2020-03-22 - 4. So. id Passionszeit - Laetare - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

(Predigt zu Jesaja 66,10-14)


Thema: Mein Gottesbild von Gott dem Vater wird durch das Bild von Gott als tröstender Mutter ergänzt und somit soviel reicher

Move 1: Ein unglaublich reiches Gottesbild

Gott der Herr ist Sonne und Schild; der Herr gibt Gnade und Ehre. Amen

Worte aus Psalm 84, den wir zu Beginn gebetet haben. Dieser Psalm ist ein Lied, das anlässlich einer Pilgerreise zum Tempel in Jerusalem gedichtet worden ist.

Gern möchte der Pilger das Gotteshaus in Jerusalem sehen. Er sehnt sich danach. Die Vorfreude auf das Ziel lässt ihn sagen: Mein Leib und meine Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.

Zuvor steht jedoch die beschwerliche Reise mit allen Anstrengungen und Gefahren. Der Pilger bezeichnet sie als dürres Tal. Aber die Hoffnung, an ein Ziel gelangen zu können, macht selbst den schwersten Weg zu einem Quellort. Aus Schwachheit wird Kraft, aus Mühsal wird Jubel und aus Not Freude. Die Hoffnung auf ein Ziel beflügelt auf dem Weg.

Am Ziel angekommen reicht es dem Pilger, bis an die Schwelle des Gotteshauses zu gelangen. Und was er am Ziel erlebt wird, prägt dann auch seinen Rückweg. Gott ist dem Pilger Sonne und Schild. Geborgenheit in der Gefahr der Anfechtung.

Soweit der Psalm. Was der Pilger erlebt, lässt mich zu der Frage kommen: Wie erlebt ihr Gott?

In der Bibel steht: Du sollst Dir kein Bild von Gott machen

Und doch ist die Bibel ist voll davon. Wir brauchen diese Bilder. Nicht um zu sagen: genau so und nicht anders ist Gott. Denn Gott ist viel mehr. Größer als alle meine Gedanken. Aber ein Bild hilft mir, Gott zu spüren.

Gerade jetzt. Viele von Euch haben nun mehr Zeit als sonst. Andere gerade nicht, weil so vieles drunter und drüber geht. Bei der Arbeit. In der Familie, bei der Kinderbetreuung.

Und doch ist uns allen gemeinsam: wir brauchen Gott in dieser unsicheren Zeit. Ein Wort der Hoffnung, ein Bild, das uns tröstet. Wirklich tröstet.

Der Predigttext bietet uns solch ein Bild

Ich lese Jesaja 66,10-14:


10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.

11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.

12 Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen.

13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

14 Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden


Move 2 Freut euch

Freut euch mit Jerusalem, seid fröhlich über die Stadt. Freuet euch mit ihr, erfreut euch, euer Herz wird sich freuen.

Freude, überschwängliche Freude in diesen 5 Versen. Sie mag gerade nicht in unser Stimmungsbild passen, aber daher feiern wir heute zusammen Gottesdienst. Ihr dürft euch an die Freude erinnern lassen. Heute am Sonntag Lätare.

Freut euch!

Das sagt der Prophet all den Enttäuschten damals zu.

Move 3: Gott ein Gott der Überraschungen …

Ich nehme mal an, den meisten von uns ist Gott eher als Vaterfigur vertraut und in der Bibel wird Gott meist als Vater geschildert. Aber Gott ist ja viel größer, als wir es uns vorstellen können. Jesaja gebraucht auch weibliche Bilder, um Gott zu beschreiben.

Er sagt:

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Der Satz ist über 2.500 Jahre alt.

Das Buch des Propheten Jesaja ist eigentlich eines aus drei Propheten: Der erste Jesaja hat im 8. Jahrhundert die Kapitel 1 bis 39 geschrieben, der zweite Jesaja, auch Deuterojesaja genannt, hat rund zweihundert Jahre später geschrieben, seine Zuhörer sind die nach Babylon ins Exil verschleppten Juden. 

Der Predigttext heute aus dem 66. Kapitel wird dem dritten Jesaja, Tritojesaja, zugeschrieben, er schreibt zwischen 521 und 510 vor Christus an die aus dem Exil heimgekehrten Juden. 

Heim kommen, das hört sich gut an. Aber der Tempel in Jerusalem zerstört, die Stadtmauern geschleift, es kam zu Auseinandersetzungen mit der im Land verbliebenen Bevölkerung, auch aufgrund von Versorgungsengpässen bei Nahrungsmitteln und Wohnraum.

Die Situation war alles andere als gut.
Ihnen verspricht Jesaja Trost mit Gottes Worten: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Liebe Gemeinde,

Mama ist Mama.

