2019-12-25 - 1. Weihnachtstag - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

Predigt Titus 3 (Text zu Beginn der Predigt)


4 Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands,

5 machte er uns selig – nicht um der Werke willen, die wir in Gerechtigkeit getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist,

6 den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland,

7 damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben seien nach der Hoffnung auf ewiges Leben.


Move 1: Darf ich mich vorstellen? Ich bin die Liebe

Darf ich mich vorstellen? Ich bin die Menschenliebe Gottes. Ich war schon immer da, man kann sagen: mit mir fing alles überhaupt erst an, mit mir fängt immer alles überhaupt erst an, aber ich werde oft vergessen, leicht übersehen, nicht erkannt, zugedeckt mit so viel anderem, das noch so im Leben wichtig ist oder auch nur wichtig scheint.

Die Menschenliebe Gottes.

Ich verschenke mich. Einfach so. Das ist meine Art. Ich frage nicht danach, was ich zurück bekomme. Um mich kennenzulernen, muss man einfach mit mir leben. Am besten jeden Tag, ganz einfach: immer. Ich bin in jedem von Euch drin. Ja, ihr merkt es vielleicht nicht immer. Bei einigen vielleicht auch tief vergraben. Wenn ich Dir fehle, dann merkst du es ganz sicher. Ohne mich kannst du nämlich nicht leben. Du brauchst mich.

Kann sein, dass manche auch Angst vor mir haben… Angst vor der Menschenliebe…. Denn wenn ich erst zur Wirkung komme, dann wird alles anders.

Wenn man mich zuschüttet, dann leide ich darunter, keine Frage. Aber ich bin nicht totzukriegen. Man kann es drehen und wenden, wie man will.

Ich bin da und kann mich anpassen. Je nach Situation bin ich in unterschiedlichen Formen anzutreffen.

Auch, wenn es Streit gibt, wenn es zu Trennung kommt, wenn hitzige Debatten geführt werden… Ich, die Menschenliebe Gottes. Ich bin da.  

Move 2 Die Menschenliebe in der Geschichte Gottes

Die Menschenliebe Gottes, liebe Gemeinde, war schon immer da. Am Anfang, bevor die Welt erschaffen wurde. Als die Erde noch wüst und leer war, da schwebte der Geist Gottes über dem Wasser und mit ihm die Menschenliebe.

Das Wesen der Liebe ist: sie genügt sich nicht selbst. Sie bleibt nicht bei sich. Ihr wisst selbst, Liebe kann solch eine schöpferische Kreativität freisetzen. Liebe sucht sich ein Gegenüber. Gott sucht sich ein Gegenüber und überall nimmt seine Liebe Gestalt an. Sie formt die Welt, Tiere und Menschen.  

Die Liebe versucht es in vielen Sprachen. Gottes Geschichte mit den Menschen ist von Liebesbeweisen seinerseits durchzogen. Ich denke an die Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten, die Bewahrung und Führung auf dem Weg. Immer wieder sucht Gott nach Menschen, die anderen zu treuen Begleitern und Leitern werden können. Abraham, Mose, David. Gott beruft Menschen zu Propheten, um durch sie zu sprechen. Um seinen Willen kundzutun. Sie auf dem richtigen Weg zu führen. Wir wissen aber auch, dass Gottes Sprachen der Liebe nicht verstanden werden. Menschen wenden sich anderen Göttern zu, Gott erscheint ihnen zu weit weg.

Hat er uns verlassen? Fragen sie dann wie kleine Kinder. Warum straft er uns? Was können wir tun, um seine Hilfe zu bekommen?

Immer wieder stoßen Menschen an ihre Grenzen. Und immer wieder ist es Gottes Menschenliebe, die einen neuen Anfang macht.

Move 3 Die Liebe bricht sich Bahn – Gott macht sich klein

Was für ein Glück, liebe Gemeinde. Gott gibt nicht auf. Er versucht es immer und immer wieder. Er sucht nach neuen Wegen hin zu den Menschen. Zu uns.

