(Predigt zu 1. Petrus 5,5b-11 „Kleider machen Leute“)


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Move 1 Kleider machen Leute

Liebe Gemeinde,

Kleider machen Leute.

Das ist sowohl ein Buchtitel, geschrieben von Gottfried Keller im 19. Jh., als auch heute noch eine Wahrheit. Sosehr man sich vielleicht dagegen sträuben mag. Ich glaube, jede und jeder von uns sortiert Menschen in Schubladen dementsprechend ein, wie sich jemand kleidet. Und es gelten ungeschriebene Gesetze, an die sich viele Menschen halten: in einer Oper kleide ich mich so und am Strand so, zu einem lockeren Braai komme ich anders als zu einem Vorstellungsgespräch um einen Job. Man kann sich sagen: ich halte mich nicht daran, aber das führt leicht zu Verwirrungen. Ich bin davon überzeugt: sich angemessen zu kleiden und dementsprechend aufzutreten in den unterschiedlichen Situationen, das hilft einem ungemein, letzten Endes seine Interessen umzusetzen.

Auch hier in der Kirche spielen Kleider eine Rolle. Meine Eltern erzählen immer noch, als sie klein waren gab es spezielle Kleider, die nur eben am Sonntag zur Kirche angezogen wurden.  Oder zu besonderen Festen. Und wenn bei einer Taufe den Kindern weiße Taufkleider angezogen werden, dann zeigt es die Besonderheit des Tages wie die enge Beziehung zu Jesus Christus. Weiß als die Farbe der Reinheit, der Unschuld, der Erwartung und der ungetrübten Freude.

In manchen Taufgesprächen äußern die Eltern den Wunsch im Zusammenhang mit der Taufe, das Kind möge von allem Bösen verschont bleiben. Ein absolut nachvollziehbarer Wunsch. Aber Taufe ist keine Zauberei, muss ich dann sagen. Es wäre schön, man würde von allen Sorgen, von allem Leiden im Leben verschont bleiben, wenn man getauft ist. Oft ist das Gegenteil der Fall. Wir müssen nicht nur an all die Christenverfolgungen damals und heutzutage denken, um zu erkennen, Christsein bedeutet manchmal leiden um Christi willen. Es gibt Menschen, die einen belächeln, wenn man sagt, ich bin Christ. Es gibt viele Situationen im Leben, die den Glauben auf eine harte Probe stellen.

Damit muss ich umgehen – in jeder Situation – immer wieder neu.

Das Neue Testament ist ehrlich. Im Christsein ist man bestimmten Belastungen ausgesetzt.

Die Gemeinde, an die der Predigttext aus dem 1. Petrusbrief gerichtet ist, befindet sich in der Krise. In der Minderheit werden sie von ihrer Umwelt angefeindet. Weil fremd erscheinend, werden sie verfolgt.

Hört noch einmal, was Petrus ihnen schreibt. Man könnte sagen, er empfiehlt ihnen eine gewisse Kleiderordnung. Hört einmal genau hin.


5 Alle aber miteinander bekleidet euch mit Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

6 So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.

7 Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.

8 Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge.

9 Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder und Schwestern in der Welt kommen.

10 Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen.

11 Ihm sei die Macht in alle Ewigkeit! Amen.


Move 2 Anweisungen, mit dem Leiden umzugehen

Petrus empfiehlt: Alle aber miteinander bekleidet euch mit Demut. Demut als Kleidungsstück also. Zieht euch etwas anderes an! Ändert etwas an eurem Aussehen. Denn das Äußere wirkt auch nach Innen. Ändert etwas an Eurer Einstellung.

Es hört sich vielleicht komisch an, aber immer wenn bei mir im Leben etwas Einschneidendes passiert ist, dann musste ich erst mal zum Friseur und ins Kleidergeschäft. Dann wurde neu aufgeforstet im Schrank und das tat meinem Selbstbewusstsein gut. Und das strahlte nach innen und nach außen. Man tritt dann ganz anders auf. Es gibt aber auch Menschen, die können anziehen, was sie wollen, denn sie strahlen so oder so, von innen heraus.

Zieht euch Demut an. Die Konfis höre ich schon fragen: was ist Demut? Petrus sagt: ordnet euch unter, nämlich unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.