So erfahre ich es bei meinen Kindern auch. Bei Mama im Arm wird alles wieder gut. Einfach sein können, wie man ist. Angenommen sein. Bedingungslose Liebe erfahren. Das tut gut und macht Mut. Das lässt einen wieder aufstehen und weitermachen. Mit dem Gefühl, dass Mama immer für einen da ist, kann man auch besser mit Problemen umgehen. Da kann man auch Durststrecken besser aushalten. Denn die kommen im Leben. Soviel steht fest.

Und sie sind ganz unterschiedlicher Art:

Move 4 Die Durststrecken des Lebens

Es gibt den körperlichen Durst. Die Sonne brennt vom Himmel, man ist bei einer Wanderung. Die Flasche ist leer.

Wasser ist ein kostbares Gut. Gerade wenn es wenig regnet, leiden Tiere und Menschen darunter.

Allzu selbstverständlich gehen wir mit den Ressourcen der Natur um und ahnen so ganz allmählich, dass sie uns nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen.

Überhaupt fühle ich mich gerade in diesen Wochen unglaublich hilflos und noch etwas surreal auf die elementaren Dinge des Lebens zurück verwiesen. Ich vermute, es wird Euch ganz ähnlich gehen.

Was selbstverständlich war, gilt nicht mehr: Für alles gibt es Medizin und einen Impfstoff – nein.

Ich kann mich frei bewegen, hierhin und dahin fahren und fliegen, Menschen herzen und umarmen, die Hände schütteln – nein.

Es gibt fast nichts, was nicht möglich ist.

Im Moment aber müssen wir still halten, abwarten, uns weitestgehend im eigenen Heim aufhalten… und wir wissen nicht wie lange das anhält. Es widerspricht so ganz unserer Natur. Die Welt steht Kopf.

Denn wiederum was vorher unmöglich schien, dass eine Fußball EM verschoben wird und Autokonzerne ihren Betrieb still legen… ganz ehrlich… das hätte ich nicht für möglich gehalten.

Eine Durststrecke mit ungeahntem Ausmaß, in der wir sind und die vor uns liegt und …die ganze Welt betrifft.

Krankheit, Arbeitslosigkeit, materielle Sorgen, Einsamkeit, Orientierungslosigkeit… das kann alles damit einhergehen.

Der Prophet Jesaja bietet uns auf unseren Wegen eine Oase an mit seinem Bild von Gott als Durst stillende Mutter.

Denn Mama steht für das Sinnbild: Alles wird gut.

Das ist nicht in allen Familien so, das wissen wir: es gibt schlimme Konflikt. Bittere Worte, Lieblosigkeiten, die nie mehr aus dem Leben eines Kindes, eines späteren Sohnes oder einer Tochter verschwinden. Aber es ändert nichts daran, dass wir uns alle danach sehnen, einen Ort zu haben, wo alles gut wird. Den Ort der Geborgenheit, der entweder heil macht oder Unheil gar nicht erst zulässt. Ein Ort des Trostes.

Den brauchen wir alle.

Move 5 Der Ort des Trostes

Weil wir gefährdet sind und Schmerz und Not kennen.

Wir brauchen das Gefühl, nicht allein zu sein.

Und Trost, liebe Gemeinde, den kann ich mir nur schwer selbst geben. Dafür brauche ich ein Gegenüber. Jemanden, der meine Not mitträgt, bei dem ich mich aussprechen kann, der meinen Schmerz mitträgt. Es ist gut, wenn wir das füreinander in der Glaubensgemeinschaft sein können. Über alle Hindernisse und Trennungen hinweg. Im Moment auf jeden Fall direkt über Telefon und whatsapp. Aber auch, indem wir einander im Gebet mittragen.

Und ein Ort des Trostes möchte Gott für uns sein.

Freuen sollen wir uns heute.

Freude mitten in der Passionszeit.

Geht das? Ja, es geht. Weil wir nicht allein sind und weil Ostern vor uns liegt.

Der Psalmbeter lässt sich auf seinem Weg erfreuen, weil er das Ziel vor Augen hat.

Und wir können das Licht von Ostern heute schon von weitem erblicken. Es sendet seinen Schein schon zu uns.

Das Leiden Jesu wird überwunden werden und somit auch unser Leiden, weil es getragen wird von Jesus. Wir sind nicht allein. Und das gibt uns Trost.

Wie auch immer: Ob Ihr Gott erlebt wie der Pilger aus dem Psalm als Sonne und Schild oder wie ein Mutter, die euch tröstet.

Gott ist da.


Amen


 


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