2020-02-09 - 3. So. vor Passionszeit - Septuagesimae - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

(Predigt Matthäus 20,1-16)


Liebe Mitarbeiterinnen, liebe Mitarbeiter, liebe Gemeinde, heute feiern wir ein Dankfest, weil wir Gott und weil wir euch danken möchten für Eure Hilfe.In der Kirchengemeinde mitzuwirken, das ist zuweilen harte Arbeit und viele von Euch investieren viel Zeit. Wir alle tun es aber, um an Gottes Reich mitzubauen.. Aber woran bauen wir da eigentlich? Ich denke, das ist ein wunderbares Thema für heute. Gottes Reich… wie geht es da zu?

Eines ist klar: Gottes Reich unterscheidet sich absolut von unserer Wirklichkeit. Und weil das so ist, können wir es uns so schwer vorstellen. Jesus erzählt Gleichnisse, um Gottes Reich zu erklären, das unfassbare irgendwie fassbar zu machen.

Und die Kunst Jesu bestand darin, dass er Bilder aus der Alltagswelt der Menschen nutzte. Sie spielen in der Welt der Landwirtschaft. Denn das ist die Realität der meisten Menschen damals.

Unser Gleichnis aus dem Predigttext spielt in Israel zur Zeit der Traubenernte. Hört selbst nun, was an diesem Morgen an einem jener Erntetage geschieht.

Bibeltext aus der „Bibel in gerechter Sprache“

Liebe Gemeinde, es ist kurz vor Sonnenaufgang, als der Weinbergesitzer auf den Marktplatz geht, man könnte sagen, das Arbeitsamt der Antike. Dort stehen viele Tagelöhner, Menschen, die auf der untersten Stufe der Gesellschaft stehen. Sie haben kein festes Einkommen. Tag für Tag stehen sie auf dem Platz, in der brütenden Sonne, zuhause Frau und Kinder, vielleicht in einer Wellblechhütte am Stadtrand, die am Abend warten, dass der Vater mit etwas zu essen zurückkommt… oder auch nicht.

Natürlich kommt mir gleich das Bild unserer Kreuzungen in den Sinn. Tag für Tag stehen die Menschen da, weil sie auf Arbeit warten. Schrecklich, wenn man nicht gebraucht wird. Wie viele von ihnen werden abends ohne Lohn nach Hause gehen. Enttäuschte Gesichter und hungrige Mägen.

Wenn man sich die Gesellschaft damals anschaut: Selbst die Sklaven hatten es besser als diese Tagelöhner. Warum? Weil jemand sie besaß und dieser Mensch natürlich für sein Eigentum sorgte, weil er wollte, dass der Sklave lange lebte und ihm lange dienen konnte. Nicht so der Tagelöhner. Um ihn kümmerte sich NIEMAND.

Der Weinbergbesitzer ist an diesem Tag sehr früh da und er muss gut kalkulieren, wieviele Arbeiter er mit nimmt. Er will ja keinen Verlust am Ende des Tages haben. Also nimmt der Weinbergbesitzer erst einmal einige Tagelöhner mit, um zu schauen, wie schnell sie arbeiten. Er vereinbart einen Denar mit ihnen, was zu damaliger Zeit ein guter Preis war für einen Tag Arbeit.

Noch weitere 4 mal kommt der Weinbergbesitzer, sogar zur 11. Stunde, etwa um 17 Uhr. Wenn man annimmt, dass der Fußweg zum Weinberg etwas 25 min. gedauert hat, war der Taglöhner noch eine halbe Stunde im Weinberg, um zu arbeiten. Während die anderen seit Sonnenaufgang am Werk waren. Seit etwa 12 Stunden in der brütenden Hitze.

Dann ist das Tagwerk beendet. Es kommt zur Abrechnung. Die letzten sollen zuerst vortreten und sie können es nicht fassen. Ja, sie hatten mit einem kleinen Anteil gerechnet. Aber dass sie den vollen Denar bekommen? Sie sind fassungslos, dass ihnen so viel Gutes widerfährt. So, liebe Gemeinde ist es in Gottes Reich. Gottes Güte ist unfassbar groß.

