2019-12-24 - Heiliger Abend - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

(Predigt Hes 37, 24-28)


Wie wollen wir Weihnachten in diesem Jahr feiern?

Ich weiß nicht, ob das für Euch eine Frage war. Bei mir zu Hause, bei meinen Eltern war das nie die Frage. Der Ablauf war allen klar: nach dem Gottesdienst isst man zusammen, um dann gemeinsam ins Wohnzimmer zu gehen, man singt Weihnachtslieder, hört eine weihnachtliche Geschichte, dann gehts an die Bescherung. In diesem Ritual lag Routine, daran wurde nicht gerüttelt: so und nicht anders, nirgendwo anders wird Weihnachten für uns möglich sein.

Mit meinem Auszug, mit unserer Hochzeit, mit unserer eigenen Familiengründung mussten wir uns selbst Rituale setzen.

Und nun?

Hier in Südafrika ist Weihnachten auch nicht mehr so, wie es in Deutschland für uns war. Und eins steht fest nach letztem Jahr: heute Abend gibt`s kein Raclette wie in den Jahren zuvor. Nein, wir sind mal flexibel und essen, dem Wetter angemessen: Kartoffelsalat und Würstchen. Und nein, der Christbaum ist keine Tanne, und nein, es gibt keinen Glühwein. Aber wir sitzen auch im Wohnzimmer. Das ist sich gleich geblieben.

Nun, wenn schon fast alles anders , warum dann nicht auch mal Weihnachten an einem anderen Ort Weihnachten feiern? Der Predigttext inspiriert mich dazu, darüber nachzudenken.

Ich lese aus dem Buch des Propheten Ezechiel. Alte Worte sind es. Worte, die lange Zeit vor Jesu Geburt aufgeschrieben wurden. Worte von Gott an sein Volk, Verheißungen, Versprechen. Worte, die vom Wohnen reden und von den Orten, wo sich das Leben abspielt. Von unserem Wohnen und Gottes Wohnen. Von Wohnzimmern, Heiligtümern und Wohnungen und mittendrin von dieser Geburt in Bethlehem.


Ich lese aus Ezechiel 37, 24-28

24 Und mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle. Und sie sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun.

25 Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer, und mein Knecht David soll für immer ihr Fürst sein.

26 Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer.

27 Meine Wohnung soll unter ihnen sein, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein,

28 damit auch die Völker erfahren, dass ich der Herr bin, der Israel heilig macht, wenn mein Heiligtum für immer unter ihnen sein wird.


Ich hatte es also überlegt, es in diesem Jahr mit der Familie anders zu machen.

Wie wäre es, Weihnachten in einen anderen Raum zu verlegen?

Weihnachtsbaum, Geschenke, Krippe, Kerzen, Singen, alles woanders. Vielleicht im Bad oder im Schlafzimmer oder in der Küche.

Eben da, wo man nicht nur „wohnt“, sondern wo sich das Leben sonst abspielt.

und da würden wir dann Gottes Versprechen hören:

Meine Wohnung soll unter ihnen sein, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein,

In der Küche zum Beispiel. Dort könnte ich die Krippe aufbauen,

die kleinen Holzfiguren sorgsam hinstellen:

Die Heiligen Drei Könige ins Gewürzfach neben Muskat, Zimt und Pfeffer

fremd und doch vertraut,

und die ganze Welt duftend in meiner Küche

die Hirten unter die Spüle, neben die Mülleimer ins Dunkle

und die Engel oben auf die Abzugshaube

da passen sie gut hin mit ihrem Licht und der Verbindung nach draußen

zum Himmel.

Und das Jesuskind würde ich einfach auf den Esstisch legen, zwischen Töpfe und Pfannen, Butter und Krümeln

und wir würden dann dort Weihnachten feiern,

dahin wo sich so viel in unserem Leben auch sonst abspielt

und dort Jesus feiern.

Da in der Küche, wo morgens der erste Kaffee durchläuft, wenn es Tag wird und jeder noch verschlafen aussieht.

Wo mittags die Kinder reinstürmen

der Schulranzen in die Ecke knallt und die ersten Emotionen nach der Schule sich Raum bahnen; wo Hausaufgaben gemacht werden,

wo das Geschirr mindestens dreimal am Tag gespült werden muss

manchmal abends viel zu spät,

weil man es davor einfach noch nicht geschafft hat

wo es duftet und riecht,

wo Alltägliches und Besonderes vor sich hin köchelt

Da mittendrin das Jesuskind.
Das fände ich eigentlich einen guten Ort für Weihnachten

Mittendrin im Leben

für den Hunger im Bauch und den Hunger in der Seele

Mittendrin im Alltäglichen Kleinklein und in dem Großen auch

und in Arbeit und Mühe

in Familientrubel und morgendlicher Mühe

und Genuss und Leben

und Gott so ganz nah mittendrin

und da wohnt er.

Und wir würden dort in der Küche um das Jesuskind herumsitzen

mit dem Dunst

und dem Müll

und dem Duft unseres Alltags

und die Worte für uns hören

Gottes Worte:

Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer. Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer. Meine Wohnung soll unter ihnen sein, und ich will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein

Ich hatte es mir kurz überlegt

Weihnachten dieses Jahr in der Küche zu feiern

Weil Gott ja in meiner Küche wohnt

Auch da.

Gerade da. Und dann würden wir da in der Küche sitzen und singen.

Musik EG 37

Ich hatte mir das kurz überlegt

nicht im Wohnzimmer zu feiern, wo ich abends mal ein, zwei Stunden sitze

einen Film schaue, ein Buch lese oder auf dem Sofa döse.

