2020-06-28 - 3. Sonntag nach Trinitatis - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

(Predigt Micha 7,18-20) [ Video ] [ Abkündigungen243.4 KB ]


Die Gnade und Barmherzigkeit Gottes sei mit euch allen. Amen

Move 1 Taufe – Johannestag – Aufruf zur Buße

Liebe Gemeinde, gestern haben wir Nikolai getauft, das Kind von Werner und Yulia Olivier, mit allen nötigen Sicherheitsvorkehrungen bei ihnen zuhause. Auch wenn es anders war als sonst …mit Mundschutz und Sicherheitsabstand, das Sakrament der Taufe ist und bleibt gleich. Das Element Wasser und das Wort Gottes als sichtbare Zeichen der unsichtbaren Wirklichkeit von Gottes Gnade. Von Jesus wurde es eingesetzt, so überliefert es uns der Evangelist Matthäus. Jesus gibt den Jüngern den Auftrag: gehet hin und taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes.

Aber die Taufe, liebe Gemeinde, gibt es schon länger. Denn bevor Jesus das erste Mal öffentlich predigte, bevor er den ersten Kranken heilte, ehe er Anhänger um sich scharte, wurde er selbst von Johannes dem Täufer getauft. Der wird in der Bibel als Einsiedler in der Wüste beschrieben, der sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährte. Am 24. Juni, dem Johannistag, das war letzte Woche, erinnern wir uns an seine Geburt.

Johannes meinte, das nahende Weltende vorauszusehen und rief die Menschen dazu auf, sich ihre Verfehlungen einzugestehen und sich reinwaschen zu lassen von ihren Sünden.

Johannes der Täufer steht mit seiner Predigt und seinem Tun in der Tradition der Propheten Israels: Jesaja, Jeremia, Amos und Micha hatten im Namen Gottes die Verfehlungen des Volkes angeklagt, ihnen gezeigt, wie ausweglos ihre Situation ist und ihnen Unglück, Tod und Vernichtung angekündigt.

So also können wir es auch beim Propheten Micha lesen, der etwa 700 vor Christus wirkt. Kompromisslos klagt er die sozialen Missstände im Land an und sagt Gottes zerstörerisches Urteil voraus.

Doch dann geschieht das Wunder: Wo Menschen erkennen, dass sie falsch gehandelt haben und bereit sind, umzudenken, zeigt sich Gott versöhnlich. Das lässt sich durch nichts bewirken, Gottes Gnade bleibt ein Geschenk.

Darum endet das Buch des Propheten Micha mit einem Lobgesang auf den gnädigen Gott:


18 Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!

19 Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.

20 Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.


Move 2 Fehler über Fehler

Liebe Gemeinde,

große Erleichterung höre ich bei Micha. Kapitel um Kapitel muss er seinem Volk Schlimmes ankündigen. Die Konsequenzen aus dem Fehlverhalten der Menschen.

Wer sagt das schon gern? Und noch mehr: wer hört und spürt das schon gern, die Konsequenzen des eigenen Versagens.

Und da gibt es ja einiges, was sich im Laufe der Zeit ansammelt.

Auch wenn ich es nicht will und versuche, mich an die 10 Gebote zu halten. Gott lieben und meinen Nächsten und mich selbst… es gelingt mir oft nicht. Und oft weiß ich auch selbst nicht weiter, weil ich Streit habe mit einem Freund oder jemandem aus der Familie - der oder die andere hat sich nicht gut verhalten, aber ehrlich gesagt: Ich weiß, dass ich auch unsachlich und verletzend geworden bin. Böse Worte hat es gegeben, und es ist etwas zerbrochen zwischen uns. Was passiert ist, lässt sich nicht mehr ungeschehen machen, und ich stehe wie vor einer Wand.

Das Gefühl, nicht mehr weiter zu wissen, kenne ich aus Situationen, wo ich einen Fehler gemacht habe, den ich nicht wieder ungeschehen, geschweige denn wieder gut machen kann. Dass ich nicht perfekt bin, weiß ich, die anderen gestehen mir das auch zu. Trotzdem, ich ärgere mich über mich selber, ich schäme mich auch und weiß nicht weiter. Ich möchte gern die Zeit zurückdrehen.

Mein verletzendes Wort, meine falsche Entscheidung, meine Unachtsamkeit … „Wenn man es doch ungeschehen machen könnte!“ Es ist schmerzlich, wenn das nicht gelingt.

Move 3 Aufatmen

Was bei Menschen oft nicht mehr geht, bei Gott ist es möglich –

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er ist barmherzig!

Diese Erkenntnis steht am Ende des Michabuches.

Gott vergibt. Er ist barmherzig. Er will seinem Volk Gutes.
Michas Zeitgenossen können aufatmen.

Der Sohn kann aufatmen, der es zuhause nicht mehr aushält, weil Gott wie der gute Vater ihn nicht fallen lässt, wartet, entgegen geht, ein Fest für den wiedergefunden Sohn feiert.

Wie gut ist es, dass der Sohn zu der Einsicht gekommen ist, umzukehren, um Vergebung zu bitten.

Es lohnt sich. Gott will nicht, dass jemand ihm verloren geht. Aber den Schritt zur Umkehr, den muss jeder für sich allein tun. Das kann einem niemand abnehmen.

