2019-10-06 - 16. So. nach Trinitatis - Elke von Schlichting

(Predigt: 16. Sonntag nach Trinitatis: 1 Joh 11,1 (2) 3, 4,17-27. (28-38a) 38b-45)


Liebe Gemeinde

Manchmal wünschte ich mir, wir lebten in einer Märchenwelt.  Ich erinnere mich noch an die schön illustierten Märchenbücher unserer Jugend.  Heute werden sogar Filme davon gedreht und jedes Jahr kommen neue Märchen dazu, T-shirts, Rucksäcke und Wasserflaschen, auf denen die Märchenprinzessinen abgebildet sind, sorgen für den kommerziellen Erfolg.  Wenn man jetzt einfach mal ganz von dem Zwiespalt in der Märchenpädagogik absieht, und einfach nur mal zurückdenkt an die schönen Märchengeschichten, in denen sich der Tisch von ganz alleine deckt, Sterne als Goldstücke vom Himmel fallen und Dornrößchen nach einem hundertjärigen Schlaf immer noch keine Falte im Gesicht hat, dann wünschte man sich doch bestimmt dass das hier und jetzt eine Märchenwelt wäre.  Eine Wunderwelt, in der das Gute siegt und uns Mut macht für morgen und übermorgen. 

Wir haben in den vergangenen Wochen einige solche Mutmachgeschichten erlebt – Der Südafrikanische Ndlovu Jugendchor, ist bei America’s got Talent ins Finale gekommen und hat nun einen CD Kontrakt bekommen, mit Profit zugunsten der Chorkinder, die aus schwierigen Umständen kommen.  Die positive Welle der #Imstaying Gruppe die auf Facebook entstanden ist und hunderttausende Südafrikaner quer über Rassen-, Religions- oder Geschlechtergrenzen hinweg wieder Hoffnung schenkt für die Wiederherstellung unserer Regenbogennation.  Die Taizee Pilgerfahrt an der einige unserer eigenen Jugendlichen teilgenommen haben, die in der Westkap eine harmonische und gesegnete Glaubenszeit mit über 2000 anderen Christen aus aller Welt erleben konnten. Und so gibt es noch viele mehr - Mutmachgeschichten, Wundergeschichten, oft wie Märchen die uns zeigen, dass wir nicht allein in dieser angespannten, dunklen Welt leben, dass es immer einen oder mehrere Helfer gibt die das Gute siegen lassen.

Denn wir leben zum Großteil in einer angespannten dunklen Welt, in der die meisten unter uns mutlos werden und es mit der Angst und Hilflosigkeit zu tun bekommen wenn wir tagein tagaus Nachrichten hören, die überlaufen sind von Korruption, Gewalt und andere Schandtaten.  Das Leben ist eben kein Märchen. 

Warum lassen wir uns da so mitziehen?  Wir Christen sollten es doch besser wissen?  Dort am Kreuz hängt er, der Gekreuzigte der damals schon Wunder verrichtet hat, und auch heute noch Wunder tut.  Keine Märchenfigur, sondern Jesus Christus selbst, Gott und Mensch, unser Herr und Heiland, unser Fels, unser Weg und unsere Wahrheit, unser Leben.  Aber um das in den Zeiten der Anfechtung so bedingungslos zu glauben ist nicht einfach, da brauchen wir uns nichts vorzumachen.

Unseren Predigttext von heute haben wir bereits im Evangelium gehört.  Den meisten von uns ist er bekannt, aber wahrscheinlich haben die wenigsten die Auferweckung des Lazarus bisher als Märchengeschichte betrachtet.  Aber dass es eine Wundergeschichte ist, das kann keiner bezweifeln:  das unmögliche passiert, ein Mann, bereits 4 Tage tot, wird lebendig.  Steht auf, verlässt das Grab und wird zu einem der größten Zeugen von Jesu Wunder. 

Stellt euch die Geschichte vielleicht einmal bildlich vor.  Da liegt ein Mann, schwerkrank im Bett, und seine Schwestern machen sich große Sorgen um ihn.  Ihre liebende Fürsorge und Verpflegung scheint nicht genug zu sein, ihn wieder gesund zu machen.  Sie sehen nur einen Ausweg, und das ist Jesus.  Jesus war immerhin ein guter Freund der Familie.  Die Schwestern haben vollstes Vertrauen zu ihm und seinen Wunderwerkfähigkeiten.   Gefüllt mit diesem Vertrauen und dieser Hoffnung senden sie eine Botschaft zu Jesus, um ihn von der schweren Krankheit ihres Bruders zu informieren.  Und sie glauben erwarten zu dürfen, dass er sofort an das Krankenbett seines Freundes, ihres Bruders Lazarus eilen würde und ihn heilen würde. 

