2019-12-29 - 1. Sonntag nach Weihnachten - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

(Predigt Hiob 42,1-6)


1 Weihnachten ist zum Sehen da

Die Weihnachtstage liegen hinter uns. Die Erinnerungen sind noch frisch.

Weihnachten ist ein Fest der Sinne. Was gab es da nicht alles zu hören? All die vertrauten Stimmen von lieben Verwandten und Freunden? Die Weihnachtslieder, die Glocken… und zu riechen? Der Zimtgeruch und Kerzenduft, zu schmecken: die Plätzchen und das Festtagsessen, zu fühlen: die ersehnten Geschenke, Umarmungen von lieben Menschen und natürlich viel zu sehen: den Kerzenschein, die Lichter am Baum, die lachenden Gesichter, Sterne, Maria und Josef und das Kind in der Krippe. Kinderaugen leuchten, staunen und betrachten.

Und gerade das Sehen und Schauen gehört von Anfang an zu Weihnachten dazu. 

Zuerst sind es die Hirten auf dem Felde, die die Engelsbotschaft hören und sich dann aufmachen, um die Geschichte zu sehen, die da geschehen ist „und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Da sie aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kind gesagt war.“ (Lukas 2,16+17) Hören und sehen!

Die nächsten, die ihren Augen trauen und dem Stern folgen, sind die Weisen aus dem Morgenland. Sie folgen dem Stern bis nach Bethlehem. „Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an.“ (Matthäus 2,10)

Noch etwas später ist es dann Simeon, der im Kind den erhofften Heiland sieht, auf den er sein Leben lang gewartet hat. Und er ruft voller Dankbarkeit aus: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“ (Lukas 2,29+30)

Fröhlich soll mein Herze springen. Diese Freude ist allen gemeinsam, die dem Jesuskind begegnen.

Move 2 Weihnachten ist nur etwas für Fröhliche!?

Wie ist das aber mit all denen, die keinen Grund zum Fröhlich sein haben? „Ich bin verstummt, will meinen Mund nicht auftun.“

Weihnachten, das besondere Fest im Jahr und das Feiern – und daneben Menschen, die trauern und leiden, Ängste haben und zweifeln. Es herrscht eine scheinbare Spannung zwischen der grenzenlosen Freude und Menschen, denen nicht zum Feiern zumute ist. Und gerade an Weihnachten wird das Leiden für viele damit umso größer. Sie stehen außen vor, statt mit dabei.

Warum eigentlich? An der Krippe ist doch Platz für alle, das haben uns die Kinder im Krippenspiel gezeigt… Aber ist es nicht so: wenn wir ein Fest der Liebe und Freude feiern, dann wollen wir nicht mit dem Leiden von anderen und der Welt konfrontiert werden. Nicht an unsere eigene Angst erinnert werden. Einfach mal abschalten und froh darüber sein, dass das Elend um uns herum nicht zu nahe rückt, obwohl wir wissen, dass es jeder Zeit auch über uns hereinbrechen könnte. Können wir an einem Fest der Freude sagen, was uns fehlt und bedrückt oder müssen wir das verheimlichen und verdrängen, uns verstellen und für kurze Zeit vergessen?

„Ich bin verstummt, will meinen Mund nicht auftun.“ Leid kann Menschen verstummen und einsam werden lassen. Als wäre an der Krippe kein Platz für sie.

Move 3 Hiob diskutiert und erduldet, klagt an…

Ein Mensch, der leidet, aber ausdrücken kann, was ihn belastet und wie er sich fühlt, begegnet uns im Bibeltext für die Predigt: Hiob.


Hiob 42,1-6 vorlesen

1 Und Hiob antwortete dem Herrn und sprach:

2 Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer.

3 »Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Worten ohne Verstand?« Darum hab ich ohne Einsicht geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe.

4 »So höre nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!«

5 Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.

6 Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.


Hiob und Weihnachten.

Im ersten Moment ein wenig verwirrend. Im zweiten Moment sehr passend. Heute am 1. Sonntag nach Weihnachten handeln die Texte davon, dass Menschen Gott schauen dürfen.

„Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.“ Diese Aussage steht am Ende eines langen Weges zwischen Hiob und Gott.

