2021-06-06 - 1. Sonntag nach Trinitatis - Pastorin Gertrud Tönsing

( Predigt Jona 1:1-3 ) [ English Translation ] [ Abkündigungen322.36 KB ]


Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater uns unserem Herrn Jesus Christus.

Amen.

Laßt uns beten um den Segen von Gottes Wort.

Du Quell, draus alle Weisheit fließt, die sich in fromme Seelen gießt:

laß deinen Trost uns hören,

daß wir in Glaubenseinigkeit auch können alle Christenheit

dein wahres Zeugnis lehren.

Höre, lehre, daß wir können Herz und Sinnen dir ergeben,

dir zum Lob und uns zum Leben. 

Amen


Liebe Johannesgemeine!

Ich freue mich hier predigen zu können, auch wenn der Grund ein wenig erfreulicher ist. Ich freue mich auch über einen besonders interessanten Text predigen zu dürfen.  Ich hatte ursprünglich vor eine alte Predigt zu nehmen,  aber mal über die Jona Geschichte zu predigen wollte ich mir dann doch nicht entgehen lassen.  Der Text ist eine Auswahl von Versen aus den ersten zwei Kapiteln.  Ich habe aber beschlossen nur die ersten drei vorzulesen, aber über die ganze Geschichte zu predigen.  Ich lese also aus Jona Kapitel 1. 


1 Es geschah das Wort des Herrn zu Jona, dem Sohn Amittais:

2 "Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen."

3 Aber Jona machte sich auf und wollte vor dem Herrn nach Tarsis fliehen und kam hinab nach Jafo. Und als er ein Schiff fand, das nach Tarsis fahren wollte, gab er Fährgeld und trat hinein, um mit ihnen nach Tarsis zu fahren und dem Herrn aus den Augen zu kommen.


Dieses ist eine Geschichte, die wir warscheinlich alle aus dem Kindergottesdienst kennen,  eindrücklich und spannend.  Ich kenne zwei meisterhafte Nacherzählungen dieses Prophetenbuches.  Eins hatten meine Kinder auf einer CD mit englischen biblischen Geschichten: “Jona was a groaner” immer wieder mit dem Kehrvers “And Jona groaned”.  Das andere ist von Klaus Peter Hertzsch in Gedichtform: “Der ganze Fisch war voll Gesang”.  Davon will ich nachher ein paar Auszüge vorlesen.  Einige kennen es vielleicht schon, aber freuen sich bestimmt wieder daran.  Beide Nacherzählungen haben erkannt, dass dieses ein Meisterwerk der Erzählkunst ist,  mit viel Ironie und Witz und haben das wunderbar hervorgehoben. 

Bibelforscher sagen die Jona Geschichte ist eine Novelle warscheinlich aufgeschrieben inder frühen nachexilischen Zeit.  Die ältesten biblischen Geschichten sind alle kurz und sie wurden lange mündlich überliefert bevor sie aufgeschrieben wurden.  Dann wurden sie gesammelt und zusammengefügt in längere Geschichten.  Aber die Jona Geschichte ist aus einem Guß, ein zusammenhängendes Literarisches Werk, wenn auch bestimmt alte Überlieferungen dahinter stehen.  Aus der gleichen Zeit stammen warscheinlich auch das Buch Ruth und die Josephsgeschichte,  auch zusammenhängend aufgeschrieben.  Alle drei dieser Bücher haben den gleichen Hintergrund:  Die nachexilischen Kämpfe um die Identität Israels und seine Beziehung zu den Völkern.  Die eine Seite sagte -Israel muss Gottes Geboten treu bleiben, und ist auserwählt und ausgesondert.  Wir müssen anders sein,  rein bleiben,  alle schlechten Einflüsse fernhalten,  uns getrennt halten von allen Fremden und anderen Völkern.  Die andere Seite sagte,  Israel ist erwählt um Licht der Völker zu sein.  Unser Gott ist der Gott der ganzen Welt.  Er liebt alle Völker.  Durch uns will er alle segnen.   Diese beiden Strömungen blieben im Judentum bestehen.  Die Pharisäer beriefen sich auf die eine Seite,  Jesus auf die andere.  Das Buch Jona steht klar in der Tradition: Gott ist der Gott der ganzen Welt und will allen helfen.  Das Buch Ruth erinnert die Israeliten dran, dass Gott durch eine Moabiterin Israel gesegnet hat.  Sie war Großmutter des Königs David.  Und der Schreiber der Josephsgeschichte erinnert das Volk daran, dass Gott durch Joseph nicht nur seine Familie sondern auch das ganze Land Ägypten gerettet hat.  Leider hat sich Israel immer wieder zurückgezogen,  abgeschottet von anderen, mit dem Gefühl, nur wenn wir andere ausgrenzen können wir uns selber treu bleiben.  Auch die Kirche tat das immer wieder. Wir haben Angst uns selber untreu zu werden, unsere Identität zu verlieren, wenn wir uns nach außen öffnen. Der Ruf nach außen ist ungemütlich –besonders wenn wir zu denen geschickt werden sollten, die wir nicht mögen, oder die gar unsere Feinde sind.  Da können wir mal wieder auf die Jona Geschichte hören. 

