2019-12-01 - 1. Advent - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

(Predigt zu Röm 13,8-12 am 1. Advent 2019)


Move 1 Leben – auf etwas hin

„Mama, wieviel nochmal schlafen und dann ist Weihnachten?“ „Mama, wieviel nochmal schlafen und ich habe Geburtstag?“ 

So fragen Kinder immer wieder, dabei haben sie so ein gespanntes Glitzern in ihren Augen.

Es gibt nichts Schöneres auf der Welt als die Freude, sich auf etwas zu freuen. Oder mit Eduard Mörike gesprochen, einem dt. Lyriker und Pfarrer: Man muss immer etwas haben, worauf man sich freuen kann.

O da fallen mir auch viele Dinge ein. Urlaub z.B., darauf freu ich mich. Es geht einem die Arbeit viel leichter von der Hand, wenn man weiß, nur noch 2 Wochen, drei Tage, morgen ist es soweit.

Oder man sieht das Ultraschallbild und hört die Herztöne vom Kind, bereitet das Kinderzimmer vor, die Babyausstattung wird zusammengesucht. Irgendwie unvorstellbar und man freut sich so auf dieses neue Leben, das im Bauch wächst.

Auf dieses neue Abenteuer in einem anderen Land, vielleicht wieder zurück im Heimatland, vielleicht in einem bekannten und doch fremden Land, freuen sich einige Familien nun in unserer Gemeinde. Relativ viele sind es, die jetzt am Ende des Jahres nach Deutschland gehen. Abschiednehmen, loslassen und Vorfreude zugleich. So lange ist das bei uns auch noch nicht her.

Wir feiern heute den 1. Advent. Damit beginnt die Vorfreude auf Weihnachten. Kinder öffnen Türchen für Türchen im Adventskalender, wir zünden nach und nach die Kerzen auf dem Adventskranz an, bereiten uns ganz allmählich auf die Festtage vor mit dem Besuch, der sich angekündigt hat, besorgen Geschenke. Das Haus wird weihnachtlich geschmückt. Und einige freuen sich auch auf die Ferien.

Adventszeit – Vorfreude – worauf noch?

Der Wochenspruch für die kommende Woche aus dem Munde Sacharjas kündigt einen Friedenskönig an, der da kommen soll. „Siehe dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer“. Wir erwarten die Ankunft Gottes in der Welt und zu Weihnachten feiern wir sie. Und mit seiner Ankunft erhoffen wir, wünschen wir, dass die Welt ein wenig friedlicher wird; dass Gott sich der Welt nähert und sie verändert mit seinem Licht, mit seiner Kraft, mit dem, was er an Heil und Segen für alle mit sich bringt.

Aber noch warten wir und während wir warten, hören wir unseren Adventstext, heute von Paulus

Er hat ihn nicht für die Adventszeit geschrieben. Und trotzdem kann er für uns zu einem Text genau für diese Zeit werden.

Ich lese aus dem Römerbrief 13,8-12

Unser Text gliedert sich unter zwei Überschriften. Zuerst geht es um:

Die Liebe, des Gesetzes Erfüllung

8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.

9 Denn was da gesagt ist (2.Mose 20,13-17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3.Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«

10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

Und dann gibt Paulus quasi die Erklärung, warum es sinnvoll ist, die Liebe über alles zu stellen und nennt es:

Leben im Licht des anbrechenden Tages

11 Und das tut, weil ihr die Zeit erkannt habt, dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.

12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

Move 2 Die jungen Christen – worauf sie hinleben

„Leben im Licht des anbrechenden Tages“. So möchte Paulus die jungen Christen in Rom gewinnen. Ihre Vorfreude wieder wecken, die ein wenig eingeschlafen zu sein scheint. Paulus weiß, dass sie es schwer haben, ihren Alltag zu meistern.

Die üblichen menschlichen Verwicklungen und Bedürfnisse nehmen zu viel Raum ein. Jesus ist lange fort. Wollte er nicht wiederkommen? Die Tage vergehen, dann die Jahre, die Sache zieht sich hin. Das Leben der Christen in Rom ist vergleichbar fast wie mit einem „Leben in der Nacht“.

Viele Grübeleien und viel Zweifel über die Sache mit Jesus. Innerliche Unruhe. Und das ist sicher vielen von uns auch bekannt: Die Sorgen um die Familie, um den Job, ob das Geld reicht. Wie es einmal im Alter sein wird. Wie es in unserem Land weitergehen soll. Die Gedanken kreisen – zum Negativen hin. In einem Hauskreis diese Woche ging es genau darüber mit der Feststellung: schlechte Gedanken erzeugen immer weiter schlechte Gedanken. Ein ewiger Kreislauf. Und die Stimmung wird immer dunkler. Man wartet: irgendwas muss doch passieren. Doch es passiert nicht und irgendwann ist es einem auch egal. Alles wird einem egal, auch das Umfeld, die Menschen um einen herum.   

