(Predigt zu Mk 3,31-35)


Move 1 Jesu Wirken und Tun

Ich sage es nicht oft. Aber heute sage ich es:

Liebe Schwestern und Brüder,

Es klingt ein bisschen fremd irgendwie, altmodisch fast. Aber der Gedanke dahinter ist schön: Dass wir als Christinnen und Christen allesamt Geschwister sind - im Glauben. Eine Familie, weil Gott uns als seine Kinder angenommen hat - und wir ihn als Vater.

Der biblische Text zur Predigt erzählt, wie es zu den neuen Verwandtschaftsverhältnissen kommt. Bevor ich ihn vorlese, möchte ich kurz erzählen, was vorher passiert ist.  

Jesus hat mit seinem Wirken eigentlich gerade erst begonnen. Er ist aus dem heimischen Nazareth aufgebrochen, um durch das Land zu ziehen und vom Reich Gottes zu erzählen. Er hat 12 Jünger berufen. "Kommt, folgt mir nach" So hat er sie gerufen. Aus einfachen Fischern wollte er Menschenfischer machen. Und die Bibel erzählt, dass sie sogleich alles stehen und liegen ließen und Jesus nachfolgten.

Menschen fühlen sich von ihm angezogen, besonders als er anfängt, sie zu heilen. Doch er heilt nicht einfach nur.  Er setzt mit seinen Heilungen zugleich ein Zeichen, und zwar ein sehr kritisches gegenüber seiner Umwelt und den religiösen Traditionen seiner Zeit. Denn er heilt Menschen, die nicht nur krank sind, sondern auch am Rande der Gesellschaft stehen. Und er heilt sie nicht, weil sie besonders fromm oder heilig sind, sondern er heilt sie genau deswegen, weil sie am Rande stehen.

Er rückt die Menschen in den Mittelpunkt, die sonst übersehen werden. Das Reich Gottes, so lautet die Botschaft, ist für alle da, und besonders für die am Rande, es ist pure, voraussetzungslose Barmherzigkeit. Es gibt keine Zugangsbedingung zum Reich Gottes. Kein Du musst und du sollst. Außer einem festen Vertrauen darauf, dass Gott barmherzig ist. Das nennt Jesus "Glaube".

Inmitten dieses Geschäftigseins Jesu, setzt unser heutiger Predigttext ein. Ich lese aus dem Mk Ev. im 3. Kapitel.


Text Mk 3,31-35

31 Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen.

32 Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir.

33 Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder?

34 Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder!

35 Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.


Move 2 Was Maria bewegt...

Liebe Schwestern und Brüder,

wie mag Jesu Mutter diese Worte gehört haben? Wir erfahren es nicht. Vielleicht ist ihr Folgendes durch den Kopf gegangen:

Diese Menschen zieht er uns vor. Fischer, Zöllner, die mit den Römern zusammenarbeiten, Prostituierte. Das ist doch kein Umgang! Uns lässt er draußen stehen. Das tut weh. Dabei bin ich ihm nachgelaufen, weil ich ihn vermisse. Er soll wieder nach Hause kommen. Da ist doch sein Platz, da hat er seine Aufgaben und ja, auch die Pflicht, für uns zu sorgen. Schließlich ist er unser Ältester und wir werden langsam alt. ‚Du sollst Vater und Mutter ehren‘, heißt es im Gesetz. Könnte man da nicht erwarten, dass er uns gegenüber pflichtbewusster ist? Er streitet sich mit den Pharisäern über den Glauben. Er hat keine feste Bleibe und kein Auskommen. Ob das gut gehen wird?"

Was in Maria vorgeht, ist vermutlich keinem fremd, der Kinder hat. Auf der einen Seite die Sehnsucht nach einer heilen Familie. Einer Familie, die zusammenhält, komme, was wolle. In der jeder sich geborgen und angenommen fühlt.

Die Sorgen der Eltern, wenn die Kinder eigene Wege gehen. Wege, die man selbst nicht unbedingt versteht. Oder die man versteht, die aber trotzdem irgendwie schmerzen. Viele von Euch mussten ihre Kinder ins Ausland ziehen lassen. Viele werden vermutlich nicht mehr zurück kommen. Es gibt nur gelegentliche Besuche.

