderen. „Meinen Vater habe ich ausgetrickst. Mich für meinen Bruder ausgegeben, um den Segen zu bekommen, der doch dem Erstgeborenen zusteht. Ja, ich gebe zu: zuerst war ich erleichtert, als mich mein Vater segnete. Seine Worte ergriffen mich: Gott gebe dir vom Tau des Himmels und vom Fett der Erde und Korn und Wein die Fülle. Völker sollen dir dienen, und Stämme sollen dir zu Füßen fallen. Verflucht sei, wer dir flucht; gesegnet sei, wer dich segnet! Das ist der Himmel auf Erden, habe ich für einen Moment gedacht. Ich bin am Ziel meiner Träume.

Aber dann … ich habe mich geschämt, wusste ich doch: Dieser Segen gilt nicht mir. Vater denkt, ich sei Esau, der Erstgeborene‘.“ Jakob, so heiße ich: der Hinterlistige. Mein Name scheint Programm zu sein.

Wenn ich mich noch an das Gesicht von Vater erinnere, als er den Betrug bemerkt hat. Dieses Gesicht werde ich mein Leben lang nicht mehr vergessen. Und das meines Bruders auch nicht. Voller Hass. Ich weiß es: er hätte mich am liebsten umgebracht und würde es tun, sobald Vater stirbt.

Ich muss fliehen.

War es das wirklich wert?

Liebe Gemeinde, Jakob hat den Segen seines Vaters bekommen und zugleich … alles verloren. Geblieben sind ihm Einsamkeit und Angst ums nackte Überleben. Wird er seine Eltern jemals wiedersehen. Sein Weg führt in eine ungewisse Zukunft.  Er soll zu seinem Onkel Laban nach Haran gehen, wo Abraham einst her kam. So wollen es seine Eltern. Dort soll er bleiben bis Gras über die Sache gewachsen ist, bis sein Bruder sich beruhigt hat. Ja, so etwas kann Jahre dauern. Ein Zurück gibt es nicht. Da kann er sich umwenden, so oft er will. Jeder Schritt führt ihn weiter weg von zu Hause in die Fremde. Jakob ist zu einem Flüchtling geworden.

Erst jetzt bemerkt er, dass die Sonne untergegangen ist und wie müde er ist. „Ich werde mir einen Schlafplatz suchen“, beschließt er. Jakob weiß nicht, dass diese Nacht eine besondere für ihn wird, eine, die ihm und seinem Leben eine völlig neue Richtung geben wird.

Was in dieser Nacht geschah, erzählt das 1. Buch Mose im 28. Kapitel in den Versen 10 bis 22:

Lesen des Textes


Jakob schaut die Himmelsleiter

10 Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran

11 und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen.

12 Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.

13 Und der Herr stand oben darauf und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben.

14 Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.

15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.

16 Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!

17 Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.

18 Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf

19 und nannte die Stätte Bethel; vorher aber hieß die Stadt Lus.

20 Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen

21 und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der Herr mein Gott sein.

22 Und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Steinmal, soll ein Gotteshaus werden; und von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben.


Was für ein Traum! Liebe Gemeinde.

Jakob fürchtet sich, als er am Morgen aufwacht. Gott ist ihm erschienen. An der Spitze einer Leiter, eigentlich einer Treppe, stand er, die von der Erde zum Himmel reichte. Die Engel Gottes stiegen auf und nieder.

Jakob staunt: „Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.“ Was mag in Jakob vorgegangen sein?

Ausgezogen ist er – mutlos – schuldbewusst – einsam – mit Segen und dennoch - gefühlt ohne Segen.

Nun diese Nacht.

Hat sich durch Gottes Erscheinen etwas in ihm verändert?

Jakobs Reise ist nicht zu Ende.

Er ist nun schon einige Tage unterwegs seit dieser Nacht. Immer wieder kreisen seine Gedanken und Gefühle um den Traum. Was er gespürt hat, erfüllt ihn mit Frieden. „Es ist seltsam.“, denkt er. „Ich bin derselbe und doch nicht derselbe. Meine Lage hat sich nicht verändert, doch alles ist anders als zuvor. Es gibt ein Leben vor dem Traum und ein Leben danach.“

Er spürt, dass seine Schritte leichter geworden sind; er ist sich sicher, dass Gott ihn behütet, auch wenn dieser Weg mit seiner Lüge und Hinterlist begann. Gott, der schon zu seinem Großvater Abraham gesprochen und seinen Vater Isaak geführt hat, hat ihn gesegnet und ihm die Zusage gegeben: „Ich will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land.“ Seit er in jener Nacht erlebt hat, dass sich der Himmel aufgetan hat und die Engel Gottes auf einer Treppe auf- und absteigen, ist er sich sicher, dass Gott ihn nie wieder loslassen wird. Jakob spürt tiefe Dankbarkeit.

„Verdient habe ich das nicht.“, denkt er. „Ob ich der Verheißung gerecht werde, weiß ich auch nicht.“

Nach wie vor liegt seine Schuld schwer auf seinen Schultern. Wenn er an seinen Vater und seinen Bruder denkt, schämt er sich. Und Angst hat er immer noch. „Ich weiß, dass Gott mit mir geht, aber die Verantwortung für das, was ich getan habe, muss ich tragen. Ich kann es mir zwar nicht vorstellen, aber will darauf vertrauen, dass sich eines Tages das ereignen wird, was Gott mir verheißen hat: dass ich wieder in die Heimat zurückkomme, aus der ich – selber verschuldet – fliehen musste.