So stelle ich mir vor, ging es den Christen in Rom. Und in diese Situation hinein schreibt Paulus. Sein Glaube lässt nicht zu, jenes einzigartige Geschehen um Christus, die darin liegenden Chancen für die Welt einschlafen zu lassen. Er entwirft Richtlinien für die Zeit des Wartens. Für die Zeit zwischen Auferstehung und Wiederkunft Christi. Und in dieser Zeit leben wir noch immer. Daher haben die Worte des Paulus nichts an Wichtigkeit eingebüßt.

Move 3 Was in der Zwischenzeit zu tun ist – wachsam sein und Nächstenliebe üben

Paulus ruft den Menschen in Rom zu: Es ist Zeit für euch, aus dem Schlaf aufzuwachen. Schluss mit allen Dingen, die das Leben belasten und verdunkeln. Die Nacht geht zu Ende - bald ist es Tag. Auch wenn ihr es jetzt noch nicht spüren könnt. Der Advent, die Ankunft Christi steht vor der Tür.

Paulus ruft zu einem Verhalten auf, das dem kommenden Herrn entspricht: „So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts“. Das Bild von den Waffen des Lichts mag uns heute etwas kriegerisch und wild erscheinen, es macht aber deutlich, dass es um mehr geht als ein wenig freundliche Gesinnung. Es geht darum, dass wir aktiv werden im Sinn des kommenden Lichts. Zwei konkrete Aspekte spricht Paulus in diesem Zusammenhang an: Die Wachsamkeit und die Nächstenliebe.

Im Blick auf die Wachsamkeit schreibt er: „Das tut, weil ihr die Zeit erkannt habt, dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf.“ Tatsächlich erlebe ich bei vielen Menschen eine große Müdigkeit angesichts vieler Ängste und Nöte.  Statt die Dinge einfach hinzunehmen, geht es darum aufzuwachen und die Tränen überhaupt wahrzunehmen. Mit wachen Sinnen zu sehen, wo Unrecht geschieht, wo Dinge aus dem Ruder laufen, wo Menschen leiden. Wahrzunehmen, wie die Natur um uns leidet, aber auch, wie unser Umgang manchmal rau ist. Die Zeit erkennen, aufzuwachen und aufzustehen, das bedeutet Leben im Licht des Advents.

Wird Paulus die Christen damals erreicht haben, konnte er ihre Vorfreude wieder wecken?

In der Zwischenzeit jedenfalls sollten sie nicht tatenlos sein, ganz im Gegenteil. Nächstenliebe war das oberste Gebot.

8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.

Seid niemandem etwas schuldig. Bereits im Abschnitt davor, als es Paulus um das Verhältnis zur staatlichen Gewalt geht, stellt er fest, dass sich Christen um des Gewissens willen zuverlässig, korrekt und dienstwillig verhalten sollen. Um Gottes Willen ist man bemüht, niemandem etwas schuldig zu bleiben.

  • Hast du mir etwas geliehen, gebe ich es Dir selbstverständlich zurück
  • Ich habe Dir einen Gefallen getan, also kann ich das jetzt auch von dir erwarten.
  • Ich erinnere mich an die Heftchen bei meiner Oma und selbst meine Mutter hat das noch so gehandhabt, heute vermutlich immer noch: bei Taufe, Konfirmation, Hochzeit, runden Geburtstagen und Beerdigungen wurden akribisch Listen geführt, von wem welches Geschenk kam, damit man den gleichen Wert zurück geben konnte, ja nicht mehr oder weniger, falls dort ein Fest oder Todesfall anstand.

Seid bloß niemandem etwas schuldig.

Außer dass ihr euch untereinander liebt.

Ja, in der Liebe kann man nämlich nicht sagen, seid niemandem etwas schuldig. Wenn es um die Liebe geht, hört das Rechnen auf. Und alle Beruhigung, jetzt sei es geschafft, hört auch auf. Wer liebt, ist in ständiger Bewegung für den anderen. Zu lieben ist eine niemals endende Aufgabe.  

Wohl kann man von sich behaupten, man habe sich an alles gehalten, was in den 10 Geboten steht: nicht ehebrechen, nicht töten, nicht stehlen. Aber beim Lieben geht das nicht. Das Gebot zu Lieben will all unser Dasein, all unser Tun umschließen bis zum letzten Atemzug.