Aber es kommt anders als sie sich das vorgestellt haben.  Jesus sieht die Situation ganz anders.  Für ihn geht es hier nicht darum, die böse Märchenfigur, die Krankheit des Lazarus zu besiegen.  Er reagiert mit dem Gegenteil:  Er meint, die Krankheit des Lazarus wäre etwas Gutes.  Die Krankheit des Lazarus diene zur Verherrlichung Gottes.  Und damit ist die Märchenwelt der armen Schwestern zerstört und die Hoffnung auf Heilung ist geplatzt. 

Was meint Jesus damit?

“Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Verherrlichung Gottes, dass der Sohn Gottes dadurch verherrlicht werde”.

Wie sollen wir das verstehen? Nicht selten hört man Menschen ein Zeugnis ablegen, das eine schlimme Krankheit, der Tod eines geliebten Menschen oder ein erschütterndes Erlebnis sie näher zu Gott geführt hätte.  Aber man hört auch das Gegenteil.  Vor allem in Situationen wo geliebte Menschen einem tragischen Schicksal unterworfen oder auch an den Tod abgestanden werden mussten, da treten die Zweifel ein, das “warum ich?, “warum wir?”.  Am Gegenpol würden die Optimisten meinen “warum nicht ich?” “Warum nicht wir?”.  Als Christen finden wir den Trost, dass Jesus den Tod überwunden hat und dass wir durch ihn ohne Sünde dastehen und mit ihm für alle Ewigkeit im Himmelreich sein werden.  Die Erzählungen der Bibel, vor der Kreuzigung Jesu, sprachen von der Auferweckung aller am Jüngsten Tage. Das wussten auch Maria und Martha.  Beide waren gläubige Frauen, die wir bereits in anderen Zusammenhängen der Bibel kennengelernt haben. Maria, die es schon erfahren hatte, was es bedeutet, seelisch tot zu sein und keinen Ausweg mehr zu sehen. Sie durfte erleben wie Jesus ihr zu neuem Leben verhalf. Denn bei Jesus ist das unmögliche möglich.  Und auch Martha hatte schon vorher etwas Wichtiges von Jesus und dem Verhalten ihrer Schwester Maria gelernt.  Wo Jesus ist, gelten andere Gesetze! Da brauch man nicht tun und schaffen, da soll man bei ihm sein und ihm zuhören, da sollte man doch alte Gewohnheiten beiseiteschieben und sich nur auf Jesus fokussieren.  Volles Vertrauen auf Jesus hatten die Schwestern.  Angesichts des Geschehens im Predigttext, und Jesus erste Reaktion die deutlich anders ausgefallen war als wir es erwartet hatten, brauchen wir nicht viel Phantasie uns davor zu stellen, welche Enttäuschung, welches Entsetzen sie ergriffen haben musste als Jesus auf sein Erscheinen warten ließ. 

Jesus blieb nämlich noch 2 Tage mit seinen Jüngern an dem abgelegenen Ort, dann erst forderte er zum Aufbruch nach Judäa auf. 

Und als er dort ankam, eilte Marta ihm entgegen, während Maria bei den Trauergästen zu Hause blieb.  Martas Worte in Vers 21 scheinen nicht ohne Vorwurf zu sein: “Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.”  Aber dank ihrer Treue und ihres Vertrauens zu Jesus, fährt sie fort “Was du, Jesus, bittest von Gott, das wird dir Gott geben.”  Marta hatte Vertrauen, über alle Maße hinaus.  Ich finde es bewundernswert, aber stelle gleichzeitig die Frage an mich, und an uns: Habe ich/ haben wir dieses Vertrauen?  In einer schwierigen Lage tritt meist eine von zwei Reaktionen ein, beides davon ist menschlich, beides habe ich schon bei mir selbst erlebt.  Der eine hat das Vertrauen “Gott hat alles im Griff!”, der andere verzweifelt und macht Jesus Vorwürfe so wie „Du, Jesus, der Du scheinbar alles kannst, Du bist oder warst nicht da. Und nun? Wie soll es weitergehen?“

In diesem Moment, wo Marta und später auch Maria Jesus vorwurfsvoll ihre Enttäuschung aussprechen, sind mir die beiden Frauen sehr nah. Ich erlebe, was ich bisher erfahren habe, wenn jemand liebes mir genommen wurde oder wenn eine gute Freundin schwerkrank ist, oder wenn mir der Arbeitsdruck zu viel wird.  Da kommt der Glaube leicht ins Wanken.  Aber es bringt auch keine Lösung.  Im Gegenteil, Jesus will gerade dann unser Vertrauen, er will, dass wir uns ganz auf ihn verlassen.  Er denkt größer als die schwere Situation – er denkt weit voraus – er hat den Plan, den wir noch nicht sehen, genau im Kopf.  

Es geht Jesus in unserem Text nicht darum den Tod hinauszuzögern, nein es geht darum, dass Marta, Maria und das Volk erkennen wer Jesus wirklich ist, und was er für uns bewirken kann. Diese wertvolle Erkenntnis, die auch der Höhepunkt der Geschichte ist, werden in seinen Worten der Verse 25 und 26 zum Ausdruck gebracht: “Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.” 