Viele von euch kennen seine Geschichte.

Ein frommer und rechtschaffener Mann ist er. Gottesfürchtig. Und er verliert alles, was ihm teuer und wichtig war. Eine Hiobsbotschaft nach der anderen erreicht ihn. Und nachdem er wirklich alles verloren hat, befallen seinen Körper auch noch Geschwüre. Liebe Gemeinde, so schnell kann ein ganzer Lebensentwurf zusammenbrechen. Und Hiob duldet, erduldet, er klagt auch, geht mit seinem Gott ins Gericht.

Hiob durchlebt in seiner Trauer, in seinem Schmerz verschiedene Erfahrungen mit seinem Gott. Er wünscht sich, dass er Gott und seinen Willen erkennen und verstehen kann. Das ist ein verständlicher Wunsch. Warum Gott ich? Warum so?

Keine Frage, Hiob vertraut Gott. Davon lässt er sich weder von seiner Frau noch von seinen Freunden abbringen. Die eine rät ihm, sich von Gott abzuwenden, die anderen wollen Hiob davon überzeugen, dass er doch irgendwo einen schwarzen Fleck auf der Weste hat. Davon aber will Hiob nichts wissen, er fühlt sich nicht schuldig, er hält an seinem überlieferten Glauben fest: Gott ist allmächtig, wenn ich gut und anständig bin, fromm, dann geht es mir auch gut. Hiob hat viele Fragen. Als Gott ihm antwortet und zu verstehen gibt, dass er der allmächtige Schöpfergott einer gerechten Weltordnung ist und Hiob nicht der Nabel der Welt, sondern nur Teil der Welt ist, legt Hiob seine Hand vor den Mund. Es reicht mit dem Klagen. Er versteht, dass Gott viel größer ist, als er es sich auch nur ansatzweise vorstellen kann.

Move 4 Hiob sieht und versteht

Nun räumt er ein, dass er nicht die nötige Erkenntnis hatte, um die Handlungen Gottes zu verstehen. Er bittet aber darum, dass Gott ihm weitere Einsichten schenkt. „So höre nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!“ Hiob will nicht in seinem Nicht-wissen verharren, sondern fühlt sich durch Gottes Rede ermutigt, weiter nachzufragen. Und dann folgt der Satz, der das Schauen, die Erkenntnis Hiobs noch einmal verdeutlicht: „Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.“

Genau genommen war es die Stimme Gottes, die Hiob im Sturm wahrgenommen hat, aber diese Stimme lässt ihm sozusagen die Augen aufgehen. Er erkennt in all seinem Ringen, seiner Klage, dass Gott hinter allem Geschehen steht. Gott, der Hiob oft unbegreiflich ist, der ihn aber nie fallen gelassen hat, egal, was geschieht. Im Gegenteil: Gott erkennt die Klagen Hiobs als richtig an, er sieht in ihnen, dass Hiob aufrichtig ist und recht geredet hat. Die Freunde Hiobs dagegen weist er zurecht.

Liebe Gemeinde, es ist nicht einfach, Gott zu verstehen. Jede und jeder von uns hat sein Päckchen zu tragen, Schicksalsschläge erlebt, unbegreifliche Dinge aushalten müssen. Ich weiß nicht, wie sich Eure Gottesbeziehung in diesen Krisen gestaltet hat. Ihr habt mit Sicherheit Gott anders erlebt, als in den Zeiten, in denen es euch gut ging. Auch Hiob wird durch sein Leiden ganz anders zum Nachdenken über Gott und die Welt angeregt. In guten Zeiten sind wir immer in Gefahr, alles als selbstverständlich hinzunehmen. Erst wenn wir krank sind, spüren wir, wie wertvoll unsere Gesundheit ist. Erst wenn wir in der Fremde sind, spüren wir, was Heimat heißt. 

