2021-12-31 - Altjahrsabend - Bischof Horst Müller

Predigt Matthäus 13, 24-30 )


24 Jesus legte ihnen ein anderes Gleichnis vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte.

25 Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon.

26 Als nun die Halme wuchsen und Frucht brachten, da fand sich auch das Unkraut.

27 Da traten die Knechte des Hausherrn hinzu und sprachen zu ihm: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut?

28 Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du also, dass wir hingehen und es ausjäten?

29 Er sprach: Nein, auf dass ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet.

30 Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt in meine Scheune.


Liebe Gemeinde,

Es gibt so manche Witze rundum das Neue Jahr, besonders im Blick auf die Corona-lage.

Einer Frau wird ein Kalender für 2022 zum Kauf angeboten. Ihre Antwort: Erst will ich die Jahresvorschau sehen! (I want to see the trailer first!). Jemand anders wird gefragt: Was planst du für 2022? Antwort: Ich habe die Liste von 2020 wieder herausgeholt. Vielleicht darf ich jetzt endlich weitermachen!

Die letzten zwei Jahre waren in der Tat sehr anders, und für viele recht frustrierend. Durch Lockdown und Reiseverbot wurden unglaublich viele Termine und Pläne aufgeschoben, wieder verschoben oder ganz aufgegeben. In meinem Fall wäre mein Termin as Bischof heute zu Ende gegangen - nun hoffe ich, dass es in einem Jahr wirklich der Fall sein kann. Auch wenn die letzten zwei Jahre in mancher Hinsicht unwirklich vorkommen, und in manchen Kalendern wie große Löcher erscheinen, weil so viel ausgefallen ist - dennoch sind sie gewesen, und dennoch waren es zwei volle Jahre mit 12 Monaten und 366 und 365 Tagen. Auch wenn sie für viele unwirklich vorkamen - heute gibt es Kinder, die ihr Geburtsjahr mit 2020 oder 2021 schreiben. Und manche von uns haben in dieser Zeit Abschied nehmen müssen von Menschen, die uns lieb waren.

Mir geht es so, dass ich in manchen Dingen ganz verwirrt bin: Wann war dieses Ereignis? War es tatsächlich vor Corona? War dieser Besuch schon so lange her? Oder hat er in einen der “Lockdown Lücken” stattgefunden?

Mir geht es in mancher Hinsicht wie den Knechten im Gleichnis, die sich wundern über das Unkraut - wie so sieht das Feld so anders aus als geplant? Warum wachsen da Pflanzen, die wir gar nicht gesät haben? Wie ist das möglich?

Jesus hat liebend gerne Gleichnisse erzählt um Wahrheiten über sein Reich, sein Wirken und seinen Vater anschaulich zu machen. Das Gleichnis vom Unkraut im Weizen kommt nur bei Matthäus vor. Wie viele andere Gleichnisse basiert es auf Dinge aus dem Alltag, welche die Hörer gut nachvollziehen konnten.

Weil der Alltag damals so anders war, müssen wir manchmal erst nachlesen, um so ein Gleichnis zu verstehen. Dieses ist so ein Gleichnis. Wir leben in einer hochtechnisierten Welt, wo Unkraut oft chemisch behandelt wird, und Maschinen dann riesige Ländereien bepflanzen. Wer jetzt durch den Freestate fährt, sieht überall, oft bis zum Horizont, die Maisfelder, fast ohne Unkraut, in prächtigem Grün.

Damals wurde per Hand gesät, Reihe für Reihe. In dieser Geschichte passiert dann etwas, was auch damals nicht selten vorkam. Ein Feind - neidischer Nachbar? Konkurrent im Weizenbetrieb? Ein Bruder, der ein kleineres Land geerbt hatte? - wir wissen es nicht - säht Nachts heimlich und schnell Taumellolch auf das Feld. Es geht ruck-zuck, und ist ganz gemein, denn es dauert, bis man es merkt. Taumellolch sieht aus wie Weizen, wächst wie Weizen und macht sogar Saat wie Weizen. Erst beim Reifen sieht man den Unterschied. Kommt die Saat mit in die Ernte, vergiftet sie den Weizen, sodass, wer davon isst, krank wird (Daher der Name “Taumellolch”, er bringt zum taumeln).

Die Knechte sind entsetzt, als sie merken was los ist - sie wollen ausreißen, das Unkraut vernichten. Der Herr dagegen behält die Ruhe. Er kennt seinen Feind, hat scheinbar sogar mit solcher Gemeinheit gerechnet. Er weiß, dass man jetzt noch nicht genug unterscheiden kann, und dann evtl den Weizen ausreißt und den Taumellolch wachsen lässt.

