2020-01-26 - 3. Sonntag nach Epiphanias - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

(Predigt zu Apostelgeschichte 10,21-35)


 

Thema der Predigt: Gottes grenzenlose Liebe

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Dem Predigttext aus der Apg geht folgendes voraus: ein Mann in der Hafenstadt Cäsarea mit Namen Kornelius, ein Hauptmann der römischen Kohorte, der etwa 100 Soldaten unter sich hatte, war ein gottesfürchtiger und wohltätiger Mann. Ein Engel erschien im und beauftragte ihn, er solle Männer nach Joppe schicken, um Simon Petrus holen zu lassen.

Simon Petrus saß unterdessen auf einem Dach in Joppe, um zu beten. Auch er hatte eine Vision, die er aber nicht verstand. Er hatte Hunger, der Himmel öffnete sich und es kam ein Gefäß herunter wie ein großes leinenes Tuch. Darin allerlei vierfüßige und kriechende Tiere der Erde und Vögel des Himmels. Und eine Stimme sagte zu ihm: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! Petrus aber sagte: O nein, Herr; denn ich habe noch nie etwas Gemeines und Unreines gegessen. Und die Stimme sprach wieder zu ihm: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht unrein. Und es geschah dreimal; und das Gefäß wurde wieder hinaufgenommen gen Himmel. Und während Petrus über diese Erscheinung nachdachte, kamen die Männer, vom Hauptmann Kornelius geschickt und fragten nach ihm.

Hier setzt nun unser Predigttext ein. Kap. 10,21-35

Vorlesen

Liebe Gemeinde, ich bin mir sicher, das hätte Petrus nicht für möglich gehalten. Dass er sich von einem Nichtjuden einladen lässt? Undenkbar.  Dass er das Haus eines römischen Hauptmanns betritt? Niemals! Dass Gott seinen Geist auf einen Heiden ausgießen würde? Völlig ausgeschlossen! Doch genau das erlebt Petrus. Dadurch macht er eine unglaubliche Entdeckung.

Petrus war bis zu diesem Tag überzeugt: Das Evangelium ist für die Juden bestimmt. Für alle, die durch ihre Geburt zu Gottes auserwähltem Volk Israel gehören. Allein zu ihnen ist Jesus gekommen, und Petrus trägt seine Botschaft weiter. Als sein Apostel und Missionar.

Dabei fühlt sich Petrus weiterhin den jüdischen Traditionen verpflichtet. Er bleibt auch als Christ durch und durch Jude.

Deshalb staunt er nicht schlecht, als eines Tages ein römischer Soldat und zwei Knechte nach ihm fragen. Menschen also, mit denen Petrus sonst keinen Kontakt hat.

Petrus hat ein klares Bild von Juden und Nichtjuden. Die einen sind die Guten. Rein und heilig. Die anderen sind „gemein und unrein.“ (V. 28), wie Luther übersetzt. Das heißt: Menschen, die von frommen Juden wie ihm als schmutzig, unsauber und lasterhaft angesehen werden. Warum? Weil in seinen Augen Gott selbst Menschen nach Geburt und Herkunft unterscheidet. Petrus ist überzeugt: Gott sieht die Person an. Er teilt sie in verschiedene Kategorien. Juden und Nichtjuden. Ganz einfach. Zwischen beiden verläuft eine Grenze. Die man nicht überwinden kann. Und deshalb ist das, was an diesem Tag geschieht, für Petrus eigentlich unvorstellbar.

Da kommen 3 Abgesandte vom Hauptmann Kornelius mit folgender Botschaft: „Der Hauptmann hat uns aufgetragen, dich in sein Haus nach Cäsarea zu holen. Er möchte mit dir reden. Er will hören, was du zu sagen hast.“ Normalerweise wäre an dieser Stelle das Gespräch bereits zu Ende, bevor es begonnen hat. Denn Petrus will mit diesen Leuten nichts zu tun haben. Es sind Menschen jenseits der Grenze. Sich mit ihnen abzugeben ist reine Zeitverschwendung. Allein wäre er nie auf die Idee gekommen, mit den dreien zu gehen. Deshalb muss Gott selbst Petrus vorher einen Tipp geben. „Siehe, drei Männer suchen dich“ (V. 19). „Geh mit ihnen und zweifle nicht, denn ich habe sie gesandt.“ (V. 20) So ist es verständlich, dass Petrus die drei gastfreundlich aufnimmt und sich am folgenden Tag mit ihnen auf den Weg nach Cäsarea macht.

Dort kommt es zu einer Begegnung, die nicht nur im Leben von Petrus einen Wendepunkt darstellt, sondern in der jungen Kirche überhaupt. Petrus begegnet in Kornelius einem Römer. Also einem, der nach seinem Verständnis jenseits der Grenze lebt. Hinter den Schranken. Den Gott wegen seiner Herkunft nicht zu den Seinen zählt. Doch Kornelius berichtet Petrus von der Erscheinung, die er zuvor hatte. Dass Gott seine Gebete und Spenden angenommen hat und er Petrus holen lassen soll.  Und während Kornelius ihm das erzählt, fällt es Petrus wie Schuppen von den Augen. Er merkt: Hier sitzt ein Heide vor mir, der von Gott angesprochen wird. Der von Gott angenommen ist. Der nach dem Evangelium fragt. Der einer von uns ist. So geschieht etwas später das, was Petrus niemals für möglich gehalten hätte. Als Petrus ihm das Evangelium predigt, fällt „der Heilige Geist auf alle, die dem Wort zuhörten“ (V. 44). Sie fangen an in Zungen zu reden, am Ende lassen sich Kornelius und alle im Haus „taufen in dem Namen Jesu Christi“ (V. 48).