Ich lese Auszüge von dem Gedicht  von Klaus-Peter Hertzsch:

Wie schön war aus der Fern und Näh, wie schön war die Stadt Ninive!Sie hatte Mauern, stark und dick. Die Wächter machten Blasmusik.Man konnte dort drei Tage wandern von einem schönen Platz zum andern.Und Gott sah aus von seiner Höh und sah auf die Stadt Ninive.Die schöne Stadt, sie macht ihm Sorgen, die Bosheit blieb ihm nicht verborgen.Da tranken sie, da aßen sie. Die Hungernden vergaßen sie.Der König schickte die Soldaten; die plünderten in fremden Staaten.Und ihre schönen bunten Kleider, die nähten eingefangne Schneider.Gott sprach, nachdem er das gesehen: „Nein, so kann es nicht weitergehen.“Und sprach: „ Wenn siesich nicht bekehrt, wird bald die schöne Stadt zerstört.“„ Los, Jona“, sprach der Herr, „ nun geh auf schnellstem Weg nach Ninive!Sag ihr mein Wort! Sei mein Prophet, weil es dort leider übel steht.Da hilft nur eine kräftige Predigt, sonst ist die schöne Stadt erledigt!“Doch Jona wurde blass vor Schreck und sagte zu sich: „ Nichts als weg!Ich lösch´ mein Licht, verschließ mein Haus. Ich mach mich fort. Ich reiße aus.“Den Blick nach Westen wandte er. Erst lief er nur. Dann rannte er.Gott aber, der den Weg schon kannte, sah lächelnd zu, wie Jona rannte.

Der historische Jona lebte ungefähr zur Zeit des Amos im Nordreich.  Da waren die Assyrer gerade dabei Weltmacht zu werden.  Damals hatte man noch ein sehr territoriales Verständnis von Gott.  Yahweh war der Gott Israels.  Er war ein Stammesgott,  an Land und Heiligtümer gebunden.  Wenn man in ein anderes Land floh, dann war man weg aus den Augen des Herrn.  Schon damals sahen Theologen und Propheten etwas weiter, aber der durchschnittliche Gläubige hätte ähnlich gedacht wie Jona hier. Man kann dem Stammesgott entfliehen.  Jona will nach Tarsis –das ist Südspanien.  Weiter weg von Nineveh geht es gar nicht, wenigstens nicht in damaliger Vorstellung.  Aber der nachexilische Schreiber und die Leser vom Buch Jona, die hatten diese veralterte Vorstellung längsthinter sich gelassen.  Dass Gott nicht an Land und Tempel gebunden war,  das hatten sie im Exil begriffen.  Das hatten sie durchlitten und durchgekämpft.  Jetzt wirkt dieser Versuch des Jona lächerlich. Er will Gott aus den Augen kommen,  aber Gott sieht zu,  ist da, greift ein.  Was mag der historische Jona wohl in Nordreich für eine Rolle gespielt haben, dass er so viele Jahre später in einer Erzählung nicht gerade positiv dargestellt wird –das können wir nicht mehr wissen.  Klar ist, dass die Leser undHörer den Humor dieser Szene vom weglaufenden Jona gut verstanden haben.  Und der Witz geht auch gegen die aus der eigenen Zeit, die Gott wieder einengen wollen auf Land und Stamm.  Dieser Gott ist viel größer.  Er  sieht zu, ist in Kontrolle, auch weit auf dem offenen Meer.  Er schickt einen schrecklichen Sturm.  Wer hat Schuld am Sturm?  Das Los trifft Jona. 

„Ich bin“, sprach Jona, „ ein Hebräer. Ich flieh –und doch kommt Gott mir näher.Ja, Gott, dem bin ich wohlbekannt. Hat mich nach Ninive gesandt.Da bin ich vor ihm ausgerissen und wird nun wohl ertrinken müssen“.

