2019-12-31 - Silvester - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

(Predigt Hebräer 13,8-9b)


„Meine Zeit steht in Deinen Händen“. So heißt es in der Bibel. Je älter wir werden, umso wertvoller wird sie für uns. Ich mag es nicht, einfach so ins neue Jahr hineinzustolpern. Quality time… hier im Gottesdienst.

Am Ende des alten und an der Schwelle des neuen Jahres stehen wir heute. Jahreswechsel. Immer eine besondere Zeit im Jahr. Von Weihnachten kommen wir her und da sind die Emotionen hoch. Ich glaube, viele von uns sind in diesen Tagen auch sensibler als sonst. Und heute, an Silvester wird uns deutlich: es ist schon wieder ein Jahr vergangen!

Was hat es gebracht? Was in der Welt und in den Medien vielleicht wichtig war, können wir in den Jahresrückblicken in Zeitung und Fernsehen sehen. Was uns persönlich wichtig war, können wir nur selber wissen und auch beurteilen. Was waren die Höhepunkte des vergangenen Jahres, Tage und Momente, die so schön und berührend waren, dass wir sie in bleibender Erinnerung behalten wollen? Und was waren die schweren Momente, die Tiefpunkte des vergangenen Jahres, die so belastend und verstörend waren, dass wir uns unweigerlich an sie erinnern werden und sie mit uns mit tragen? Die wir leider nicht los werden, nur weil ein neues Jahr und ein neues Jahrzehnt anbricht. Was war für uns persönlich wichtig an den vielen Ereignissen in der Welt? Was hat uns da besonders berührt? Wo haben wir versucht, noch mehr zu erfahren, weiter zu fragen als das, was uns in den Nachrichten präsentiert wird? Wofür haben wir uns engagiert, wo haben wir versucht, etwas zu verändern oder zu helfen? Und wie viele Tage, Stunden und Momente dieses Jahres sind einfach so vergangen, ohne dass wir uns noch an sie erinnern können, verflossen mit dem Strom der Zeit?

Ja, liebe Gemeinde, wo ist die Zeit geblieben? Am Ende dieses Jahres schauen wir zurück auf das, was war. Und schauen voraus auf das, was kommt.

Im Fließen und Vergehen der Zeit, in unserer schnellen Welt voller Möglichkeiten und Gefahren, in allen Veränderungen halten wir inne und fragen: Was gibt uns Halt? Was bleibt und hat Bestand? Worauf können wir unsere Hoffnung und unser Vertrauen gründen?

Liebe Gemeinde, es gibt Dinge, die kann ich mir nicht selbst sagen. Ich kann mir gute Vorsätze fürs neue Jahr geben. Ja. Und das ist sicher auch sinnvoll. Hoffnung und Vertrauen, das wird uns aber zum Glück geschenkt. Das, was in allen Veränderungen des Lebens bleibt, von außen zugesagt. Heute in unseren kurzen Zeilen des Predigttextes aus dem 13. Kapitel des Hebräerbriefes.

Lesung: Hebräer 13,8b.9

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.

Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.

Liebe Gemeinde, manches muss einfach feststehen. So fest, dass wir uns daran halten können gestern, heute und in alle Ewigkeit. Das wusste auch der Verfasser des Hebräerbriefes. Alle Zeiten sind ja bewegt, mehr oder weniger. In der Welt und privat auch. Kaum etwas bleibt oder steht fest für alle Zeit. Auch was so sicher aussieht, als sei es in Stein gemeißelt, kann schnell verwittern oder zerfallen. Gestern meinten wir noch, etwas sei für ewig, heute haben wir daran großen Zweifel. Wer genau hinsieht auf das vergangene Jahr, erkennt viele Abbrüche oder Umbrüche.

Motivationstrainer sagen: Dummerweise gibt es einen Konstruktionsfehler in unserem Gehirn – wir erinnern uns an das Schlechte, an das Misslungene, an das Schmerzhafte.

Und dabei verlieren wir die Energie, die Freude für die Zukunft. Eine Lähmung setzt ein. Und der Rat, der Tipp der Motivationstrainer lautet: Erinnere dich an das Schöne. Denke mal darüber nach, was dich gefreut hat.

Was schief läuft, wo man einen Fehler gemacht hat, wo andere einem Unrecht getan haben, das bleibt einem ja wirklich länger im Gedächtnis. Aber die gute Nachricht: Gott legt uns darauf nicht fest. Seine Menschenliebe und Freundlichkeit hat sich an Weihnachten offenbart. Ist zur Welt gekommen. In unsere Welt gekommen.

Ich habe diese Pyramide aus dem Erzgebirge mitgebracht. (Kerzen anzünden) Erbstück meiner Oma. Ich schätze sie in der Weihnachtszeit. Betrachte die Figuren und verfolge ihre Bewegungen. Wer und was sich da alles auf den verschiedenen Scheiben und Ebenen dreht: die Hirten, die Könige und die Schafe. Und was steht fest ist die Mitte, das Gehäuse, der Turm, in dem die Figuren sich bewegen, und Maria und Josef mit dem Kind in der Krippe.