Es geht dabei immer um Beziehungen, zu anderen Menschen und zu Gott.

„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“, beten wir im Vaterunser. Wir können darum bitten, dass Gott uns unsere Schuld wegnimmt. Nur er kann uns ent-schuldigen von dem, was uns von ihm trennt.

Move 4 Beichte

Deshalb ist es gut und wichtig, auch im Gottesdienst einen Raum dafür zu öffnen, zu bereuen, zu bekennen und ein Wort der Vergebung zu hören. Wir nennen das Beichte.

Im Mittelalter wurde die Beichtpraxis als Machtinstrument missbraucht und viel Angst geschürt. Dagegen wendete sich Martin Luther.

Ihm war es wichtig zu betonen, dass das Ziel der Beichte die Frohe Botschaft der Vergebung ist. Gott tut den ersten Schritt, um die Trennung zwischen ihm und dem Menschen zu überbrücken, indem er uns in Jesus Christus entgegengekommen ist. Die Einsicht des Menschen ist der zweite Schritt, die Entfremdung zwischen Gott und Mensch zu überwinden; die Beichte der dritte.

Weil wir Gott vertrauen können, können wir auch alles sagen.
Bedingungen darf es nach Luther für die Beichte nicht geben. Deshalb ist er gegen die Auflage einer Buße.

Auch darf Beichte kein Zwang sein. „Man soll wohl dazu reizen, aber nicht treiben, man soll dazu locken, aber nicht zwingen. Frei, willig und gern soll man beichten.“

Und weil das Priestertum aller Gläubigen gilt, darf und kann auch jeder Christ und jede Christin anderen die Beichte abnehmen und die Vergebung zusprechen.

Warum es gerade in der Kirche wichtig ist? Weil das Leben keine heile Welt ist, sondern Höhen und Tiefen hat. Die Themen Schuld und Sünde sind im Leben präsent. Sie passieren. Jedem von uns. Und deshalb brauchen wir die

Gelegenheit, vor Gott und auch voreinander auszusprechen, was uns auf der Seele liegt. Unter den Glaubensgeschwistern ist der Raum der Aussprache und des gegenseitigen Zuspruchs. Dann kann man den Kampf aufgeben, die Schuld zu verbergen, und zugeben, was die eigenen wunden Punkte sind, wo und man an der Sünde leidet.

Der Schmerz daran ist oft körperlich fühlbar; schon in der Bibel von diesem Zusammenhang zu lesen (Ps 32,3-5; 73,21).

Übrigens stammt im Neuen Testament das griechische Wort für Sünde „hamartia“ aus der Sprache der Bogenschützen und bezeichnet so viel wie „Zielverfehlung“. Und genau dieses Lebensgefühl, am Leben vorbei zu leben, und damit nicht den eigenen Ansprüchen – auch in Bezug auf die Verantwortung für die Welt - und denen Gottes zu genügen, macht auf Dauer unzufrieden. An dem Versuch, den angelegten Maßstäben gerecht zu werden, scheitert man immer wieder. Und dies Geflecht von Versagen und Schuld lähmt. Beichte kann aus diesem Verstricktsein in die Sünde befreien.

Damals kamen viele zu Johannes dem Täufer, um einen Weg aus diesem Verstricktsein in der Sünde zu suchen.

Entscheidend dabei: die Sündenvergebung.

Es lässt sich nicht einfach ungeschehen machen, was unter Menschen an Zerstörerischem geschehen ist. Es gibt nur einen Weg: Gott öffnet die Arme, aus Liebe zum Sünder. Er ent-schuldigt uns für das, was wir getan oder nicht getan haben und lässt uns neu anfangen, den Weg in eine bessere Zukunft gehen.

Ja, das Bekennen der Sünden und die Buße, also das Umdenken, gehört auch dazu, aber die Vergebung ist das Entscheidende. Sie ist ein Geschenk Gottes, überraschend und befreiend.

Auch für Martin Luther, als er das erkannt und gespürt hatte. Das war der Wendepunkt in seinem Leben.

Move 5 Leben aus der Vergebung

Er wird unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.

Heißt es im Predigttext.

Gott wirft die Sünden weit weg, unterjocht sie, ersäuft sie. Und damit schlagen wir den Bogen zurück zur Taufe.

Das Wasser bei der Taufe erinnert an die Taufe Jesu durch Johannes den Täufer. Er taufte mit Wasser im Jordan. Das Wasser in der Taufe sagt: Kind Gottes - Gott will dir in deinem Leben abwaschen, wegspülen, was schief läuft und was dich nicht mehr loslassen will. Er will dein Leben immer wieder neu machen und rein
so dass du dich fühlst wie neugeboren

Abwaschen und wegspülen und in die Tiefen des Meeres werfen, was einen nicht mehr loslassen möchte. Das tut Gott für uns.

Das brauchen wir alle. In der Taufe einmalig zugesagt, ein Leben lang gültig, daran dürfen wir uns erinnern lassen.

Ich darf darauf vertrauen, dass Gott weder mich noch seine Welt auf-gibt.

Zu ihm kann ich kommen, trotz aller Schuld.

Er schenkt mir einen neuen Anfang, wirft meine Sünden weg.

Ich kann aufatmen und weitergehen -

Und wissen. Bei Gott kann ich nicht verloren gehen.


Amen.


 


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