Das Hiob Buch erzählt nicht vom Sinn und Zweck des Leidens, nicht ob Leiden eine Strafe oder Prüfung sein kann, es bietet keine Lösung des Problems des ungerechtfertigten Leidens, es erzählt aber, wie ein Mensch mit seinem Leiden umgehen kann. Und es spiegelt all die Phasen wider, die es im Umgang mit Leiden und Trauer gibt. Die alle ihre Berechtigung haben. Stumm werden, klagen und zornig werden, Schuldige und Verantwortliche suchen, sich ergeben, es ist wie es ist, der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen. Der Name des Herrn sei gelobt.

Gott hat sich Hiob offenbart. Aus dem Wettersturm heraus. Hiob hat Gott gesehen, und damit zeigt sich für mich die Verbindung, die zwischen Hiob und Weihnachten besteht. An Weihnachten offenbart sich Gott uns allen. Wir sehen das Jesuskind in der Krippe liegen. Das Schauen Gottes geschieht aber im Inneren, im Verborgenen des Menschen.  

Wenn der kleine Prinz im Buch von Antoine de Saint Exupery sagt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, dann ist genau das gemeint, was zu Weihnachten im Mittelpunkt steht. Der große, unbegreifliche und unsichtbare Gott, von dem es heißt, dass ihn keiner sehen kann,  findet einen Weg, sich den Menschen zu offenbaren. Gott lässt die Menschen zu Sehenden werden, indem er sich klein macht und sich den Menschen in einem Kind, in seinem Sohn zeigt. In der Gestalt Jesu sieht der Mensch Gott in seiner ganzen Fülle. Ganz wunderbar hat es Paul Gerhardt in seinem Weihnachtslied (EG 37,4) gedichtet:

Ich sehe dich mit Freuden an

und kann mich nicht satt sehen;

und weil ich nun nichts weiter kann,

bleib ich anbetend stehen.

O dass mein Sinn ein Abgrund wär

und meine Seel ein weites Meer,

dass ich dich möchte fassen!

Move 5 Alle an der Krippe – zu schauen

Liebe Gemeinde, die Freude, die sich an Weihnachten einstellt, kommt von Jesus her. Es ist und bleibt dabei: Jede und jeder ist an die Krippe eingeladen. Schon fröhliche, traurige, leidende, ängstliche, Zweifelnde. Gerade dort ist der Platz, an dem Gott sich offenbart.

Auch wir Erwachsenen können zu Staunenden werden über diese Liebe Gottes, mit der er sich auf die Seite derer stellt, mit denen es das Leben nicht gut gemeint hat.

Mit all unseren Fragen dürfen wir da stehen. Wie ist es mit Euch? Schaut ihr noch nach dem Kind in der Krippe? Nehmt ihr in Jesus noch den allmächtigen Gott wahr? Im Kind, das uns aus der Krippe heraus anlächelt und damit sagt: „Ich bin auch für dich gekommen, du bist mein geliebtes Kind. Wenn dir das Leben zu schwer wird, darfst du klagen und zweifeln, aber du sollst nicht verzweifeln. Schau auf mich, und du siehst den menschgewordenen Gott, der dich liebt.“ Lächeln wir zurück, schauen und erkennen?

Hiob hat Gott geschaut, und Gott hat mit ihm geredet. Er hat ihm keine fertigen Antworten geliefert und auch keine gut gemeinten Ratschläge. Gott zeigt ihm viel mehr sein göttliches Tun, er blättert es vor ihm auf, lässt Hiob in Ruhe sehen und erkennen. Damit schenkt er Hiob die Möglichkeit, sich selber umzuschauen, hinzuschauen, den Blick zu heben und für sich selbst Erkenntnisse zu gewinnen.

Hiob ist damit zufrieden.

Gott hat sich ihm zugewandt, er lässt ihn nicht im Stich. Sitzt Hiob auch noch in Staub und Asche, er wird sich daraus erheben. Den erlernten Gott der Väter hat er verloren, aber er hat einen anderen Gott gefunden, den Schöpfer-gott und Erhalter allen Lebens, den lebendigen Gott, den Gesprächspartner, den Freund, zu dem er all das sagen konnte, was in ihm vor sich ging, was er an Fragen und Zweifeln und Verzweiflung auf dem Herzen und im Sinn hatte.

Zu dem Jesus später zärtlich sagen wird: Abba- mein Vater.


Amen


 


Drucken   E-Mail