Sondern an den Lebensorten.

Ich hatte mir auch überlegt, Weihnachten im Bad zu feiern.

Nach der Kirche gleich würden wir uns als Familie im Bad versammeln.

Ja, warum nicht im Bad?

Den Weihnachtsbaum stellen wir in die Badewanne

die Geschenke dazu

und die Krippenfiguren verteilen wir zusammen:

Die Könige stellen wir zwischen die Cremes, zwischen Lippenstift und Haargel,

Ohrringe und Wattestäbchen,

und sie bekommen da eine Portion Glamour, Ansehen und Würde,

und sie machen sich dann mitten in dieser schön gestylten Welt auf, Jesus zu finden

und um hinter den Oberflächlichkeiten die Tiefe zu sehen

und Gott zu entdecken.

Die Hirten hüten auf dem Toilettendeckel ihre Schafe.

Und das Jesuskind legen wir in den Wäschekorb

zwischen dreckige Kleider, alte Socken und verschwitzte T-shirts

und in das Chaos, das da manchmal herrscht.

Das passt zu Bethlehem und dieser Geburtsgeschichte, denke ich.

Genau da ist Gott.

Und neben dem Spiegel sind dann die Engel

die dir genau ins Gesicht singen

Dir ist heute der Heiland geboren

schau mal auf ihn.

und höre wie er zu dir und deinen Macken und Schönheiten sagt:

Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein.

Das fände ich eigentlich einen guten Ort für Weihnachten

Dort im Bad würde dann die Krippe stehen und der Weihnachtsbaum

da, wo du dir morgens die Zähne putzt und abends den Schmutz von draußen wegwäschst

und nun auch den Staub von der Seele und die Schuld vom Herzen

und dafür ist Jesus ja gekommen.

Da wo du dich bereit machst für den neuen Tag,

bereit loszugehen, rauszugehen in den Tag

Warum nicht da Weihnachten feiern!?

und die Worte für uns hören

Gottes Worte:

Und mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle. Und sie sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun.

Ich hatte es mir kurz überlegt

Weihnachten dieses Jahr im Bad zu feiern

Weil Gott ja in meinem Bad wohnt

Auch da.

Gerade da. Und dann würden wir da im Bad sitzen und singen.

Musik EG 37

oder doch im Schlafzimmer?

Das wäre auch noch eine gute Möglichkeit, denke ich.

Das Schlafzimmer ist immer ein bisschen das Heiligtum im Haus

da darf nicht jeder rein.

Menschen, die bei dir ins Wohnzimmer, in die Küche oder auch ins Bad kommen, dürfen ja noch lange nicht einfach so ins Schlafzimmer.

Privatsphäre, intimer Raum ist das, ein bisschen das Allerheiligste.

und wenn Weihnachten da einfach so reinkommt, ins Schlafzimmer

dann würde es dir ja echt nahe kommen

und die Figuren aus der Krippe

und der Weihnachtserzählung auch

und vielleicht Gott selbst.

Er würde dann vielleicht genau dorthin kommen,

wo du abends grübelst und nicht einschlafen kannst

wo die Sorgen laut schreien

und du die unruhig im Herzen bist. Da, wo du den Raum der Träume betrittst, den du sonst niemandem zeigst.

Dort könnten wir eigentlich auch Weihnachten feiern,

den Christbaum auf den Nachttisch

und die Geschenke unter die Bettdecke

die Engel schauen von draußen herein und singen schön und hell

Und die Hirten sind in deinen dunklen Träumen unterwegs

und in deinen Ängsten vor dem neuen Tag

in deinen Sorgen vor dem Einschlafen

und die Könige sind in deinen schönen Träumen unterwegs

in deinen Sehnsuchtsträumen, und Glanzlichtern

und alle kommen zur Krippe, und alle finden zu Jesus.

Vielleicht liegt das Jesuskind im Schlafzimmer nicht in einer Krippe

sondern neben deinem Wecker

oder vielleicht hast du es auch ganz fest in deiner Hand

und ist jede Sekunde da,

wenn der Zeiger läuft.

und Gott ist auch da

ganz privat und persönlich für dich.

Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer.

Ich hatte es mir kurz überlegt

Weihnachten dieses Jahr im Schlafzimmer zu feiern

Weil Gott ja in meinem Schlafzimmer wohnt

Auch da.

Gerade da. Und dann würden wir da im Schlafzimmer sitzen und singen.

Musik EG 37

Aber auch wenn ich mir das alles überlegt habe

wir feiern dieses Jahr im Wohnzimmer

mit Baum, Krippe, Geschenken und Kerzen im Wohnzimmer.

Ja Gott kommt auch in meinen Alltag

in die Küche und das Bad und das Schlafzimmer

und in Chaos und Trubel und Träume

und überall hin.

Aber manchmal braucht es Zeit zum Staunen

zum Schweigen, zum Nachsinnen

Zeit fürs Sofa, Zeit, aus dem Alltag herauszutreten

Zeit fürs Wohnzimmer, vor der Krippe

und die Hirten kommen von den dunklen Feldern zusammen

kommen aus der Küche und dem Bad und dem Schlafzimmer

und ich auch

und die Könige kommen aus dem Fernen und Schönen

und alle zu Jesus

und ich auch

und die Engel singen

singen so laut, dass man es überall hört

in jedem Raum und im ganzen Haus

Euch ist heute der Heiland geboren.


Amen


 


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