Was ist in meinem Leben in Bewegung und was ist stabil?
Und sogleich merke ich, wie viel mir einfällt von Begegnungen in diesem Jahr und wie viele Gefühle in mir aufsteigen. Was dreht sich alles, und was sorgt für Beständigkeit?

Ein Blick in die Physik lohnt dabei: Die Zentrifugalkräfte, die Fliehkräfte auf der Scheibe ziehen die Gegenstände nach außen. Wenn sie nicht festgeklebt wären. Die Zentripetalkräfte halten die Gegenstände auf der Scheibe.

Je weiter ich an den Rand der Scheibe gerate, desto größer werden die Fliehkräfte. Je näher ich an der Mitte bin, desto größer werden die Kräfte, die mich halten und mir Standsicherheit verleihen.

Der Hebräerbrief setzt bei allem Wandel, bei allen Veränderungen, bei allem Scheitern und Gelingen, bei allen Fragen auf Kontinuität und Beständigkeit: Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Dieser Satz ist ein Bekenntnis, ein Fels in der Brandung, treue Begleitung durch alle Zeiten hindurch.
Der Schreiber des Hebräerbriefes versucht, seine Gemeinde zu trösten. Ja, die Welt ändert sich und mit ihr auch wir, unsere Werte, unsere Lebensweise. Es mag manchmal auch schwer sein, sich nicht von dem tragenden Grund in Jesus Christus wegreißen zu lassen. Das weiß der Briefschreiber des Hebräerbriefes. Er spricht von »verschiedenartigen und fremden Lehren«, die bereits Ende des 1. Jhs n. Chr. die Christen von Christus fortzureißen drohten. Hier handelt es sich konkret um bestimmte Speisevorschriften. “es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade und nicht durch Speisegebote, von denen keinen Nutzen haben, die danach leben. Demgegenüber hält unser Predigttext fest: Solche Regeln haben für Christinnen und Christen um Jesu Christi willen keine Geltung mehr. Ein Christ, eine Christin »muss« nämlich diesbezüglich gar nichts. Vielmehr: Wenn er oder sie sich an Christus orientiert, an seinem unwandelbaren Beispiel, an seiner beständigen Heilstat, dann wird er und wird sie vieles tun in der Liebe zu Christus und zu seinen und ihren Schwestern und Brüdern und Gottes ganzer Schöpfung.

Aus Liebe, aus freien Stücken, weil er und sie erfüllt ist von Gottes Liebe, die in Jesus Christus erschienen und bleibend unter uns ist. Das ist Gnade, das ist Glaube, den Gott schenkt.

Und dieser Glaube, diese Gnade machen das Herz fest. Das Herz ist hier gemeint als das Zentrum des Menschen, als Ort des Mitgefühls und des Glaubens. Ein festes Herz– nicht zu verwechseln mit einem harten Herzen. Ein festes Herz ist eines, das den vielen Einflüssen und Stimmen auch unserer Zeit standhält, die versuchen, uns vom tragenden Grund Jesus Christus fortzureißen. Etwa die Stimme, dass jeder seines Glückes Schmied sei und alles erreichen könne, wenn er oder sie nur wolle, oder die Stimme, die uns glauben machen will, Konsum und Besitz könnten uns Glück verschaffen, oder die Stimme, die uns einredet, wir dürften über andere Menschen Richter spielen aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft oder Religion oder Bildung oder sexuellen Neigung.

Ein festes Herz hört nicht auf diese oft verführerischen Stimmen. Es hält sich fest an Jesus Christus. Und es wird in dieser Weise ganz offen, weil es alle vermeintlichen Sicherheiten fahren lässt. Es vertraut sich ganz und gar Gott an und der Richtung, in die er uns führt. Dass das kein Irrweg wird und kein Weg ins Ungewisse, dafür steht Jesus Christus ein. Gestern und heute und in Ewigkeit.

Wir stehen auf der Schwelle, wir verlassen das alte und betreten ein neues Jahr.

Auf der Schwelle innehalten heißt, überlegen, wo möchte ich stehen? Liebe Gemeinde, in der Mitte der Pyramide stehen, bei Jesus Christus, das ist ein guter Platz im neuen Jahr. Was es bringen wird, für uns persönlich, für unsere Gemeinde, für unser Land, für die Welt – das wissen wir nicht. In aller Ungewissheit, in allen Fragen und vielleicht auch Sorgen haben wir, die wir an Christus glauben, einen tragenden Grund: Jesus Christus. Er hat uns im alten Jahr getragen und gehalten. Er ist auch im neuen Jahr an unserer Seite, als Vorbild, als Bruder, als Heiland. Er lebt und wirkt. Mit ihm, der derselbe bleibt, gehen wir ins neue Jahr. In ihm wird unser Herz ruhig und fest. An ihm richten wir uns aus in unserem Tun und Hoffen.

Und wenn wir trotzdem manchmal müde und mutlos sind im neuen Jahr? Dann dürfen wir darauf vertrauen, dass Christus für uns eintritt und nicht locker lässt. Das ist die Gnade, die unser Herz fest macht. Gestern wie heute und in Ewigkeit.


Amen.


 

 


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