2022-07-31 - 7. Sonntag nach Trinitatis (DE) - Pfarrerin Nicole Otte-Kempf

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Thema der Predigt: Mit dem Besten rechnen

Die Sonne stand noch hoch am Himmel, aber es war spürbar kühler geworden. Seit Stunden waren die Jugendlichen nun unterwegs. „Ein Tag in der Wildnis“ stand auf dem Programm. Und so hatten sie sich am Vormittag auf den Weg gemacht, um in die Drakensberge zu steigen. Wanderkarten und Kompass hatten sie dabei. Ihre Handys mussten sie zurück lassen in den Zelten, das war die „Challenge“. Die Rucksäcke gut mit Proviant gefüllt, hatten sie sich am frühen Morgen auf den Weg gemacht. Der Aufstieg war anstrengend gewesen, aber sie hatten ja genügend Zeit und reichlich Proviant. Dachten sie …

Wenn es nur nicht so warm gewesen wäre. Auf einem Berggipfel angekommen. Machten sie erst einmal Pause.  Hungrig aßen sie ihren Proviant, tranken das kühle Wasser eines Bergbachs und streckten ihre müden Beine aus. Ein Schläfchen in der Sonne war einfach zu verlockend, es war ja noch früh. Alles wäre ja auch gut gegangen, wenn sie danach den richtigen Weg für den Abstieg gefunden hätten. Hatten sie aber nicht. 

Sie liefen und liefen und der Weg nahm kein Ende. Es wurde Abend und die Stimmung schlug spürbar um, Erschöpfung machte sich breit und sie finden an zu streiten: Wenn du nicht immer alles besser wissen würdest …. Wenn du nicht so lange gebummelt hättest … Ich hatte auf diese blöde Wanderung sowieso keine Lust … Und ich wollte überhaupt nicht mit ... Meine Eltern sind jetzt schön am Meer und ich bin auf so einem doofen Pfadfinderlager…

Schritt für Schritt auf dem Weg nach unten – zumindest, was die Stimmung anging. Und der Weg war noch weit. „So geht das nicht weiter“, sagte dann Simone, die Gruppenleiterin. „wir machen jetzt erstmal eine Pause und dann überlegen wir, was wir tun können. Denn eins ist klar: Wir müssen runter vom Berg, bevor es zu dunkel wird.“ „Und wozu eine Pause?“, meckerte Luis, „es ist schon kalt und zu futtern haben wir auch nichts mehr.“ Doch, eine Pause wäre gut, einigte sich die Gruppe. Zumindest genug Wasser hatten sie, und es schmeckte allen erstaunlich gut.

Wenn nur nicht der Hunger wäre! „Was habt ihr noch mit?“, fragte Tim, zog eine Dose Thunfisch aus seinem Rucksack und sagte lächelnd: „Ein Tipp von meinem Vater: Geh nie ohne Thunfisch auf eine Wanderung!“ Er legte seine Regenjacke in die Mitte und legte die Dose drauf. Nun kramten alle in ihren Taschen, legten Müsliriegel, Brötchen und Kaugummi dazu. „Macht zwar nicht satt, aber vertreibt den Fischgeruch hinterher“, sagte Marie und alle lachten.

Nachdem sie gegessen hatten, spürten sie, dass sich etwas verändert hatte. Zuversicht war da. Neue Kraft. Und das starke Gefühl, nicht allein zu sein. „Eigentlich ist das so wie damals, als Jesus fünftausend Menschen satt machte“, sagte Simone. „Kennt ihr die Geschichte vom Brotwunder?“ „Gut, dass ich meine Sardinen nicht mit fünftausend hungrigen Wanderern teilen musste“, scherzte Tim, „aber erzähl doch mal!“ 

Lesen des Textes von Pfadfindern

Fünf Brote und zwei Fische – und 5.000 Menschen wurden satt, erzählt der Evangelist Johannes. Auch die anderen Evangelisten berichten davon! Nicht möglich! Sagen viele spontan! Ein Märchen! Eine schöne Fantasie! Und selbst wenn Jesus dies damals getan hätte – warum tut er das heute nicht wieder, wo doch so viele Menschen hungern in der Welt? Ach, könnte Jesus doch aus Steinen Brot zaubern! 