Ein Trost: die Technik macht es möglich, dass man sich via Whatsapp und Skype verbunden fühlen kann.

Manchmal ist das vielleicht sogar besser für den Frieden in der Familie, wenn man zueinander eine räumliche Distanz hat.

Es gibt nämlich auch Kinder, die es mit ihren Eltern nicht leicht haben.

Manche arbeiten sich jahrelang an dem ab, was die Eltern der eigenen Meinung nach falsch gemacht haben. Viele fühlen sich überfordert von der Verantwortung für die alt werdenden Eltern: Wie kann ich für sie sorgen, ohne mein eigenes Leben aufzugeben? Wie kann ich für sie sorgen, wenn ich so weit von ihnen entfernt bin?

Familien haben – damals wie heute – Lasten zu tragen. Die Erwartungen sind hoch: Die Kinder sollen einen guten Start ins Leben erhalten, man organsiert alle möglichen Kurse für sie: im Bereich der Musik, im Sport, im künstlerischen oder technischen Bereich. Viele Kinder und Jugendlichen haben in ihrem Wochenplan keine freie Minute mehr. Die Eltern arbeiten oft ziemlich viel, um ein finanziell gesichertes Leben zu ermöglichen.

Und wenn die Kinder groß sind, brauchen die Eltern vielleicht Unterstützung.

Es soll friedlich sind, und oft ist es so unfriedlich. Weil es alles so gut sein soll. Weil man ein bestimmtes Bild hat, wie Familie zu sein hat. Und viele tun sich schwer damit, sich in den anderen hinein zu versetzen. Jede und jeder spielt irgendwie eine Rolle in der Familie und aus dieser heraus zu kommen, ist oft sehr schwer, ja unmöglich.

Schon die Heilige Familie scheint das zu kennen.

Was würde Maria helfen, Jesus zu verstehen?

Ich bin mir nicht sicher, ob Maria nicht doch in ihrem Herzen ahnt, dass ihr Jesus ein besonderer Mensch ist. Sie muss es eigentlich wissen. Schon als ihr die Schwangerschaft und die Geburt von einem Engel angekündigt wird, ist klar, dass dies ein göttliches Kind sein wird. Als der 12 jährige Jesus in Jerusalem wegläuft und die Eltern ihn im Tempel im Gespräch mit Gelehrten findet, sagt er ihnen, dass er in seines Vaters Haus sein muss, da, wo er hin gehört.

Aber natürlich kann eine Mutter schlecht aus ihrer Haut. Er ist ihr Fleisch und Blut. Und Jesus weist sie in unserem Bibeltext zurück. Es findet wirklich hier kein happy End statt, wie wir uns das auch wünschen mögen. Jesus entschuldigt sich nicht und sie fallen sich auch nicht in die Arme. Der Text bleibt offen.

Move 3 Familie ist das Wichtigste

Um Jesus verstehen zu können, hilft es, noch einmal sein Wirken anzuschauen. Jesus verkündigt Gott als Vater, der die Menschen liebt und sie zu einer neuen Gemeinschaft verbinden will. Und allen, die Gott als Vater annehmen, fühlt er sich mehr verbunden als seiner Herkunftsfamilie. „Ihr sollt niemand euren Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater: der im Himmel.“ Ihr seid Geschwister. (Matthäus 23,8f.)

Das ist revolutionär. Die Grenzen der Familie werden geöffnet. Jeder kann zur Familie der Gotteskinder gehören – unabhängig von seiner Herkunft. Wer sich im Glauben an Gott verbunden fühlt, wird zur Schwester und zum Bruder und gewinnt Geschwister, die sich einander nahe fühlen und einander gut sind.

Move 4 Schwestern und Brüder finden im Glauben - Auslandserfahrungen

Wenn ich mir meinen Lebensweg anschaue, der immer eng mit christlichen Gemeinden verbunden war, kann ich dieses Gefühl nur bestätigen. Und ihr stimmt mir da sicher zu: Wo Menschen ihr Leben auf Gott ausrichten, da gibt es einen besonderen Zusammenhalt. Kirchengemeinden sind Orte für mich, wo ich mich geborgen und ja, Zuhause fühle, egal wo, weil ich weiß, wir glauben an denselben Gott, wir leben aus Gottes lebendigem Wort und versuchen, unseren Alltag danach auszurichten. Und da spielt es keine Rolle, ob man Mann oder Frau ist, arm oder reich, obdachlos oder MIT Dach über dem Kopf. Da wird einander geholfen.