Für Petrus ist das etwas völlig Neues. Dabei begreift Petrus etwas Grundlegendes über Gott und die Menschen. „Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht“, heißt es in Vers 34. Petrus lernt: Die Schranken fallen. Das Evangelium kennt keine Grenzen. Gottes Liebe ist grenzenlos. Gottes Geist weht, wo er will. Zwischen Juden und Heiden wird kein Unterschied gemacht. Alle Menschen sind vor Gott gleich. Entscheidend ist nicht mehr die Geburt, sondern meine persönliche Haltung. Nicht meine Herkunft, sondern mein Glaube. Später wird er Mühe haben, die Jerusalemer Gemeinde zu Hause davon zu überzeugen. Aber am Ende werden sie ihm zustimmen. Dann darf sich Paulus auf den Weg machen. Mit dem Jerusalemer Segen auch die Heiden missionieren. Das Evangelium in die ganze Welt hinaustragen.

Heute, liebe Gemeinde, klingt das alles fast unwirklich. Denn für uns ist das mittlerweile selbstverständlich. Auch weil viele Texte aus dem Neuen Testament diesen Wendepunkt längst voraussetzen. Wie die Geschichte vom Hauptmann von Kapernaum, die wir im Evangelium gehört haben. Aber damals war das einer der entscheidenden Momente. Eine Grenzöffnung der besonderen Art.

Dabei ist an Petrus zu spüren, wie sehr er selbst mit sich und mit dem neuen Weg zu kämpfen hat. Ich kann es irgendwie verstehen, denn ich weiß, wie schwierig es oft ist, Schranken fallen zu lassen, hergebrachte Traditionen und Überzeugungen abzulegen, mit denen ich aufgewachsen bin. Auch – und vielleicht gerade – in der Kirche.

Da reicht es, allein die letzten Jahrzehnte zu erinnern. Wie viele Schranken sind in dieser Zeit gefallen?! Ich denke an die Ordination von Frauen. An die Einführung von modernen Kirchenliedern. An neue Gottesdienstformen. An das Abendmahl für Kinder. Ich bin mir sicher: Vor 100 Jahren hätte all das kaum eine oder einer für möglich gehalten.

Ich denke auch an die Ökumenische Bewegung. Immer wieder zum Glück werden Schritte aufeinander zu unternommen, immer wieder gibt es auch Rückschläge, aber immer wieder wird es probiert, eine versöhnte Verschiedenheit zu leben. In gemeinsamen Gottesdiensten, im Pfarrgebetskreis. Das ist gut so. Das Evangelium kennt keine Grenzen. Gott ist unparteiisch. Seine Liebe kennt keine Schranken. Sein Geist weht, wo er will.

Trotzdem gibt es aber bis heute auch reichlich Schranken. Grenzen zwischen Kirchen, Konfessionen und Gemeinden. Aber auch Grenzen, die sich manchmal mitten durch die Gemeinde ziehen. Durch Hauskreise und Gruppen. Durch Hausgemeinschaften und Familien. Zwischen Alten und Jungen. Liberalen und Konservativen. Zwischen denen, die Neues wagen und denen, die Traditionelles bewahren wollen. All diese Gruppen sind unglaublich wichtig für unsere Gemeinden. Aber wenn eine Grenze beide trennt, dann wird es schwer, miteinander weiterzugehen.

Petrus zeigt uns einen Weg, wie es gelingen kann, Schranken fallen zu lassen und Grenzen zu überwinden. Alles beginnt damit, dass Petrus sich ansprechen und einladen lässt. Damit zeigt er sich grundsätzlich offen für eine neue Erfahrung. Zwar skeptisch, aber er macht sich auf den Weg. Er verlässt seinen Standort in Joppe. Zugleich verlässt er damit auch seinen Standpunkt. Wenigstens auf Zeit. Petrus bewegt sich auf die anderen zu. Kommt ihnen entgegen. Und ermöglicht erst dadurch den wohl wichtigsten Moment: die persönliche Begegnung. Miteinander Reden ist einmal mehr der Schlüssel zum Erfolg. Schranken fallen nicht im Kämmerlein, sondern im persönlichen Begegnen, im Kennenlernen und miteinander Reden. Ich vermute, die allermeisten Schranken und Grenzen im Großen wie im Kleinen bestehen deshalb, weil viel zu viel über- und viel zu wenig miteinander geredet wird. Weil ich die oder den gar nicht wirklich kenne, gegen den oder die ich Vorbehalte habe. Nur in der persönlichen Begegnung wächst die Bereitschaft, sich selbst und den eigenen Standpunkt zu verändern, öffnen sich Grenzen, fallen Schranken.

Darin wird Petrus zum Vorbild und Wegweiser. Ich lasse mich einladen. Mache mich auf den Weg. Suche die persönliche Begegnung. Lasse mich verändern.

Natürlich geht das nicht immer gut. Manchmal verhärten sich Grenzen auch. Offen zu sein heißt nicht, alles und jedes gut heißen. Manchmal muss ich auch klare Grenzen ziehen. Wenn der Hauptmann Kornelius Petrus mit irgendwelchen abstrusen Ideen und Forderungen gekommen wäre, hätte Petrus sicher anders über ihn geurteilt. Hätte er sich gar nicht erst auf die Begegnung eingelassen, hätte sich selbst um eine der wichtigsten und schönsten Erkenntnisse seines Lebens gebracht: Die Botschaft von Epiphanias, die Petrus bis dahin nicht für möglich gehalten hat. Von der grenzenlose Liebe Gottes. Von Schranken, die fallen. Und einem Evangelium, das keine Grenzen kennt.


Amen


 


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