2019-12-08 - 2. Advent - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater, dem Sohn und dem Hl. Geist. Amen.


(Predigt Lk 21,25-33)


Wie herrlich, liebe Gemeinde. Ich kann es selbst kaum glauben, was ich da sage. In Deutschland kam mir der Gedanke wirklich nur in den heißesten Sommern über die Lippe. Aber wirklich: wie herrlich, dass es regnet (so geregnet hat in den letzten Tagen). Es grünt und blüht in den Gärten, an den Straßenrändern. Die Bäume schlagen aus. Leider fallen sie auch manchmal um wegen der allzu großen Wasserlast oder den zu wenig in die Tiefe reichenden Wurzeln.

Die Natur atmet auf und ist wie neu erwacht nach diesen heißen Tagen.

Und für mich persönlich: endlich mal ein Grund, nicht raus zu gehen. Selbst der Hund verkroch sich. Die Kerzen anzünden, ohne dass sie von der Sonne wegschmilzen, mit einer Tasse Tee und Zimtsternen unter die Decke kriechen, mit den Kindern ein Adventstürchen nach dem anderen öffnen. Besinnlich irgendwie. Wie es in dieser Adventszeit idealerweise sein soll.

Und dann… bekommen wir es heute mit so einem Evangeliumstext zu tun. Nicht besinnlich, was uns Lukas heute als Adventsbotschaft zumutet. Und wieder einmal müssen wir tiefer graben, um die frohe Botschaft zu entdecken.

Hört zuerst den Text:


Lesen des Textes

25 Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres,

26 und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.

27 Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.

28 Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an:

30 wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist.

31 So auch ihr: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.

32 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht.

33 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.


Move 2

Was für ein Advent, der andere Advent. Wenn es so kommt, dann wird dem einen oder der anderen noch in aller Ruhe und Besinnlichkeit die Teetasse samt Zimtstern aus der Hand fallen. Dann wird was los sein. Ankunft. Und wenn es so kommt, dann dürfen wir eines nicht vergessen: Nach oben schauen - erhobenen Hauptes. So etwas wird es nur einmal geben.

Es gibt zwei Deutungen für den Advent. Wir denken gerade jetzt in diesen Tagen an die Ankunft Jesu in der Welt als Kind in der Krippe. Wir warten, ruhig und besinnlich.

Im Hinterkopf haben wir aber auch, dass Jesus Christus irgendwann wiederkommen wird, oder soll oder muss, um die Welt endgültig ins rechte Licht zu rücken, um alles gut zu machen.

Um alles gut zu machen.

Die Bibel nennt das Erlösung. Und die ist notwendig. Egal, wie oft wir noch Weihnachten feiern. Ohne Erlösung gibt es kein gutes Ende.

Mit dem Ende tun wir uns gewöhnlich schwer. Auch wenn der Weltuntergang ein beliebtes Motiv ist. Jahrhundertelang haben es sich Christen überlegt, wie es wohl sein wird, am Ende der Zeiten, Johannes beschreibt es in der Offenbarung, Künstler haben es gemalt, Musiker vertont, in Filmen schrammen wir oft nur ganz knapp daran vorbei. Dass aber die Erde nicht ewig besteht, dass diese Welt, dass das Leben insgesamt hier irgendwann vergeht, ist sehr wahrscheinlich.  

Schon allein deshalb, weil die Strahlkraft der Sonne erstens nicht unendlich ist und zweitens vor ihrem Ende dermaßen ansteigen wird, dass es hier auf der Erde schlichtweg zu heiß zum Leben ist.

Es werden also Zeichen am Himmel geschehen. Naturwissenschaftlich gesehen wird die Sonne zu einem roten Riesen aufgebläht, später zu einem weißen Zwerg schrumpfen. Spektakulär wird das für die Beobachter sein, da sind sich die Wissenschaftler einigermaßen sicher, allerdings wird die Erde das nicht mitmachen, sondern wird zum Kollateralschaden.

Dieses Szenario muss uns persönlich erst einmal nicht belasten, weil das den Berechnungen zufolge noch 4,5 Milliarden Jahre in der Zukunft liegt. Aber grundsätzlich wären damit die Gestirne neben der Sonne und folglich das Leben auf der Erde vergänglich.

Vielleicht hat der Mensch selbst die Erde aber schon vorher unbewohnbar gemacht, oder wir werden vorher von einem anderen Himmelskörper getroffen, der den Weltuntergang herbeiführt, so wie bei den Dinosauriern vor 65 Millionen Jahren. Es ist jedenfalls auch aus naturwissenschaftlicher Sicht keinesfalls Unfug,  was wir heute in der Bibel lesen können: „Die Kräfte des Himmels werden ins Wanken kommen.“ So oder so.

Naturwissenschaft trifft auf den zweiten Advent.

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich sage spontan: Ich hoffe mal, dass die Naturwissenschaftler mit ihren Zeitberechnungen recht behalten und das Weltende in weiter, sehr weiter Zukunft liegt. Ich möchte das zu meinen Lebzeiten nicht miterleben müssen.  

Die Natur atmet auf in Südafrika wegen des vielen Regens.

Auch hier im Text eine Beobachtung aus der Natur.

„Wenn der Feigenbaum jetzt bald ausschlägt, erkennt die Zeichen der Zeit. Dann ist der Sommer nah.“ Nun, der Sommer ist bei uns da. Vor dem Regen sah vieles verdorrt aus. Auch in Palästina, wo Jesus sein Gleichnis platziert, sieht der Feigenbaum aus wie tot, um dann schnell und überraschend zu grünen. Weil dem so ist, steht der Feigenbaum für »die Verlässlichkeit Gottes«. Er stärkt das Vertrauen, Sommer und Winter, Dürre und Regen kommen und gehen. Immer wieder. Und das konnten wir gerade selbst erleben.