„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

Gott kommt also in die Welt. Das ist der Höhepunkt der Menschenliebe Gottes. Sowas gab es noch nie. Aber jetzt als Quirinius Statthalter in Syrien war, ist die Zeit erfüllt. Da wird die Menschenliebe geboren, sie kommt zur Welt in Jesus Christus.

Ich versuche, diesen Gedanken ein wenig auszuführen. Was heißt das?

Ich habe dazu eine eindrückliche Ausführung diese Woche in meinem Adventskalender gelesen: Fulbert Steffensky, ein bekannter Theologe beschreibt:

Stellen wir uns vor, ein Vater spielt mit seinem Kind oder tröstet es. Dann bleibt er nicht in seiner vollen Größe vor dem Kind stehen. Nein, er geht in die Knie, macht sich klein, begibt sich in die Lage des Kindes, ist Auge in Auge mit ihm und nimmt seinen Horizont an. Er vergisst seine Sprache und spricht die Worte, die das Kind schon versteht.

Gott geht in die Knie, er lebt das Leben aus unserer Perspektive, spricht die Sprache unseres Stammelns. Jesus, der kleine König, hat nicht einmal eine Stelle, an der er mit Anstand geboren werden kann. Der kleine König wird versteckt und heimlich außer Landes gebracht, die Macht trachtet ihm nach dem Leben. Er ist nicht einmal einzigartig in seinem Leiden. Er ist nicht der erste Flüchtling, und er wird nicht der letzte sein. Was ihm zustößt, ist Menschen vor ihm zugestoßen und wird Menschen nach ihm zustoßen.

Der kleine König hat seine Insignien und Zeichen, an denen man ihn erkennt. So wird es den Hirten gesagt. „Und das sei euch ein Zeichen: ihr werdet ein Kind finden, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.“ Lächerliche Würdezeichen: Kinderwindeln und ein Futtertrog. Wenn sich einer eine blasphemische Verhöhnung von Glanz und Herrlichkeit Gottes ausdenken wollte, könnte er es nicht besser und ironischer tun, als Gott es in der Weihnachtsgeschichte selber getan hat.

Es ist ein fremder und zärtlicher Gedanke, dass unser Leben und dass die Welt nicht gerettet werden durch die Macht der Mächtigen. Gott macht sich mit uns gleich durch seine große Menschenliebe und das ist die erlösende Kraft.

Soweit Fulbert Steffensky.

Liebe Gemeinde, dass Gott in der Welt erscheint, ist also nicht nur eine Wende in der Menschheitsgeschichte, sondern in jedem Christenleben. In der Taufe tritt Christus ins Leben des Einzelnen, zieht es in sein Leben hinein und erneuert es mit seiner Freundlichkeit und Menschenliebe.

Das Wasser in der Taufe wäscht uns rein von allem, was uns im Leben belastet, schenkt uns ein erfrischtes Leben in der Gemeinschaft mit Jesus Christus. Die Taufe ist einmalig, aber daran erinnern lassen, dürfen wir uns. Das tut der Predigttext heute, der in einem einzigen Satz den Bogen schlägt von der Geburt zur Wiedergeburt, von Weihnachten zur Taufe.

Der Autor des Briefes erinnert seine Gemeinde daran, dass sie Getaufte sind. Das Bad der Wiedergeburt war in frühchristlicher Zeit der krönende Abschluss eines Weges hin zum bekennenden Christentum. Begegnungen mit anderen Christinnen und Christen waren vorausgegangen, die den Suchenden den christlichen Glauben nahegebracht hatten. Gottesdienstbesuche, Taufunterricht. Dann die eigene Sehnsucht und Überzeugung: Ich möchte dazu gehören, ich lasse mich taufen. Viele von uns haben ihre Geschichte mit Gott erst nach der eigenen Taufe erlebt. Aber sie hat uns alle hierher geführt.

Move 4 Erfahrungen von Gottes Liebe im eigenen Leben

»Als aber erschien die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig – nicht um der Werke willen, die wir in Gerechtigkeit getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit …«

Wie haben wir Gottes Güte und Liebe, seine Gnade und Barmherzigkeit erfahren?

Von welchen Geschichten könnt Ihr erzählen? Gibt es Szenen, an die Ihr denkt wo Gottes Geist für euch spürbar wurde? Wo Rettung erfolgt war? Wofür Ihr dankbar seid?