Sich beugen unter die gewaltige Hand Gottes meint nun nicht, sich von ihm demütigen lassen, aller Ehre entraubt sein, auch nicht, sich entscheidungslos treiben zu lassen und auch nicht, unkritisch sich dem Lauf der Dinge fügen. Sich beugen, demütig sein meint vielmehr bescheiden und nüchtern der Welt und den Dingen des Lebens zu begegnen und durchaus zu zeigen, zu welchem Herrn man gehört. Demütig sein heißt auch, bereit zu sein, über den eigenen Glauben und die eigene Hoffnung Rechenschaft abzulegen und wo es nötig ist, auch einmal Beschwerliches auf sich zu nehmen.

Move 3 Leichter gesagt als getan

Weil man etwas von der gewaltigen Hand Gottes weiß.

Nun nimmt sich der Mensch an sich selbst gern sehr wichtig. Als Zentrum sitze ich gern oben auf meinem Thrönchen und lasse mich bejubeln und feiern und habe gern Recht, einfach weil ich meine Recht zu haben. Sich beugen, demütig sein, das passt nicht zum eigenen Lebensentwurf. Und wenn mir von außen Unrecht widerfährt, dann schlage ich zurück. Ohne Gnade.

Zieh dir die Demut an. Nimm dich doch nicht so wichtig. Entzieh dich nicht der gewaltigen Hand Gottes. Bei Gott steht es , dir Ruhe zu geben.

Dabei denke ich immer an Dietrich Bonhoeffer, als er, eingesperrt im Nazideutschland im Gefängnis folgendes Gebet mit seinem Zellennachbarn spricht, der zum Tode verurteilt worden ist.

Herr, in mir ist es finster, aber bei dir ist Licht

ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht

ich bin kleinmütig, aber bei dir ist die Hilfe

ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden

Gottes gewaltige Hand mag einem manchmal etwas zumuten, das einen fast zerbrechen lässt, aber zugleich lässt er einen spüren, wie seine Hand einen stärken und kräftigen will im Leiden. Ich glaube, vielen von uns fallen Situationen ein: ein hilfloses sich beugen unter Gottes Hand und zugleich spüren, wie er einem hilft.

Move 4 Widersacher

Nun spricht Petrus nicht nur von der mächtigen Hand Gottes, sondern auch vom Widersacher Gottes. Der brüllende Löwe, das hungrige Raubtier, das umherzieht und Beute sucht und dann findet, wenn er Menschen verführt und verklagt, Misstrauen und den Willen zur Vernichtung streut. Unsichtbar und raffiniert, anonym ist er unterwegs und operiert mit menschlichen Schwächen, nutzt sie zielstrebig aus und schafft es elegant, sich im Edlen und Frommen zu verbergen. Jesus begegnet ihm und dabei stellt sich heraus, dass der Widersacher sehr bibelfest ist.

Sein Hauptinteresse, wie das griechische Wort diabolos schon andeutet ist, etwas durcheinanderzubringen, zu verwirren. Gott und den Menschen auseinanderzubringen. An Jesus Christus ist er aber gescheitert. „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn. (Röm 8,38f)

Widersteht diesem Widersacher mahnt Petrus. Weil er nämlich längst verloren hat. Man muss es ihm offensichtlich nur immer wieder ins Gedächtnis schreien.

Move 5 All eure Sorgen werft auf Gott

Zieht euch Demut an und werft alle eure Sorgen ab. Schwungvoll, löst euch von ihnen. Fangt nicht an, sie zu sortieren. Die Sorge geb ich ab, die andere behalte ich. Nein, alle Sorgen. Werft sie ab. Trennt euch von ihnen. Werft sie auf Gott wie einen alten schweren Mantel, den kein Mensch tragen mag.

Denn Sorgen sind eine Last, manchmal zerfressen sie das ganze Leben.

  • Was wird mit mir, wenn ich alt bin oder krank werde?
  • Was ist, wenn ich die Arbeit verliere?
  • Den Kindern könnte etwas passieren…
  • Was wird nur aus unserem Land und unserer Welt?

Viele Sorgen, berechtigte Sorgen. Und Petrus redet die Sorgen nicht klein. Die Sorgen sind da. Keine Frage. Und sie sind groß.

Aber sie dürfen einen nicht erdrücken und immer und immer wieder klein machen.

Es gibt nämlich viele gute Gründe, mit großem Vertrauen durchs Leben zu gehen. Und Jesus betont immer wieder welch hohen Stellenwert das kindliche Vertrauen im Hinblick auf das Leben mit Gott hat.