Im Gleichnis geht es Jesus darum zu sagen:

Erkennt die Zeichen der Zeit, auf Gott ist Verlass, es wird geschehen, und wenn Himmel und Erde ins Wanken kommen, dann ist das Reich Gottes nah.

Evangelium. Gute Nachricht.

Ja, die gibt es also in unserem Bibeltext heute. Wenn die Heilige Schrift davon spricht, dass die Kräfte des Himmels ins Wanken kommen, dann ist auch das wirklich am Ende etwas Gutes.

Ja, das Universum ist vergänglich, Gott aber nicht.

Darum geht es. Und deswegen dürfen wir unsere Hoffnung nicht an Naturwissenschaftler verlieren, die das Weltende berechnen oder an andere, die darüber spekulieren, sondern wir sollen unsere Hoffnung in den 2. Advent setzen. Weil Advent am Ende ja nicht mit „Weltende“, sondern mit „Ankunft“ zu übersetzen ist.

Dem Evangelisten Lukas ist klar: Irgendwann ist Schluss. Es muss irgendwann Schluss sein, und warum dann nicht mit großem Getöse.

Es (ur)knallt am Anfang, es knallt am Ende. Aber dann, am Ende, dann ist es nicht wüst und leer, sondern dann ist da nur noch Jesus Christus, also: Erlösung.

Und das heißt nicht Untergang, kein weg damit für alle Ewigkeit, kein kosmisches Verglühen, sondern Erlösung.

Wie es dann genau weitergeht, was die Erlösten dann machen, das ist offen. Vielleicht wird es dann wahrhaftig und wirklich ruhig und besinnlich, wie wir uns das manchmal für die Adventszeit viel mehr wünschen. Vielleicht aber auch das Gegenteil oder vielleicht auch ganz anders. Ich vermute, Erlösung hat viele Facetten. Je nachdem, was man so erleben durfte oder im Leben erleiden musste. In Südafrika oder Russland oder Deutschland oder ganz woanders.

Wir Christen leben im Advent. Nicht nur im Dezember, sondern immer. Mit Gott dürfen wir immer rechnen und Ende heißt bei ihm nicht Untergang, sondern Ende heißt eben Erlösung.

Und wenn wir nun in diesen besonderen Tagen unsere Häupter tatsächlich gen Himmel richten, dann in der Gewissheit, dass auch in diesem Jahr, wenn schon die Sterne nicht vom Himmel fallen, so doch wieder ein Stern aufgehen wird. Wenn die drei Weisen oder Könige auch in diesem Jahr loslaufen, um das Kind in der Krippe zu suchen, dann können wir ihnen auch in diesem Jahr getröstet innerlich folgen. Himmel und Erde werden vergehen, aber nicht Jesu Worte, heißt es. Und solange Himmel und Erde nicht vergehen, verlassen wir uns darauf und machen uns einfach wie immer mit auf den Weg.

Der Christus, der am Ende Erlösung bringt, wie auch immer im Detail, ob mit großem Getöse oder mit leisem Übergang, ob er vom Himmel herab oder wir erst mal entschlafen zu ihm hinauf – der Christus ist und bleibt auch das Kind in der Krippe. Das Kind in der Krippe, das wir an Weihnachten anschauen und das in jedem Jahr dafür sorgt, dass die Menschen etwas fröhlicher und besinnlicher werden

Es ist schön, die Adventszeit zu genießen. Bei Sonne und Regen.

Advent ist Zeit der Besinnung, und das hat vermutlich auch mit besonnen sein zu tun. Das meint dann am Ende zweierlei: Jesus kommt an Weihnachten, das feiern wir und darauf bereitet der Advent mit seinen vier Kerzen vor.

Und Jesus setzt den vorläufigen Schlusspunkt. Kein Anfang und kein Ende ohne ihn. Das beruhigt mich.

Darum seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Diesem Aufruf möchte ich folgen: Wir müssen dafür nichts Großes tun – nur unsere Herzen öffnen und diese Botschaft hören und genießen.

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Amen


Adventslied (Melodie: Großer Gott, wir loben dich)

  1. Komm in meinem Leben an, nicht nur in den Lichterkränzen,

          dass ich dich erfahren kann, auch in meinen engen Grenzen.

          Deine Ankunft feiern wir, aber wo zeigst du dich hier?

  1. Komm in meinem Leben an - und durchdringe meine Sinne.

          Ich erkenne dich daran, dass ich neue Kraft gewinne.

          Trägt sie mich auf Flügeln weit, durch die ungewisse Zeit?

  1. Komm in meinem Alltag an, - dass ich weiß Gott will mir nah sein.

          Er will ja gerade dann - Kraft mir geben, für mich da sein.

          dass die Hoffnung doch nicht weicht, wenn die eigne Kraft nicht reicht.

  1. Bring das Lichtwort in mein Haus, dass in dir Gott nach mir tastet

          Komm und führe mich heraus - aus der Angst, die mich belastet.

          Menschen wurden durch dich frei – hilf, dass ich auch freier sei.

  1. Komm in meinem Leben an, komm, berühre meine Seele,

          dass ich auf dem Wege dann – jenes Ziel doch nicht verfehle,

          auf dass du uns Menschen weist – jenes Ziel, das Liebe heißt.


 


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