2021-05-02 - Kantate - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

( Predigt Lk 19,37-40) [ English Translation ] [ Abkündigungen564.74 KB ]


Habt ihr es auch genossen letzte Woche kräftig mitzusingen? Ich ja…. beim Nelcsa Sängerfestgottesdienst.

Und auch heute freue ich mich, dass wir singen können und die Posaunen spielen. Lieder sind weit mehr als schmückendes Beiwerk im Gottesdienst, sie sind ein grundlegender Ausdruck unseres christlichen Glaubens. Im Singen bekommt unser Glaube sichtbare Gestalt, so wie sonst nur im Beten und im Tun. Das Singen kann uns befreien und ermutigen, wir können uns an Gott wenden, ihm unser Leid klagen, aber auch das Gotteslob laut werden lassen.

So ist es schon in der Weihnachtsgeschichte, wie Lukas erzählt. Da erscheinen die Engel bei den Hirten auf dem Felde, und sie preisen und loben Gott: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lukas 2,14)

Lukas erzählt, wie die Hirten zum Stall liefen und allen erzählten, dass der Engel gesagt hatte: Euch ist heute der Heiland geboren.

Danach, als sie wieder zurückgingen zu ihren Feldern, stimmten sie ein in den Gesang der Engel. So erzählt es Lukas: Sie „priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten.“

Später haben die Jünger Jesu an diesen Lobgesang der Weihnachtsgeschichte angeknüpft. So erzählt es Lukas in seinem Evangelium. Als Jesus mit seinen Jüngern in Jerusalem einzog, auf einem Esel reitend, haben die Jünger laut gesungen. Davon lesen wir bei Lukas im 19. Kapitel, dem Evangelium für den heutigen Sonntag:

Text - Lk 19,37-40

Erst, liebe Gemeinde, waren es die Hirten, jetzt sind es die Jünger, die Gott loben für alles, was sie gesehen hatten. Wie die Geburt Jesu die Welt verändert hatte, so tun das jetzt Jesu Worte und Taten, sein Einzug in Jerusalem.

Anders als die Engel in der Weihnachtsgeschichte singen die Jünger hier aber nicht vom Frieden auf Erden; sie preisen den erwarteten Frieden im Himmel und die kommende Herrlichkeit.

Doch auf die Mächtigen wirkt dieser Gesang gefährlich. „Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn“, singen die Jünger mit lauter Stimme. Diese gesungenen Worte stellen die religiöse und politische Macht in Frage.

Die Hoffnung auf Gottes Reich ist gefährlich für die Machthaber.

Und so entwickelt sich ein Wortwechsel. Eine kleine Szene, in der die Kraft des Singens erkennbar wird.

Als Wächter der religiösen Ordnung nennt Lukas die Pharisäer.

Sie sprechen Jesus als einen der ihren an: „Meister, weise doch deine Jünger zurecht!“ Doch Jesus ist davon überzeugt: der Friede kommt. Das ist die Wahrheit. Und die kann man nicht zum Schweigen bringen. So antwortet er: „Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“

Steine sollen und können schreien? Das klingt sehr rätselhaft.

Es wird aber verständlicher, wenn man im Lukasevangelium weiterliest. Da erzählt Lukas nämlich, wie Jesus über die Stadt Jerusalem weint, weil er die kommende Zerstörung voraussieht: „Sie werden dich, Jerusalem, dem Erdboden gleichmachen,“ sagt Jesus, „und keinen Stein auf dem andern lassen in dir.“ (Lukas 19,44).

So schreien die Steine, sie ächzen und wehklagen unter der Zerstörung. Und sie schreien damit hinaus, wie Jerusalem den kommenden Frieden verpasst hat.

Unter Tränen sagt Jesus bei Lukas: Wenn du, Jerusalem, doch „erkenntest an diesem Tag, was zum Frieden dient!“ (Lukas 19,42) Von der Hoffnung auf den künftigen Frieden singen beide: die Jünger in ihrem Lobgesang und die Steine in ihrem stummen Schrei.

So schreien Steine bis heute und mahnen zum Frieden.

Es sind aber nicht nur die Steine, die schreien.

Wenn Menschen zum Schweigen gebracht werden, dann kann die Erde schreien. So wie es am Anfang der Bibel erzählt wird, als Kain seinen Bruder Abel erschlagen hatte. Da spricht Gott zu Kain: „Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.“ (1. Mose 4,10)

Doch die Erde schreit nicht nur das Unrecht und die Klage hinaus.

Sie ist auch voll des Gotteslobs. Die ganze Schöpfung erzählt von der Herrlichkeit Gottes, wie in den Psalmen besungen wird: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk. Ein Tag sagt´s dem andern, und eine Nacht tut´s kund der andern, ohne Sprache und ohne Worte, unhörbar ist ihre Stimme“ (Psalm 19,2-4).

Wie die stummen Schreie der Steine ist auch der Lobgesang der Schöpfung ohne den Klang einer Stimme. Dennoch kann man beides wahrnehmen, die Mahnung und den Lobpreis – in der Zerstörung und in der Schönheit der Natur.

Beides soll zur Sprache kommen, wenn wir singen. In Jerusalem singen die Jünger vom himmlischen Frieden, während die Steine vom Unfrieden auf der Erde schreien. Beides gehört zusammen.

Wer nur von der Herrlichkeit Gottes singt, verliert die Bodenhaftung. Vom künftigen Frieden in Gottes Reich lässt sich glaubwürdig nur singen, wenn auch der Unfriede der Welt zur Sprache kommt. Und umgekehrt: Wer nur das Unrecht unserer Zeit herausschreit, verliert den Glauben an eine bessere Welt. Damit uns nicht die Luft ausgeht, brauchen wir im Kampf gegen Unfrieden und Gewalt die Kraft der Hoffnung.

Kantate, Singt!, heißt der heutige Sonntag. Das Singen wird zum Ausdruck gelebten Glaubens, wenn beides zusammenkommt:

Dass wir nicht nur die schönen Lieder singen, in denen wir Gottes Herrlichkeit preisen, sondern auch das Unrecht herausschreien, das wir erleben.

Wenn wir in der Osterzeit davon singen, wie Gott neues Leben schenkt und uns frei atmen lässt, dann gehört dazu, dass wir einstimmen in die Rufe derer, die sich nach Gleichberechtigung sehnen. Weltweit.

Wenn wir Gottes wunderbare Schöpfung besingen, gehört dazu, dass wir dem Seufzen der Kreatur Sprache verleihen. Die Pflanzen und Tiere, die unter dem Klimawandel leiden, können sich nicht äußern. Doch wir können mit Wort und Tat eintreten für die Schöpfung und das Lebensrecht der Natur.

Bevor nur noch die Steine schreien, können und sollen wir unsere Stimme erheben. In der Gemeinde können wir uns so gegenseitig stärken. So heißt es in der Epistel des heutigen Sonntags: „Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.“ (Kolosser 3,16)

So können wir einstimmen in das Singen der Jünger, in das Schreien und Preisen der ganzen Schöpfung: „Ehre sei Gott in der Höhe und den Menschen Frieden, Frieden auf Erden.“ Das ist unser Lob. Das ist unsere Hoffnung. Das ist unsere Aufgabe.

Amen


 


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