In einem Moment der Stille darf jede und jeder mal darüber nachdenken.

STILLE

Ich bin dankbar für all die Momente, wo ich Gott besonders spüren kann, wo er für mich nicht weit weg, sondern nah ist. Im Gebet spüre ich das. Es gibt kein Tabuthema, alles darf offen liegen. Ich darf schwach sein und meine Gefühle offen aussprechen. Weil er mich nicht verurteilt, sondern weil er mit mir barmherzig ist und auch ich dadurch sowohl mit mir, als auch mit anderen barmherzig sein kann. Ja, ich spüre, dass mich das Gebet verändert. Weil ich Gottes Güte und Menschenliebe erfahre.

Es ist, als wäre die Wirklichkeit danach eine andere. Wer Gottes Wirklichkeit spürt, erlebt, dass das Reich Gottes bereits in unsere oft rauen Verhältnisse hineinwirken kann.

Move 5 Die Menschenliebe möge wirken

In dieser Hinsicht haben wir Christen glaube ich einen anderen Blick auf die Welt, als manch andere Menschen.

Wir sind nicht nur durch Gottes Gnade gerecht geworden und Erben nach der Hoffnung auf ewiges Leben.

Wir haben eine Vision von einer Welt, wie sie sein könnte, wenn Gnade und Barmherzigkeit, Menschenliebe und Freundlichkeit sich durchsetzen würden:

Dort, wo Menschen im Elend leben, in Angst vor Gewalt und Hunger, auf der Flucht und Suche nach einem Ort, an dem sie bleiben und gut leben können. Dort, wo Egoismus und Gier die Regeln des Zusammenlebens zu bestimmen scheinen, wo andere an den Rand gedrängt oder ausgeschlossen werden. Dort, wo Menschen sich als Opfer fühlen und zu Tätern werden, die andere verfolgen oder mit Hass begegnen …

Zum Glück sehe ich immer wieder auch die Beispiele, wo Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit gelingen und da muss ich nicht weit schauen.

Mir fallen Beispiele ein aus unserer Gemeinde. Wo Menschen freundlich willkommen geheißen werden, wenn sie zu uns den Weg finden. Wo sich Menschen mit all ihren Begabungen einbringen können, die Whatsapp-Hilfs-Gruppen, die sich sofort bilden, wenn andere Hilfe brauchen, die vielen Fürbitten füreinander und ich bin mir sicher, uns fallen noch viele Dinge auch in Zukunft ein. Denn: 

Schluss: nochmal ich: die Menschenliebe

Ich bins nochmal: die Menschenliebe Gottes.

Ich werde immer und immer wieder Licht in eure Herzen bringen und das Dunkel eures Lebens erleuchten. Ich werde mit euch weinen, wo es euch zum Weinen zumute ist. Ich werde verzeihen, wo euch Schuld niederdrückt. Ich werde mit euch lachen, wo es euch zum Lachen ist. Ich werde mit euch gehen, wohin ihr euch auch wendet.

Ich bin mir sicher, Ihr werdet die Veränderung spüren und mit euch die Welt um euch herum.

Man wird euch die Erleichterung anmerken. Ihr werdet Hände frei haben, das zu tun, was nötig ist, dort zu sein, wo ihr gebraucht werdet. Ihr könnt meine Boten unter den Menschen sein.

Denn überall, wo zwei Menschen einander verzeihen, da bin ich am Wirken, und jedes Mal, wenn ihr Verständnis habt für Eure Kinder, eure Eltern, für den Fremden und den Arbeitskollegen, da ist Gott nahe. 

Überall, wo einer dem anderen hilft, ist etwas von Gottes Güte spürbar. Jedes Mal, wenn Du versuchst, Deinem Leben einen neuen Sinn zu geben, ist Gott an Deiner Seite. Überall, wo Menschen einander ansehen mit den Augen des Herzens und einem Lächeln auf dem Gesicht, da erscheint Gott. Wird alles heil.

Es ist Weihnachten! Im Kind von Bethlehem ist Gottes Freundlichkeit und Menschenliebe erschienen.


Amen.


 


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