Bei der Ernte aber kann man unterscheiden - dann sieht man deutlich, was Weizen und was Taumellolch ist. Zuerst wird dann der Taumellolch geerntet, damit er nicht zwischen Weizen gerät. Der Herr weiß auch: Dieses Unkraut kann man gut zum Heizen und Kochen nutzen. In Bündeln wird es aufbewahrt, und dient so am Ende noch, gegen die Absicht des Feindes, dem Herrn! So, sagt Jesus, ist es mit dem Himmelreich. Der Feind tut alles, um mir einen Strich durch die Rechnung zu ziehen, aber, seid ruhig - am Ende kann ich sogar aus seinen Gemeinheiten noch Gutes gewinnen!

Was lerne ich nun, beim Übergang von 2021 nach 2022 daraus?

Der Unterschied zwischen Gut und Schädlich ist nicht immer deutlich.

Wie die Knechte, weiß ich, dass manches gewachsen ist, was weder meinem noch Gottes Plan entsprechen dürfte. Am liebsten würde ich dieses alles ausrotten und nur das Gute behalten. Aber der Unterschied zwischen dem was Gut und was Schädlich ist, ist nicht immer klar. Viele von uns haben im Leben Dinge erlebt, die wir zu dem Zeitpunkt als Unkraut bezeichnet hätten, aber viele Jahre später wissen wir, dass es zum Segen war, Weizen eben!

Vom Herrn im Gleichnis - und von Jesus, möchte ich lernen:
Das Leben besteht aus einer Mischung von Gut und Schädlich.

Gott meint es gut mit uns - aber der Feind - und das ist nicht immer nur der Teufel - es kann mein eigener Schweinehund sein, mein Geiz, mein Neid, meine Gier - sät die andere Saat. Wie oft habe ich in diesem vergangenen Jahr durch hässliche Bemerkungen Unkraut gesät? Wie oft war ich gemein, weil ich jemandem den Erfolg nicht gönnte? Ja, sogar Gut-gemeintes ist nicht immer gut. So oft hört man den Ausdruck: “Ich habe es doch nur gut gemeint”, wenn etwas total schief gelaufen ist.

Es wird uns nie gelingen, nur “gute Saat” im Leben zu haben. Es ist wichtig, dass wir das auch für das Neue Jahr wissen: Auch in diesem Jahr werden Dinge passieren, die nicht schön sind, Gemeinheiten, die tief verletzen, Enttäuschungen, die uns zu schaffen machen.

Da lerne ich dann aus dieser Geschichte:

Jesus bleibt der Herr, auch über die schädlichen Dinge.

Darum möchte ich das neue Jahr mit ihm beginnen, und darum möchte ich das vergangene in seine Hand geben - nicht, weil es dann kein Unkraut gibt, sondern weil ich höre, dass er sogar das Unkraut nutzen kann, wenn auch nur zum Kochen und Heizen!

Ich darf die schweren Dinge des vergangenen Jahres ihm überlassen. Darum kann ich auch denen vergeben, die mir geschadet haben - nicht, weil der Schaden nicht schlimm gewesen wäre, sondern weil Jesus daraus was machen kann! Wenn ich nicht vergeben will und die Bitterkeit mit mir in das neue Jahr trage, leidet das Gute, der Weizen, darunter, weil meine Kraft und Energie durch das Schädliche verzehrt wird. Ich werde frei, wenn ich vergeben kann, ich habe am Meisten davon!

Noch eines lerne ich aus diesem Gleichnis:

Ich möchte nicht zum Feind werden.

Ich kann nicht verhindern, dass andere mir Böses wollen. Aber ich hab es in meiner Hand, ob ich “Nachts woanders Unkraut streue”. Ich bitte meinen Herrn darum, dass ich unterscheiden kann, wo mein Tun schädlich ist, und wo es Ihm zur Ehre geschieht. Ich weiß, dass auch Manches von mir gut gemeinte schädlich sein kann. Da bitte ich um Verzeihung.

Aber ich möchte mir Mühe geben, nicht bewusst und wissend Unkraut zu säen, sondern als sein Knecht guten Weizen auszustreuen.

Ganz besonders lerne ich aus dieser Geschichte, dass ich getrost in das Neue Jahr gehen kann, weil ich einen Herrn habe, der sich nicht durch den Feind aus der Ruhe bringen lässt, der nicht wegen des Unkrauts die ganze Ernte aufgibt. Darum kann ich singen:

Nun aufwärts froh den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt!

Wir gehn an unsers Meisters Hand, und unser Herr geht mit. (EG 394)

Amen


Horst Müller, Bischof NELCSA, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


 


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