Jesus sinnspielt möglicherweise auf seine Kreuzigung hin, und will dem Volk die Gewissheit auf das ewige Leben in seiner Herrlichkeit klar machen.  Aber dazu braucht er das Vertrauen des Volkes, das Vertrauen seiner Freunde, ja auch unser Vertrauen.  “Marta, glaubst du das?” will er wissen.  Und Marta kann zuversichtlich antworten: “Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommt.

Und was ist die Belohnung für dieses Vertrauen, diesen tiefen und ehrlichen Glauben?  Jesus verspricht uns dafür “Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen”

Weggeblasen ist Martas Verzweiflung, ihre Enttäuschung, ihre Frustration.  Vor ihr steht ihr Heiland, ihr Fels, der ihr auch in den schlimmsten Situationen Hoffnung schenkt.  Und so eilt sie zu Maria, denn Maria soll es auch erleben.  “Maria, Der Meister ist da und ruft dich!” 

Schließlich gelangen sie zum Grab.  Lazarus war in einer Höhle begraben und der Eingang mit einem Stein versperrt worden.  Beim Grab angekommen gibt Jesus den Auftrag, dass jemand den Stein wegschieben solle.  Marta warnt ihn vor dem unvermeidlichen, dem Geruch des 4 Tage alten verwesten Körpers des Lazarus.  Dennoch rief Jesus mit lauter Stimme: “Lazarus, komm heraus! Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen, und sein Gesicht war verhüllt mit einem Schweißtuch. “ Jesus forderte das Volk auf, Lazarus zu befreien denn er war gefesselt und verbunden an Händen und Füßen.  Er hätte die Tücher, die ihn einhüllten, nicht selbst lösen können.  Deshalb war er auf die Hilfe von anderen angewiesen.

Vielleicht möchte Jesus, dass du mal deinen Namen an die Stelle von Lazarus setzt.  “Elke, komm heraus!” würde das in meinem Falle heißen.  Jesus ruft mich, er ruft auch dich.  Er möchte, dass du seiner Stimme, und seinem Auftrag folgst, dass du ihm vertraust.  “Komm heraus”.  Lazarus rannte nicht mit großen Schritten aus der Höhle.  Nein, er war gefesselt an Armen, an Beinen, sogar sein Gesicht war verdeckt – es war ihm nicht möglich sich selbst zu befreien, um Jesu Aufforderung zu folgen.  Er musste erst einmal diese Fesseln ablegen, bevor er zu Jesus kommen konnte.  Er musst sich davon frei machen.  Auch das ist ein Gedanke, den wir noch weiter verfolgen können.  Haben nicht auch wir Fesseln, die uns verhindern, so wie wir sind, zu Jesus zu kommen, so wie wir sind, seine Vergebung anzunehmen, und so wie wir sind uns ganz und gar von ihm in ein himmlisches Zuhause einladen zu lassen.  Vielleicht kannst du dich nicht selbst von den Fesseln lösen.  Lazarus brauchte auch Hilfe.  Er nahm sie in Anspruch. 

Dieses ist auch eine Aufforderung für jeden von uns.  Was verhüllt dich, und hält dich von Jesus fern?  Welche Tücher und Fesseln musst du ablegen?  Trennen dich dein Arbeitsstress, dein Sport, deine Ess- oder Trinkgewohnheiten, dein Schlaf, deine Computerspiele, andere Abhängigkeiten, finanzieller Druck, Angst vor dem Tod, von Jesus?  Gibt es eine Trennung, die dein Vertrauen beeinflusst, vielleicht sogar so einschränkt, dass dein Glauben ins Wanken gerät, gerade dann wenn du das Vertrauen am meisten brauchst, wenn Jesus dein Vertrauen am meisten braucht, damit er Wunder verrichten kann. 

Solche Fessel können grausam und brutal sein, Lücken in dein Menschsein reißen, eine Leere entstehen lassen.  Fessel sind oft unbarmherzig, zerstörerisch, manchmal sogar schwarz und finster.  Aber Jesus fordert uns auf die Fesseln abzulegen, Hilfe in Anspruch zu nehmen – so lange wir am endgültigen Ziel ankommen – Volles Vertrauen zu Jesus.

Das ist unser Ausweg.  Wir können und dürfen Hilfe in Anspruch nehmen, in unseren Familien, im Freundeskreis, in unserer Gemeinde und in der Gemeinschaft mit anderen.  Und wir dürfen alle Sorgen und Ängste auf Jesus werfen, es ihm geben und sagen “Herr mach mich frei, sodass ich dir mit allem vertrauen kann”.  Das soll heute unsere Ermutigung sein, dass er jedem und jeder von uns, jederzeit unter die Arme greifen kann, uns aus den Fesseln lösen kann, und uns in das Licht, das in ihm aufstrahlt führen kann.  Das Licht der Auferstehung und des ewigen Lebens – Jesus Christus, der Gekreuzigte, für dich, für mich, für uns.

Amen


 


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