Move 4 Liebe durch die Liebe Christi

Du sollst lieben. Steht nicht in den 10 Geboten. Könnte so gar nicht in den 10 Geboten stehen. Weil wir Liebe nicht auf Knopfdruck herbeizaubern können. Liebe können wir nicht aus uns selbst entwickeln. Paulus kennt alle Fehltritte, die Menschen verursachen. Er selbst ist kein Heiliger. Er kennt die Ängste des Menschen, zu kurz zu kommen.

Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, um die Welt zu retten. Durch Liebe. Nicht durch Gesetz, durch Zucht und Ordnung. Durch Liebe und diese Liebe Jesu Christi will mitten in unserem Leben Raum gewinnen. Ausleuchten, was im Dunkeln lagert und belastet. Damit wir sehen, im Licht. All die Möglichkeiten, die es noch im Leben gibt. Um unseren Horizont zu weiten. Um den anderen in diesem Licht neu betrachten zu können.

Wir alle wissen, wie schwer es ist, alle unsere Mitmenschen zu lieben. Ja, wie schwer es ist, sich selbst zu lieben. Anzunehmen, die eigenen Schwächen zu akzeptieren. Aus eigener Kraft heraus ist es unmöglich.

Aber mit der Kraft Gottes, die gerade im Schwachen mächtig wirkt, ist es möglich. Mit der Taufe werden wir in diese Wirklichkeit Gottes hineingenommen. Die Liebe Jesu Christi umhüllt uns wie ein Kleid.

Durch die Taufe sind wir in Beziehungen hineingestellt zu Gott, Vater, Sohn und Hl. Geist, hineingestellt in die Gemeinschaft der Getauften. Die Taufkerze steht symbolisch für das Licht Jesu Christi, das sich in Noelles Leben ausbreiten soll und sie selbst soll Licht sein für andere Menschen.

Das gilt für uns alle.

Move 5 Der andere Advent

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.  Hören wir von Sacharja.

Wie bereite ich mich nun am besten darauf vor?  Wie lege ich alle finsteren Gedanken ab und wo sind meine Waffen des Lichts?

Gerade die Adventszeit bietet die Möglichkeit, auch einmal stehen zu bleiben, der Vorfreude auf Weihnachten Raum zu geben, den Advent in mich einziehen lassen. Die Waffen des Lichts aktiv anziehen. Und Paulus meint damit eine Atmosphäre zu schaffen, in der Liebe, Vertrauen, Vergebung und Freude wachsen können. Damit wir nicht nur träumen von einer friedlichen Welt, sondern sie wirklich erleben.

Wenn wir diesem Licht eine Chance geben, bei uns zu wohnen, können wir nicht anders als das Licht, das Christus UNS schenkt, an andere Menschen weitergeben. Und das könnte so aussehen:

Wir finden füreinander ein liebes Wort. Wir erheben unsere Stimme, wenn wir Unrecht erleben, wir hören einem Menschen zu, dem sonst keiner zuhören mag, wir verzeihen, auch wenn es uns noch so schwer fallen mag, wir schaffen im Kirchenvorstand, in unserer Gemeinde eine Stimmung, wo jeder willkommen ist, so wie er ist mit seinen Stärken und Schwächen. 

Paulus meint, dass dann, wenn wir Christen so das Licht Christi in die Welt tragen, Hoffnung und Frieden wachsen und die Finsternis in den Herzen der Menschen weichen muss. Genauso, wie eine Kerze die Dunkelheit der Nacht heller macht, so kann ein liebes Wort die Welt verändern. Deshalb sagt uns dieses Wort von Paulus, dass es nicht genügt, vom Licht zu reden, sondern dass man es hinaus in die Dunkelheit dieser Welt tragen muss. Dazu haben wir Gelegenheit – ganz konkret. Jeder in seinem Alltag. Und darüber hinaus.

Allerdings wissen wir auch: Mit all unserem Tun können wir die Dunkelheit nicht endgültig vertreiben. Mit unserer Wachsamkeit und unserer Liebe kann schon etwas aufleuchten vom kommenden Heil, doch das Dunkel wirft weiterhin seine Schatten in unsere Welt. Im Advent leben heißt: Auch wenn das Dunkel noch da ist, können wir auf das Licht schauen und schon jetzt in diesem Licht leben.

So heißt die vierte Strophe von Jochen Kleppers Lied, das wir gleich miteinander singen.(EG 16,4):

„Nach manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld.

Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld.

Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr,

von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.“


Amen


 


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