 „Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“! Er lädt die Menschen ein, Gott als Vater zu entdecken und sich auf eine vertrauensvolle Beziehung zu ihm einzulassen.

Diese Vorstellung von Gott als Vater ist für Jesus mehr als nur ein schöner Gedanke. Sie hat Auswirkungen bis in die kleinsten Details des Alltags hinein. Er weiß, dass das Leben eines der härtesten ist. Die Sorge um den Lebensunterhalt, das „tägliche Brot“ ist ihm nicht fremd. Jesus fordert seine Zuhörer zu einem radikalen Gottvertrauen heraus: Vertrauen inmitten aller Sorgen des Alltags. Dabei zeichnet er ein Bild von Gott als Vater und Schöpfer, der seine Schöpfung in der Hand hält – vom kleinsten Lebewesen bis hin zum Menschen.

Und zu diesem Menschen hat er ein ganz besonderes Verhältnis. Er ist wertvoll für ihn, er liebt ihn:„Darum sage ich euch: Macht euch keine Sorgen um euer Leben, ob ihr etwas zu essen oder zu trinken habt, und um euren Leib, ob ihr etwas anzuziehen habt! Das Leben ist mehr als Essen und Trinken, und der Leib ist mehr als die Kleidung! Seht euch die Vögel an! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln keine Vorräte–aber euer Vater im Himmel sorgt für sie. Und ihr seid ihm doch viel mehr wert als Vögel!“

Jesus selbst lebt aus dieser Beziehung zu seinem Vater heraus. Sie gibt ihm Kraft, ist Dreh- und Angelpunkt seines gesamten Dienstes auf der Erde. Immer wieder zieht er sich zurück, um Zeit mit seinem Vater zu verbringen. Ihn zu hören, seinen Willen zu tun wird ihm zum Lebenselixier. Und für diese Beziehung zum Vater wirbt er wieder und wieder. Die gesamte Mission Jesu kann man als Weg bezeichnen, den Menschen in die vertrauensvolle Beziehung zum Vater mit hineinzunehmen.

„Die Sorge ist in der Bibel aber nicht nur Ausdruck existentieller Angst und Bedrängnis. Sie kann auch zum Symptom und Zeichen für eine unheilvolle Selbstfixierung des Menschen werden. Der Mensch, der meint, Garant und Quelle seines Glücks zu sein, überschätzt sich maßlos. Gerade in einer Zeit, in der es unendlich viele Optionen und Lebensentwürfe gibt, steigt der Stress, immer die optimale Richtung einzuschlagen, immer das Maximum herauszuholen. Risse passen da nicht in die Biografie und müssen schnell gekittet werden. Schnell steigt die Angst, falsche Entscheidungen zu treffen. Voller Sorge blickt man auf den nächsten Lebensabschnitt.

Die Aufforderung, nicht zu sorgen, bedeutet nicht, dass es keine Situationen gibt, in der man Vorsorge treffen sollte. Es geht vielmehr um die Erkenntnis, dass der Mensch nicht alles in seiner Hand hat. Es geht um eine Gelassenheit, die frei macht. Dass Leben gelingt, ist immer auch ein Geschenk Gottes. Und auch wenn es Brüche und Schwierigkeiten gibt, Gott ist mittendrin.

Liebe Gemeinde,

Mir scheint es so, als wolle uns der erste Petrusbrief eine Sache dringend ans Herz legen: Macht euch euer Leben nicht so schwer. Seid demütig und werft eure Sorgen ab. Manchmal ist es schwer, keine Frage. Da gehen die brüllenden Löwen umher, es gibt Hochmut und Anfechtungen und es gibt große Sorge. All das wissen wir nur zu gut. Aber das Leben geht darin nicht auf. Es gibt die andere Seite. Es gibt Heilung und Leichtigkeit, Tanzen und Glücklichsein. Das alles will Gott für uns. So hat er die Welt für uns eingerichtet. In seiner guten Ordnung.

Legt die Kleidung an, die Gott euch mit der Taufe gegeben hat.

So schreibt Paulus an die Gemeinde in Galatien: Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt.

Das Kleid zeigt zeichenhaft: Gott umhüllt den Menschen mit dem Guten. Kleidung zeigt etwas und sie bewirkt etwas.

Gott begleitet. Gott segnet.

Und das zu wissen und zu spüren, das gibt mir die nötige Gelassenheit, mit dem Leben umzugehen, mit allen Höhen und Tiefen zurecht zu kommen.

Amen