Aber Gott ist mit dem Ausreißer Propheten noch längst nicht fertig.  Er wird über Bord geworfen.  Der Sturm legt sich und zu Jonas Schande, glauben die heidnischen Seeleute seinem Gott, vor dem er weggelaufen ist.  Und Gott schickt die Rettung in Form eines großen Fisches.  Hier kommt ein Element ins Spiel was Teil ist von Erzählungen von fast allen Völkern der Welt.  Ein Ungeheuer verschlingt einen Menschen, aber er wird gerettet.  EinBild der Rettung aus allergrößter Not.  Das sind Urbilder des Unbewußten.  Es ist ein typisches Motiv in Träumen –man wird gejagt von einem Ungeheuer. Es packt einen,  man wacht auf.  Aber in den Geschichten der Völker wird immer wieder gezeigt dass der Moment der größten Todesgefahr überwunden werden kann, oder sogar einen Neuanfang ermöglicht.  Das ist die tiefe Weisheit der Mythen und Märchen aller Völker. Manchmal führt der einzige Weg zum Neuanfang und zum Heil durch die tiefste Todesnot.  Das was das Ende scheint kann ein neuer Anfang sein.  Es gibt eine Rettung aus den tiefsten Ängsten unserer Nacht.  So ist es auch bei der Jona Geschichte.  Aber hier ist der Fisch kein Ungeheuer, wie der Wolf beim Rotkäppchen, oder der Wal Monstro in der Pinocchio Geschichte, sondern einfach ein Diener Gottes, der Jona retten soll.  Er brauch auch nicht mit List entkommen sondern Gott befiehlt ihm und der Fisch spuckt ihn aus. 

Drei Tage und drei Nächte verbringt Jona in tiefster Dunkelheit.Es ist kaum verwunderlich, dass dieses Bild für die Christen ein Gleichnis wurde von Jesu Tod und Auferstehung. Was die Mythen erzählen und erahnen wird in Christus zur Realität an der wir Anteil bekommen.  Frühe Christen haben Jona und den Fisch auf ihre Gräber gemalt,   Siehaben darin für sich ein Bild erkannt, von den Tiefen der Erfahrung, die Menschen neues Leben bringen. Ein Bild der Auferstehung, aber auch eine Mahnung zur Umkehr. Jona steht für Menschen, die Gott weglaufen wollten,  ihn verleugneten, ungehorsam waren. In der Tiefe beginnt die Umkehr.   Für Jona beginnt im Bauch des Fisches eine neue Beziehung zu dem Gott, vor dem man nicht fliehen kann. 

Dort saß er, glitschig, aber froh: denn nass war er ja sowieso.Da hat er in des Bauches Nacht ein schönes Lied sich ausgedacht.Das sang er laut und sang er gern. Er lobte damit Gott den Herrn.Der Fischbauch war wie ein Gewölbe: das Echo sang nochmal dasselbe.Die Stimme schwang, das Echo klang, der ganze Fisch war voll Gesang.

Der Schreiber der Jona Geschichte fügtan dieser Stelle ein Psalmgebet ein.  In diesem Gedicht wird die Jonageschichte mit dem Geschick jedes rebellischen und erretteten Menschen vernetzt.  Ein Loblied in den Tiefen des Meeres auf den rettenden Gott.  Ich hoffe doch wir können diese befreiendeBotschaft im Fisch erkennen, statt dass wir, wie es manche Kommentare immer noch tun,  diskutieren, ob es tatsächlich Fische gibt, die einen Menschen runterschlucken und wieder ausspucken können, oder ob Gott eben einen besonderen Fisch geschaffen hat, extra für Jona. Von solchen Kommentaren gibt es genug im Internet. Keine Frage, Gott kann so einen Fisch extra schaffen, aber wenn das der Sinn der Geschichte wäre, dieser seltene, wunderbare Fisch, dann hätte der Lobpsalm wohl etwas mehr daraus gemacht.    

Und nun ging Jona nach Nineveh, und hatte erstaunlichen Erfolg mit seiner Predigt.  Die ganze Stadt geht in Sack und Asche.  So ein Erfolg hat ein Prediger selten. 

Und Gott sah aus von seiner Höh´ und sah auf die Stadt NiniveUnd sah die traurigen Gestalten und sprach: „ Ich will die Stadt erhalten.“Da waren alle Leute froh und ihre Tiere ebenso.Nur Jona nicht. Den packt` die Wut. Er sprach zu Gott: „Du bist zu gut!Das hab ich nun von meiner Predigt: die böse Stadt bleibt unbeschädigt.Ich hatte mir das gleich gedacht, mich deshalb aus dem Staub gemacht.Gott aber sprach und wundert` sich: „ Mein lieber Jona, ärgert`s dich?“Da hatte Jona alles satt und ging verdrießlich aus der Stadt.