Wir waren diese Woche auf Freizeit mit 30 Seniorinnen und Senioren im Alter von Mitte 60 bis Mitte 90 beim Good Shepherd Retreat. Es herrschte von Anfang an eine besondere Offenheit unter den Anwesenden. Obwohl viele sich nicht kannten. Es war eine familiäre Atmosphäre.

Der Lesungstext aus dem Lukasevangelium geht sogar noch weiter: die Begrenzungen der Familie werden ausgeweitet und auch die Grenzen der Volks- und Religionszughörigkeit werden durchlässig.

Da fällt einer den Räubern in die Hände und braucht Hilfe. Man könnte meinen, diejenigen wären am ehesten hilfsbereit, die die gleiche Herkunft oder die gleiche Religion haben. Doch der Priester und der Levit aus Jerusalem waren zu sehr mit sich selbst und ihren Angelegenheiten beschäftigt und haben sich nicht verantwortlich gefühlt. Der Fremde aus Samaria war es, der sich von der Not des Überfallenen anrühren ließ und half. Er ist dem Notleidenden zum Bruder geworden; und der Judäer hat dem fremden Bruder in seiner Notlage vertraut.

Die Gemeinschaft des Volkes wird im Evangelium auf alle Menschen ausgeweitet. Alle sollen füreinander sorgen und sich umeinander kümmern. Jesus erklärt mit der Geschichte vom Samariter, wie es im Reich Gottes sein soll. Dort leben die Menschen so miteinander, als ob sie verwandt wären – sie stehen füreinander ein und kümmern sich umeinander. Aus Überzeugung, dass dies der bessere Weg ist: Je mehr Menschen füreinander da sind, umso mehr Menschen können unterstützt werden – auch die ohne Familie. Auch die, die zu keinem Volk gehören. Die Fremden, die Flüchtlinge, die Witwen und Waisen – auch für sie ist dann gesorgt.

Move 5 Grenzen durchlässig machen ist Aufgabe der Kirche

Und Maria? Sie hat sicher die neuen familiären Bindungen, die ihr Sohn gelebt hat, als Zurückweisung empfunden. Aber eines ist sicher, am Ende von Jesu Leben erfährt sie, wie wertvoll und tröstlich die neue Solidarität der Gemeinschaft der Kinder Gottes ist. Zu seiner Mutter sagt Jesus am Kreuz (Johannes 19,26): „Siehe, das ist dein Sohn!“ Johannes, der Jünger, den Jesus lieb hatte, wird sich um sie kümmern und sie trösten. Und zu Johannes, zu seinem Bruder im Geist, sagt er: „Siehe, das ist deine Mutter!“ Dieser wird damit Teil der Herkunftsfamilie Jesu, die nicht im Widerspruch zur Familie der Kinder Gottes steht.

Der Glaube an Gott macht die Grenzen durchlässig. Die ersten Christengemeinden haben die neue Form des Füreinander-Daseins zu ihrer Sache gemacht. Sie fühlten sich nicht nur dem geistlichen Wohl, sondern auch dem leiblichen Wohlergehen ihrer Mitglieder verpflichtet. Die traditionellen Familienaufgaben wurden entgrenzt.

Wenn wir hier eine Überlebenskette haben, einander im Gebet tragen, die Kranken besuchen, uns um Trauernde kümmern, dann nehmen wir ganz viel von diesem Grundgedanken Jesu in unseren Alltag mit auf.

Also kann es eigentlich keine schönere Anrede im Gottesdienst geben als: Liebe Schwestern und Brüder. Wenn wir uns als Schwester und Bruder anreden, erinnern wir uns daran, dass wir uns einer gemeinsamen Sache verbunden fühlen: Es gilt, die Menschenliebe Gottes weiterzugeben.

Amen