Alle treten sie nacheinander vor und bekommen ihren Lohn. Dann kommen die zuerst angefangen haben. Sie bekommen auch einen Denar. Was für eine Enttäuschung. Ich stelle mir vor, sie stehen da und starren die Münze an und können es nicht fassen. Und wir erkennen: ja, auch das ist Gottes Reich. Wir können Gott nicht berechnen, nicht verstehen. Dinge passieren, die wir einfach nicht begreifen können. Unglaublich.

Natürlich wird nun gemurrt. „Diese letzten da haben eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleich gemacht, die wir doch die Last des Tages und die Hitze aushalten mussten.!

Ich kann sie verstehen. Gleicher Lohn für mehr Arbeit? Natürlich sollen die, die mehr arbeiten, mehr Dank und in dem Fall auch Geld bekommen.

Der Weinbergbesitzer könnte sagen: haut ab. Tut er aber nicht. Er nimmt sie ernst, hört sich ihre Klagen an. Er erklärt sein Handeln. Das müsste er nicht. Er sagt zu einem von ihnen:

›Mein Lieber, ich tue dir kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart?

Ja, das stimmt. Er hatte das mit ihm vereinbart. Er tut ihm kein Unrecht. Er bekommt, was abgesprochen war. Geld für seine Leistung.

14 Nimm, was dir gehört, und geh! Ich will nämlich diesem letzten dasselbe geben wie dir. 15Oder ist es etwa nicht erlaubt, mit meinem Eigentum zu machen, was ich will? Bist du etwa neidisch, weil ich gütig bin?

Ich will es mit meinen Worten noch einmal ausdrücken: mein Freund. Ich höre, was du sagst. Aber ich nehme dir doch nichts weg. Du bekommst, was wir abgesprochen haben, Geld für deine Leistung. Aber hör mir zu: mit tun die anderen Tagelöhner leid, die den ganzen Tag in der Hitze gestanden und auf dem Marktplatz gewartet haben und die genauso arm dran sind wie du. Ich möchte ihnen das Gleiche geben wie dir. Das darf ich doch. Ich kann doch mit meinem Geld machen, was ich will. Ich möchte, dass sie ihre Familie ernähren können. Würdest du Dir das nicht auch wünschen, wenn Du in ihrer Lage wärst. Kannst Du das nicht verstehen? Bist du wirklich neidisch, weil ich zu den anderen gut bin?

Liebe Gemeinde, warum tun wir uns so schwer, dem anderen etwas zu gönnen? Uns mitzufreuen, wenn jemand anderem Gutes widerfährt? Dass das so ist, das zeigt mir allein das Gebot:

Du sollst nicht das begehren, haben wollen, was Dein Nächster hat. Und es steht nicht ohne Grund in den 10 Geboten, den Angeboten zum guten Leben. Denn Neid zerfrisst einen.

„Bist du etwa neidisch, weil ich gütig bin?“ Das ist die Frage, mit der das Gleichnis endet. Die Frage, die jede und jeder von uns sich selbst stellen muss…

Gottes Güte ist unendlich groß und unverdient. Wir können sie uns nicht erarbeiten. Sondern annehmen und staunen.

Gottes Reich… an dem bauen wir miteinander. Und dennoch ist unsere Kirche immer nur ein kleines Abbild dessen. Gottes Güte wird durch uns sichtbar. Das ist eine Feststellung und eine Herausforderung und Mahnung für jede und jeden von uns. Wir gehen mit Menschen anders um, als es in der Leistungsgesellschaft um uns herum viel zu oft der Fall ist. Alle sind willkommen. Alle sind gleich viel wert.

Hier ist der Ort, um Danke zu sagen, Dank zu bekommen. Und uns mitzufreuen. Eine Oase, um aufzutanken und sich stärken zu lassen. Ich bin froh, mit euch zusammen eine Arbeiterin in Gottes Weinberg zu sein und in und an seinem Reich mit zu bauen. Amen


 


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