Ich will darauf vertrauen, dass mein Bruder und ich uns irgendwann einmal versöhnen können. Wenn sich alles so ereignet, wie Gott es verheißen hat, will ich ihm an dem Ort, wo ich den Traum hatte, ein Gotteshaus errichten, und Gott von allem, was er mir gibt, den Zehnten geben.“

Liebe Gemeinde, soweit Jakobs Geschichte mit Gott. Der Traum von der Himmelsleiter hat Jakob berühmt gemacht.

Der Volksmund behauptet: „Träume sind Schäume“. Das stimmt jedoch nicht.

Träume haben immer auch mit der Wirklichkeit zu tun. Sie sind mehr, als ein Durcheinander von Tagesresten. Träume, die wir im Schlaf durchleben, helfen uns dabei, Erfahrungen zu reflektieren und zu verarbeiten. Darüber hinaus gibt es aber auch Wachträume, Visionen, die eine neue Wirklichkeit schaffen oder sie zumindest als eine Möglichkeit näherbringen.

Theologen und Psychologen haben sich von Jakobs Traum faszinieren lassen. Einig sind sie sich darin, dass das, was Jakob passiert, ein gutes Beispiel ist, um Träume verstehen zu können. Jakob wird auf einen Weg geschickt, auf dem er – gesegnet von Gott – zu sich selbst findet. Jedem kann so ein besonderer Traum geschenkt werden. Vielleicht besonders dann, wenn man sich in einer Krisensituation befindet.

Und ich glaube, nicht nur Jakob ist es dann geschenkt, dass sich der Himmel auftut. Ein Traum kann eine Möglichkeit sein, die Gott einem schenkt, um eine Richtung zu zeigen, in die man gehen kann.

Für den Benediktinerpater Anselm Grün gilt der Traum als Ort der Gottesbegegnung. Er ist damit in der christlichen Tradition, deren Anfänge im Mönchtum der ersten beiden Jahrhunderte liegen.

Im Traum haben wir das Heft des Handelns nicht in der Hand, sagen die Mönche. So kann Gott leichter in unser Leben hineinwirken. Die Mönche haben sich auch Gedanken gemacht, wie Träume zu verstehen sind. Es gilt, die Träume nicht für sich zu nutzen, sondern staunend zu fragen, was Gott mir mit diesem Traum sagen will und wie er mir zeigt, was ich bisher nicht wahrgenommen hatte. Sie empfehlen, das Geträumte im Licht biblischer Worte zu sehen.

 

Ich weiß nicht, wie Ihr mit Euren Träumen umgeht. Vermutlich ist für viele von uns solch eine Wertschätzung ihrer Träume erst einmal fremd. In unserer christlichen Tradition ist das Vertrauen in die Träume bisher eine Randerscheinung. Wie ist es, wenn wir, angeregt durch Jakobs Traum, damit anfangen, unsere Träume zu schätzen und danach zu fragen, was Gott uns in ihnen zeigen will?

Wie ist es, damit zu rechnen, dass Gott im Traum in unser Leben hineinwirkt?

Wir befinden uns in guter, auch biblischer Gesellschaft, wenn wir auf unsere Träume hören. Nicht nur Jakob war ein großer Träumer, sondern auch sein Sohn Josef. Ihm wurden wegweisende Träume geschenkt und die Gabe, sie zu verstehen, so dass er Menschenleben retten konnte. Der Prophet Samuel wurde als Kind von Gott im Traum gerufen und erfuhr auf diese Weise seine Berufung als Prophet und Richter in Israel. Wenn die Weisen aus dem Morgenland und Josef, der Vater Jesu, nicht  ihren Träumen gefolgt wären, hätte Jesus als Kind nicht überlebt, weil er König Herodes zum Opfer gefallen wäre. Petrus verkündet beim ersten Pfingstfest mit Bezug auf den Propheten Joel: „Eure Jünglinge sollen Gesichte sehen und eure Alten sollen Träume haben.“ (Apg 2,17c) Es gibt viele Beispiele, wie Gott Menschen auf den Weg zu sich selbst und zu ihrer Bestimmung leitet.

Wir sollten achtsam mit unseren Träumen umgehen. Wir können uns am Tag oder am Abend schlafen legen und Gott darum bitten, uns einen Traum zu schenken, besonders dann, wenn wir nicht mehr weiterwissen.

Darüber hinaus gibt es aber auch Wachträume, Visionen, die eine neue Wirklichkeit schaffen oder sie zumindest als eine Möglichkeit näherbringen.

Es ist gut, unsere Träume schriftlich festzuhalten oder zu malen und uns fragen: was möchte Gott mir damit sagen? Was ich bisher noch nicht gemerkt habe? Mir hilft es, meine Träume jemandem zu erzählen. Dann bleiben sie mir länger im Gedächtnis und vielleicht hat der Andere eine Idee, was es mit dem Traum auf sich hat. Ich glaube, es ist eine Bereicherung, auf seine Träume zu achten.

Es lässt mich tiefer blicken, es ist ein Versuch, das Unterbewusste, ins Bewusstsein zu holen.

Vielleicht ist das ein Weg zu erkennen, was Gott für mein Leben vorgesehen hat.

Jakob lässt sich auf Gott ein, so wie er sich ihm im Traum gezeigt hat. Er hört auf das, was Gott zu ihm sagt; er sieht sein Leben im freundlichen Licht der Gnade Gottes. Er spürt tiefe Dankbarkeit und inneren Frieden und geht getrost seinen Weg unter Gottes Segen.

Auch uns ist das zugesagt.

„Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten.“

Amen