Tja, nach der Bekehrung im Fischmagen hätte Jona doch einiges mehrbegreifen sollen von Gottes gnädigem Heilswillen -oder hatte er sich nur damit abgefunden Unheilsprophet gegen ein bedrohliches Volk zu sein?  Für ihn war Gott immer noch der Gott Israels –der sein Volk rettet und die anderen straft.  Immer wieder kommt das in der Bibel vor,  Menschen haben erstaunliche Erfahrungen mit Gott, und werden dann doch wieder ängstlich, kleingläubig, ungehorsam.  Petrus hatte eine Vision, von den unreinen Tieren, die ihn ermutigte im Haus des Cornelius einzukehren.  Aber später hatte Paulus mit ihm eine scharfe Auseinandersetzung, weil er sich wieder zurückgezogen hatte und nicht mehr mit den Heidenchristen essen wollte.  Hier streiten sich wieder die geschlossene und die offene Theologie –sogar im Herzen eines Menschen.  SollGott erbarmen haben mit den bösen Menschen aus Nineveh?  Wie kann das denn sein? Wenn wir nicht mehr die Besonderen sind, mit der Besten Kultur und dem Besten Glauben was bleibt dann noch wirklich übrig? Haben wir noch ein Lebensrecht wenn Gott vielleichtdie anderen auch liebt und retten will? 

Die Jonageschichte löst nicht das schwierige Problem von der Erwählung und dem Universalismus und wie das eine zum anderen steht.  Aber meisterhaft wird gezeigt wie Gott Leben schenkt, retten und verderben kann nach seinem unerforschlichen Willen in der letzten kleinen Szene vom Rizinus.  Gott läßt eine Staude wachsen, die dem verdrießlichen Jona willkommenen Schatten spendet.Jona freut sich. 

Doch ach, schon in der nächsten Nacht, noch ehe Jona aufgewacht,da kam ein giftiger Wurm gekrochen, der hat den Rizinus gestochen.Als Jona vor die Türe trat –ein heißer Morgen war es grad -,erschrak er sehr und sah sofort: Sein Rizinus war ganz verdorrt.Die Blätter hingen schlapp und braun, ganz kahl und traurig anzuschaun.Die Sonne stach. Ein Wind ging heiß. Der arme Jona stand in Schweiß.Da weinte er. Da sagte er: „Ach, wär ich tot! Ich kann nicht mehr.“Gott sprach zu ihm ein gutes Wort: „ Jetzt weinst du, weil dein Baum verdorrt,den du nicht wachsen lassen kannst und den du nicht mal selbst gepflanzt.Da sollte ich nicht traurig werden, wenn meine Kinder dort auf ErdenVerderben und zugrunde gehen, weil sie mein Wort nicht gut verstehn?Da sollte ich die Stadt nicht schonen, in der so viele Menschen wohnen,so viele Eltern, viele Kinder, so viele arme, dumme Sünder,so viele fröhliche Gesellen –dazu die Tiere in den Ställen!Vielleicht für dich zum guten Schluss wächst bald ein neuer Rizinus.Bestimmt, du wirst dich an dem neuen genauso wie am alten freuen.Dann denke: So in seiner Höh´ freut sich der Herr an Ninive.“

Gottes Heilswillen gilt allen, so verkünden es die nachexilischen Schriftsteller in meisterhafter Weise.  Ja, Israel ist erwählt, aber das ist ein Auftrag nicht eine Auszeichnung, die man für sich behält.  Und Christen berufen sich auf Jesus, der sich in diese Tradition hineingestellt hat.  Gott liebt die Welt, die Ausgegrenzten und Ausgestoßenen, Schwarz, weiß, Mann, Frau, Deutsch, Englisch, Setswana,  auch Juden, Muslims und Hindus.  Wir sind gerufendiese Liebe zu verkündigen auch wo das ungemütlich wird, und vor allem, so zu leben, dass andere glauben können, dass es wahr ist, dass Gottes Liebe in Christus Menschen verändert.  Wir sind gerufen ein Segen in dieser Welt zu sein.  Eine Freundin in Deutschland drückte es so aus:  Menschen in Muslimischen Ländern durften nie die frohe Botschaft hören.   Jetzt kommen sie zu uns.  Wird was sie hier erleben sie überzeugen, mal hinzuhören?  Sie hoffte, dass sie eine glaubwürdige Zeugin sein würde. 

So kommen an den Schluss dieser Predigt noch einige Verse von Klaus Peter Hertzsch.  Der Dichter von “Der ganze Fisch war voll Gesang” ist der gleiche, der das schöne Lied “Vertraut den neuen Wegen” geschrieben hat.  Ich denke es drückt in einzigartiger Weise das aus, was auch der Schreiber des Jonabuches ausdrücken wollte: 

Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit

Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid.

Der uns in frühen Zeiten das Leben eingehaucht,

der wird uns dahin leiten, wo er unswill und braucht. 

Amen. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. 

Amen. 


 


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