Auch wenn niemand wirklich erklären kann, was damals geschah: Aus Steinen Brot zu zaubern, war nie der Weg des Gottessohnes. Sein Weg war, die versteinerten Herzen der Menschen aufzuweichen. Ihre Blicke zu weiten. Ihre Herzen zu öffnen. Aha, mögen manche jetzt denken: Die fünftausend Menschen sind nicht satt geworden von fünf Broten und zwei Fischen, sondern haben einfach noch in ihren Taschen gekramt und ihren Proviant mit anderen geteilt. 

Aber für mich ist das eben doch ein Wunder, was hier berichtet wird: 

Ich stelle mir vor, wie Jesus von Gott und seinem Reich der Gerechtigkeit erzählt. In dem alle satt werden und die Sehnsucht der Menschen nach Zugehörigkeit und Zuversicht gestillt wird. Hoffnung wird wach, Mitgefühl wird groß und die Menschen verstehen: Was ich in meiner Tasche habe, reicht, das kann ich mit anderen teilen. Denn wir gehören zusammen als Geschwister einer großen Familie, als Kinder eines Gottes, der liebt. 

Ach, damals ... Als Jesus sichtbar und spürbar bei den Menschen war und Hoffnung weckte. Wie gerne wäre ich dabei gewesen, als die versteinerten Herzen weicher wurden und Hoffnung groß. Mitten in einer harten Welt, in der das Recht des Stärkeren galt und die Würde der kleinen Leute mit Füßen getreten wurde! 

Aber hat sich denn die Welt seitdem verändert? Leider doch nicht wirklich. Die Macht regiert immer noch. Der Hunger in der Welt wächst wieder, Menschen sind auf der Flucht, totalitäre Regime gewinnen an Einfluss. Der Blick in die Zukunft unseres ausgeplünderten Planeten raubt vielen Menschen den Schlaf. 

Der Evangelist Johannes berichtet aber nicht nur davon, wie fünftausend Menschen damals satt wurden. Er erzählt auch etwas Rätselhaftes: Zwölf Körbe wurden mit Brocken, mit Brotresten gefüllt, die übrig geblieben waren. In der Sprache der Bibel bedeutet das: Es reicht auch für die anderen. Für die, die nicht dabei waren. Für die, die später leben würden – so wie wir. Diese Reste sind ein Zeichen dafür, dass sich immer wieder neue Wunder ereignen können, wenn Menschen Gott ihre Herzen öffnen. 

Ob das auch uns gilt? Dass solch ein Wunder sich ereignen kann? Ich hoffe und glaube: Ja! Wunder können uns überraschen und müssen nicht immer spektakulär oder gar übernatürlich sein. 

Auch das, was in der Geschichte mit den Jugendlichen geschah, war ein Wunder. Da wurde aus Einzelkämpfern, die auch noch gegeneinander waren, eine Gemeinschaft, in der alle miteinander teilten. Da bekamen erschöpfte und verängstigte Jugendliche neue Kraft und Zuversicht.

Es gibt die Momente im Leben und oft sind es die Momente, die aus brenzligen Situationen heraus erwachsen: Gott ist nahe.  

Manchmal bewegt uns der Geist Jesu und lässt uns über uns hinauswachsen!

Ich jedenfalls möchte nicht aufhören, daran zu glauben, dass Gott Wunder bewirken kann, auch heute noch. Ich möchte weiter davon träumen, dass eine bessere Welt möglich ist: Dass Menschen miteinander teilen und miteinander singen. Dass Menschen spüren: Wir sind alle Gottes Kinder und gehen gemeinsam durchs Leben: Als Geschwister in der Nähe und in der Ferne teilen wir, was Gott uns anvertraut hat. Ich weiß: Das klingt wie ein Traum. Aber wer mit Gott rechnet, der darf mit allem rechnen, auch mit dem Besten.

Amen

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